„Aufarbeitung der historischen Hintergründe von Straßennamen“ in Siegen

Beratung des Abschlussberichtes des Arbeitskreises in der heutigen Kulturausschusssitzung der Stadt Siegen

Spätestens seit der gemeinsamen Veranstaltung „Wem gehört die Geschichte?“ der Gesellschaft für christliche-jüdische Zusammenarbeit e.V. (CJZ) und des Aktiven Museum Südwestfalen e.V. (AMS) hätte man sich eine transparentere und partizipativere Heransgehensweise von Seiten der Siegener Stadtpolitik gewünscht. Vermutlich hätte man bereits nach der „Vorab“-Veröffentlichung in der Siegener Zeitung vom 8. Februar 2022 den durchaus nachvollziehbaren Weg eines Namens-„Konklaves“ verlassen sollen. Denn bis zum 20. Mai war der Abschlussbericht nicht im Ratsinformationssystem der Stadt abrufbar, obwohl der Tagesordnungspunkt in öffentlicher Sitzung beraten wird, und so hat folgende, vorsichtig formulierte Kritik vom 11. Februar 2022 [!] weiterhin Bestand:
“ …. Die Gesellschaft für christliche-jüdische Zusammenarbeit e.V. (CJZ) und das Aktive Museum Südwestfalen e.V. (AMS) begrüßen die aktuellen politischen Aktivitäten im Arbeitskreis Aufarbeitung der historischen Hintergründe von Straßennamen in Siegen der Stadt Siegen. Sie bringen damit langjährige Diskussionen zunächst in eine gute Form kommunaler Entwicklung, ohne allerdings für die hinreichende öffentliche [!] Beteiligung zu sorgen. Die mit der erinnerungskulturellen Bedeutung und Praxis von Straßennamen einhergehenden gesellschaftlichen Aktivitäten und Diskussionen gehören fraglos in einen öffentlichen Diskussionsraum, um eine Teilhabe aller [!] relevanten Personen, Institutionen, Akteurinnen und Akteure zu gewährleisten. Ein Arbeitskreis, der darauf verzichtet, schon zu Beginn breite Beteiligung und (wissenschaftliche) Beratung zu organisieren, vergibt womöglich die große Chance, mit der Zivilgesellschaft nachhaltige Lösungen zu entwickeln. …..“
Der Bericht wird weiter noch im Haupt- und Finanzausschuss am 08.06.2022 und im Rat der Stadt Siegen am 15.06.2022 beraten.

Schaut man auf die „Diskussion“ der Berichterstattung der Westfälischen Rundschau vom 20. Mai 2022 auf deren Facebook-Seite, wird deutlich, wie fachlich fundiert, offen und transparent eine solche Debatte hätte geführt werden müssen:


Seit gestern findet sich auf der Facebook-Seite der Rundschau ein weiterer Beitrag zum Thema:

Gleiches dürfte auch für einen Blick in die Leserbriefspalte der Siegener Zeitung gelten, die gestern den Abschlussbericht vorstellte. Auf deren Facebook-Seite gibt es in der Zwischenzeit zahlreiche Reaktionen:

23 Gedanken zu „„Aufarbeitung der historischen Hintergründe von Straßennamen“ in Siegen

  1. Bei der Erarbeitung der Kategorien gibt der Arbeitsbericht (S. 4 Z136-138) folgende Beispiele anderer Kommunen an:
    – Augsburg: https://www.augsburg.de/kultur/erinnerungskultur/umstrittene-strassennamen
    – Darmstadt: Im Blog des Stadtarchivs finden sich einige Einnträge zum Thema: https://dablog.hypotheses.org/?s=Stra%C3%9Fennamen
    – Freiburg: https://www.freiburg.de/pb/1017982.html
    – Hamburg: https://www.hamburg.de/bkm/strassennamen/13512150/ns-belastete-strassennamen/
    – Mainz: https://www.mainz.de/kultur-und-wissenschaft/bibliotheken-und-archive/stadtarchiv/historische-strassennamen.php

  2. Politisches Meinungsbild im Kulturausschuss:
    – Alle Parteien für Erklärschildchen und Bürger:innenbeteiligung.
    – CDU, AfD und GfS gegen Umbenennungen,
    – SPD will nur Irle, Stoecker und Hindenburg umbernennen
    – FDP, Grüne, Linke und Volt keine Änderung des Abschlussbericht.
    Nächster Schritt ist die Bürger:innenbeteiligung.

  3. Pingback: „Aufarbeitung der historischen Hintergründe von Straßennamen“ in Siegen – Archivalia

  4. In der heutigen Print-Ausgabe der Siegener Zeitung erschienen drei Leserbriefe zum Abschlussbericht: „Luxusprobleme“, „Unsinnige Gedanken“ und „Grünes Problem“.
    Zudem erschienen online hinter der Bezahlschranke zwei Artikel, die sich mit dem „Sonderfall“ Adolf Wurmbach befassen:
    – „Fall Wurmbach offenbart Balanceakt. Ein Prozesse, bei dem man viel gelernt hat“ und
    – „Traute Fries macht sich für Heimatdichter stark. „Für mich ist Adolf Wurmbach kein Nazi“.

    Zu Adolf Wurmbach sind auf siwiarchiv folgende Einträge erschienen:
    Vorarbeiten für eine noch zu schreibende Biographie Adolf Wurmbachs (2014)
    22. Oktober 1957: Bundesverdienstkreuz für Adolf Wurmbach (2014)
    Entnazifizierungsakte Adolf Wurmbach (2014)
    Sicherung der Bibliothek Adolf Wurmbachs (2017)

    s.a.
    Literaturtipp: „Westfälische Literatur im „Dritten Reich“. Die Zeitschrift Heimat und Reich.“ (2012)
    Literaturhinweis: Traute Fries „Die Deutsche Friedensgesellschaft. im Bezirk Sieg-Lahn-Dill in der Weimarer Republik. Eine historische Rekonstruktion“ (2013)
    „Siegerland“ Bd. 93 (2016) erschienen“

    • Der Abschlussbericht des Arbeitskreises besagt zu zu Wurmbach folgendes, so dass die ausführliche Berichterstattung etwas verwundert: “ …. Als unbelastet oder nur minderschwer belastet wurden in die Kategorie C eingestuft:
      Adolf‐Wurmbachstraße …..
      In diesen Fällen besteht kein Handlungsbedarf. Die Straßennamen können beibehalten
      werden und eine Kommentierung ist aus Sicht des Arbeitskreises nicht erforderlich. Im Falle von Adolf Wurmbach regt der Arbeitskreis an, diese für die Siegener Geschichte wichtige Persönlichkeit an einem geeigneten Ort in Geisweid besonders differenziert darzustellen. Als Präsentationsform könnte eine größere Texttafel in Frage kommen.. …“

  5. Stellungnahme der CDU-Stadtratsfraktion auf deren Facebook-Seite nach der Sitzung des Haupt und Finanzausschusses der Siegen zum Thema:
    „Wir als CDU-Fraktion sind gegen eine Umbenennung von Straßennamen.
    Nicht nur muss die immense Belastung der betroffenen Anwohner und Betriebe verhindert werden, auch die historischen Hintergründe der historischen Personen sehen wir zum Teil durch den Arbeitskreis zur Neubenennung von Straßennamen wissenschaftlich nicht differenziert genug dargestellt. Statt die Straßen umzubenennen, fordern wir Hinweisschilder anzubringen, um über die Gründe der Ehrung, aber auch die Kritikpunkte zu den entsprechenden historischen Personen aufzuklären.
    Zudem fordern wir eine Beteiligung/Befragung der betroffenen Menschen, die in den besagten Straßen leben und wohnen anstatt über ihre Köpfe hinweg zu entscheiden. „

  6. Am 14.6. erschien weiterer Leserbrief „Niemand zufrieden“ in der Siegener Zeitung und am 15.6 2 weitere: „Leichen im Keller“ und „Bezahlt nichts“.

  7. Heute erschien in der Siegener Zeitung der Artikel „Strassenschild auf die Schippe genommen. Diskussion um geehrte Nazis erhält humorvollen Beitrag.“ hinter der Bezahlschranke. Die nach dem antisemitischen Hofprediger Afolf Stöcker 1927 benannte Stöckerstrasse erhielt ein inoffizielle Zusatzschild, das auf den noch lebenden Werner Stöcker als Grund für die Benennung angibt. Werner Stöcker ist als hochdekorierter Ausdauersportler in Erscheinung getreten.

  8. Heute im Print der Westfälischen Rundschau ein Artikel zum Thema: „Nazi-Namen für Straßen: Das sagt Siegens Bürgermeister Mues. „Da sind Namen dabei, die muss man nicht auf Straßenschildern lesen“, sagt der Bürgermeister – gibt aber auch zu bedenken: Wo wird die Grenze gezogen, wenn es um belastete Personen geht?“

  9. Vor einigen Jahren im Siegener Stadtarchiv: Ein älterer Hobby-Stammbaum-Forscher störte die archivische Arbeitsatmosphäre, indem er einem anderen Hobby-Genealogen („Genitalogen“, wie mein früherer Chef zu lästern pflegte) quer durch den Lesesaal zurief „Ich bin ja sehr von Lothar Irle beeinflusst …!“ Der für meinen Geschmack etwas großkotzig auftretende Herr, der sich sicherlich für einen einigermaßen repräsentativen Siegerländer hielt, dürfte eine klare Meinung zum Thema der Straßenumbenennungen gehabt haben.

    In einer gegensätzlichen Meinungsäußerung heißt es nun: „Wir Nachgeborenen erheben uns moralisch und urteilen im Lichte heutiger Maßstäbe. Und werden dazu Schilder stürmen.“ Das könnte zum krönenden Abschluss der „Diskussionen“ erklärt werden, denn mit dem Verweis auf eigene moralische Überlegenheit lässt sich nur noch Klassenkampf betreiben, keine von gemeinschaftlichem Interesse (um nicht zu sagen von Neugier) getragene Erkenntnissuche. Man mag bedauern, dass die sich im Alleinbesitz „heutiger Maßstäbe“ glaubende Partei nichts Interessanteres aufzubieten hat. Fragbares und Fragwürdiges, dem die Stimmführer beider Lager bisher aus dem Wege gegangen sind, ließe sich ja durchaus noch entdecken und in echte Diskussionen einbringen. Ebenso bedauerlich ist, dass sich die Opponentenseite beharrlich der Einsicht verweigert, hier in mehr als ein bloß von wichtigtuerischen Querulanten erfundenes Scheinproblem hineingezogen worden zu sein. Wenn sich auch die meisten Siegener momentan wohl um existenziell Näherliegendes sorgen als um Straßennamen, so zeigt doch die weltweit zu beobachtende Infragestellung alter erinnerungskultureller Verbindlichkeiten, dass dem vielbeschworenen „Zeitgeist“ Besseres angemessen wäre, als sich ihm mit permanentem Herumeiern und zeitschindendem Taktieren entgegenzustellen. Daraus kann sich niemals ein Konsens für praktikable Entscheidungen ergeben (das Risiko einer teuren und aufwändigen Bevölkerungsbefragung als ergebnisoffenes Mittel „direkter Demokratie“ wird vermutlich keine der Parteien eingehen wollen). Vielleicht wird es ja irgendwann sogar die eine oder andere Alibi-Umbenennung geben (was den überführten Sexualstraftäter Luckner wegen fehlender NSDAP-Mitgliedschaft nach jetzigem Klassifikationsstand schon mal nicht treffen würde); mehr ist von Diskussionen nicht zu erwarten, wenn sie durch parteidisziplinäre Rücksichten und dem Schielen nach Wählergunst kontaminiert werden, und der Zank wird sich ad infinitum fortsetzen. Herr Hellwig hat ja recht: Eine den wie immer zu definierenden „heutigen Maßstäben“ gerecht werdende Erinnerungskultur „setzt Bürgerinnen und Bürger voraus, die geschichtlich interessiert und sensibel sind“. Wenn er jedoch fortfährt „und die schweigen derzeit“, muss man ihm in diesem gerade noch durchklingenden Optimismus nicht folgen: Vielleicht gibt es diese Bürgerinnen und Bürger, die er zum Reden bringen möchte, ja gar nicht. Der Mensch ist ein gegenwartsorientiertes und schon mit deutlichen Abstrichen zukunftsorientiertes Wesen. Aber wie hält er es (abgesehen von den paar Historikern und nostalgischen Lebensuntüchtigen) mit der Vergangenheit? Es ist ein anthropologisches Problem, dass sicherlich nicht die kommunalen Gremien der Stadt Siegen oder eine von ihnen eingesetzte Arbeitsgemeinschaft lösen werden. Den Resignierenden bleibt der Trost: „Jede Stadtbevölkerung hat die Erinnerungskultur, die sie verdient.“

    Es ist trivial, „im Lichte heutiger Maßstäbe“ urteilen zu wollen, denn das beanspruchen ohnehin alle für sich: Die „Progressiven“ (im weitesten Sinne) sowieso, aber auch die „Konservativen“ (wieder im weitesten Sinne), wenn sie ihre heute angelegten Maßstäbe mehr oder weniger evolutionär aus den früheren ableiten. In einer Grundannahme stimmen die „linken Revoluzzer“ und „rechten Ewiggestrigen“ (wie die Kontrahenten sich ja gern gegenseitig diffamieren) anscheinend überein: Straßen, Plätze, Gebäude, Eisenbahnzüge usw. mit den Namen historischer Personen zu versehen, sei in diesem 21. Jahrhundert, wie schon im 19., ein unverzichtbares Instrument von „Erinnerungskultur“. Und eben dieses Axiom kann in Frage gestellt werden.

    Straßenbenennungen im späteren 19. Jahrhundert dienten, wie das Aufstellen martialischer Denkmäler, der politischen Demonstration und Vergewisserung urbaner Einigkeit. Die auf Straßenschildern zur Schau gestellte Obrigkeits- und Vaterlandstreue waren weitgehend störungsfrei auslebbare mentale Realitäten. Zur politischen und militärischen „Heldenverehrung“ gesellte sich die spezifisch bildungsbürgerliche: Selbstverständlich gehörte eine Goethestraße ins Stadtbild, wo in den „guten Stuben“ die wohlfeile und hübsch gebundene Goethe-Gesamtausgabe zwecks Demonstration eigener Aufgeklärtheit museal präsentiert wurde. (Zum Lesen hatte man ja die Zeitung.) Dass gründerzeitlicher Helden- und Personenkult anderthalb Jahrhunderte später keinen unbedingten Konsens mehr finden, ist immerhin erfreulich. Fruchtbarer wäre es freilich gewesen, sich nach den Erfahrungen zweier Weltkriege frühzeitig zu einem Paradigmenwechsel durchringen zu können, anstatt eine hohle, billige Form sogenannter „Ehrung“ weiter zu hofieren.

    Vermutlich die für den Haardter Berg in Weidenau vorgesehene Zukunft als Hochschulstandort war das Motiv dafür, die neu angelegten Straßen der seit den 1960er Jahren entstandenen Wohnsiedlung nicht idyllisch nach Blumen, Käfern oder Bäumen zu benennen, sondern nach historischen Personen aus dem kulturellen Bereich: Brüder Grimm, Novalis, Rilke, Bruckner, Schumann, Riemenschneider, Dürer usw. Auf Politiker verzichtete man. Den Architekten Paul Bonatz würde man heute eher nicht mehr wählen und Richard Wagner vielleicht auch nicht, aber insgesamt kann das Ensemble wohl kaum als anrüchig gelten. Dennoch die Frage: Worin besteht hier die „Ehrung“? Und warum gab man gerade den ausgesuchten Persönlichkeiten, von denen ja meines Wissens keine einzige irgendwelche Beziehungen zum Siegerland hatte, Vorrang vor den zahllosen anderen ehrenwerten, die in Frage gekommen wären? Wenn es schon sein sollte, warum dann nicht auf Vorbilder ein wenig abseits vom bildungsbürgerlichen Mainstream zurückgreifen? War es wieder nur die gleiche alte Intention: „Bewährten Helden“ ein Denkmal setzen – zum Beweis, dass man als erfolgreicher Schulabsolvent ihre Namen parat hatte, ohne sich auf ihr Erbe ernsthaft einlassen zu müssen? Was hat es mit Friedrich Hölderlins Leben und Werk zu tun, dass sein Name einer Straße am Haardter Berg aufgepfropft wurde? Ist den Benennungs-Fanatikern jemals der Gedanke gekommen, dass er (wie viele andere ungefragte Namenspatrone) sich eine solche plumpe postume Verewigung vielleicht aus guten Gründen verbeten hätte? Und was die „politische Korrektheit“ der heutigen Weltenretter angeht: Will man den türkischstämmigen Anwohnern der Hölderlinstraße zumuten, dass dieselbe den Namen eines Dichters trägt, der in den griechisch-türkischen Konflikten seiner Zeit ganz gewiss nicht mit den osmanischen Besatzern sympathisiert hatte? Also umbenennen? Natürlich nicht! Aber vielleicht jetzt endlich damit anfangen, die anachronistische Praxis von Objektbenennungen, welche ohnehin oft nur von kleinen Interessentengruppen lanciert werden, ein für allemal aufzugeben. Diese Angewohnheit war ein historisches Phänomen, das schon allein deshalb nicht in Vergessenheit geraten wird, weil seine Auswirkungen aus pragmatischen Gründen (abgesehen hoffentlich von ein paar Ausnahmen) nicht konsequent rückgängig zu machen sind. Man muss aber „im Lichte heutiger Maßstäbe“ nicht noch länger daran festhalten. Wie neulich schon ein Zeitungskommentator anregte: Es gibt noch ein riesiges Reservoir potentieller Namen aus der Tier- und Pflanzenwelt, aus dem man bei Um- oder Neubenennungen schöpfen könnte. Fangen wir doch einfach mit dem Abarbeiten der „Roten Listen“ an – immerhin hätte das dann auch einen gewissen ernsthaften Bezug zum Treiben der Menschheit.

    Niemand wird jedoch so naiv sein zu glauben, dass eine solche Alternative in den diskussionsfreudigen Gremien jemals Anklang finden könnte. Schließlich gibt es genug gute Menschen, die sich für so ehrbar halten, dass sie der späteren Benennung einer Straße nach sich selbst wahrscheinlich nicht abgeneigt wären und, da dies voraussichtlich nie erfolgen wird, dann wenigstens den Namen einer/s der Ihren auf dem nächsten frei werdenden Schild lesen möchten. So fällt wenigstens noch ein schwacher Abglanz des Ruhmes auf sie. Logisch und taktisch klug wird dabei eher nicht argumentiert. Wie will man denn jemandem die Peinlichkeiten der Irle-Stoecker-Fissmer-Beweihräucherung bewusst machen, wenn man selbst bei der ersten sich bietenden Gelegenheit die Benennung eines vakanten Platzes in Weidenau nach einem mit Sicherheit wieder polarisierenden Kandidaten durchsetzt? Man hat damit nicht nur eine Person auf den Sockel gehoben, die in ihrer menschlichen Integrität sicherlich nachstrebenswert ist, sondern zugleich den Funktionär und Parlamentsabgeordneten einer Partei, die am Vorabend der NS-Diktatur nun wahrlich keine Ruhmesrolle in der deutschen Politik gespielt hatte (einschließlich antisemitischer Entgleisungen) und deren Kurs jeder in ihrer Hierarchie Aufgestiegene wenigstens „moralisch“ mit zu verantworten hatte. Es war ja schon zu lesen: Verdienste und Verfehlungen können und sollen nicht gegeneinander aufgerechnet werden. Das gilt dann aber für beide Lager. Doppelzüngigkeit ist es auch, wenn eine der Fraktionen mit der angeblich „immensen Belastung der betroffenen Anwohner und Betriebe“ durch Straßenumbenennungen Stimmung zu machen versucht, wo man sich doch sicher sein darf, dass ihr dieses dümmliche „Argument“ nicht mehr einfallen würde, stände etwa die Umbenennung der Kohlbettstraße in Helmut-Kohl-Straße zur Debatte.

    Als nächstes sollen ja die Frauen zu ihrem Recht kommen; lange Listen sind schon im Umlauf. Zweifellos sind Frauen irgendwie die besseren Menschen. Dann aber auch irgendwie ganz normale. Es bleibt zu hoffen – da der Benennungs-Unfug nun einmal nicht enden wird – dass hier nicht wieder vorschnell Entscheidungen getroffen werden, die in drei, zehn oder fünfzig Jahren zu neuem Katzenjammer führen, wenn dann Historiker tiefer graben und das im Moment vielleicht glänzende Bild der Geehrten trüben. Männliche Dumpfbacken vom unverdienten Sockel zu stoßen, mag einen gewissen sportlichen Reiz haben; bei Frauen, wenn sie erst einmal dort hingestellt wurden, wäre es unritterlich. Das wollen wir doch nicht.

    „Ehre nur, wem Ehre gebührt“, fordert Herr Hellwig ganz zu recht und von jedem unterschreibbar. Man könnte variieren: „Ehre allen, denen Ehre gebührt“ – aber bitte nicht durch oberflächliche Benennungszeremonien und Lippenbekenntnisse zum Ausdruck gebracht, sondern durch tätiges Anknüpfen an die als ehrenwert eingeschätzten Absichten und Leistungen jener Personen. Und, da Ehrwürdigkeit in keinem proportionalen Verhältnis zu Prominenz steht: „Gebührende Ehre den Namenlosen in gleichem Maße wie den Namhaften!“

  10. Pingback: Edith Langner (1913 – 1986) – eine Kandidatin für eine Strassenbenennung in Siegen | siwiarchiv.de

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