„Der Vergangenheit eine Zukunft geben“

Erzbischof Hans-Josef Becker beim 4. Tag der Pfarrarchive in Warstein-Belecke

V. l.: Michael Streit, zuständig für die Pfarrarchivpflege im Diözesanarchiv des Erzbistums Paderborn, Erzbischof Hans-Josef Becker und Diözesanarchivar Dr. Arnold Otto. Foto: Ingrid Schmallenberg


„Danke für Ihren Spürsinn und Ihre Motivation im Sinne der Spurensuche und des Archivwesens!“ Mit anerkennenden Worten hieß Erzbischof Hans-Josef Becker die Archivpflegerinnen und -pfleger des Erzbistums Paderborn am vierten Tag der Pfarrarchive in seiner Heimatgemeinde Belecke willkommen. 69 von insgesamt 100 Ehrenamtlichen waren der Einladung von Diözesanarchivar Dr. Arnold Otto zur gemeinsamen Tagung gefolgt. Sie nutzten die Gelegenheit zum Erfahrungsaustausch, ließen sich von den „Kollegen“ durch das Belecker Pfarrarchiv führen und bewunderten in der Schatzkammer des Propsteimuseums neben 300 Jahre alten liturgischen Gewändern eine Fülle kostbarer Kelche, Ziborien und Monstranzen aus dem 15. bis 16. Jahrhundert. Weiterlesen

Linktipp: Bernd D. Plaum: „Die Grippe im Siegerland 1918/20“

Auf der Homepage der Siegener Geschichtswerkstatt werden unter der Rubrik „Texte“ seit kurzem Beiträge publiziert. Den Anfang macht ein Beitrag des Siegerländer Regionalhistorikers Bernd D. Plaum zur „spanischen Grippe“ im Siegerland“. Diskutiert und kommentiert werden kann der Artikel auf der Seite der Geschichtswerkstatt.

Link- und Literaturtipp zur Gründungsgeschichte der Archivschule Marburg

Im hier bereits vorgestellten Blog der Marburger Archivschule widmete sich Robert Meier in einer Serie von zwölf Einträgen der Gründungsgeschichte der Archivschule, die zentrale Ausbildungseinrichtung für das Archivarierende in der Bundesrepublik – Mit Ausnahme Bayerns Linkliste s. u.).

Zudem erscheint bei der Historischen Kommission Hessen: Philip Haas / Martin Schürrer: Was von Preußen blieb. Das Ringen um die Ausbildung und Organisation des archivarischen Berufsstandes nach 1945. Hessische Historische Kommission Darmstadt und Historische Kommission für Hessen (Quellen und Forschungen zur hessischen Geschichte 183). Darmstadt / Marburg 2020

Liste der Blogbeiträge: Weiterlesen

Aufruf: Dokumentation der Corona-Pandemie im Kreisgebiet Siegen-Wittgenstein

Das Corona-Virus verändert zur Zeit das Leben von uns allen. Bewohnerinnen und Bewohner des Kreisgebietes Siegen-Wittgensteinmn, die über ihr aktuelles Leben analog oder digital Tagebuch führen, oder die Auswirkungen der Pandemie auf andere Art und Weise dokumentieren (Film, Foto , ….) möchten wir bitten, diese dem Kreisarchiv Siegen-Wittgenstein nach der Krise zur Verfügung zu stellen. Wir würden die wertvollen Quellen zu einer Ausnahmesituation sehr gerne archivieren.
Kontakt: t.wolf@siegen-wittgenstein.de

Gerhard Dapprich (1909 – 1988) – Bergrat und Bundesrichter aus Siegen

Ein Literaturfund und eine Einladung zum Weiterforschen.

Dr. jur. Ludwig Moritz Gerhard Dapprich

  • * 3. Dezember 1909 in Siegen, ev., Vater: Otto Arnold Dapprich, Kaufmann
  • 1916 – 1920 Besuch der Obenstruth-Schule in Siegen
  • 1920 – 1926 Realgymnasium in Siegen
  • 1926 – 1927 Höhere Handelsschule in Siegen
  • 1927 – 1928 kaufmännische Ausbildung bei I.G Reichswald in Siegen
  • 1928 – 1931 Oberrealschule Weidenau/Sieg, Abitur

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„Seuchen schüren gewaltige Ängste, weil sie jeden treffen können“

LWL-Historiker erklärt, warum Infektionskrankheiten wie das Corona-Virus ein Seismograf des Sozialen sind

Das neuartige Corona-Virus „SARS-CoV-2“ breitet sich auch in Deutschland weiter aus. Es werden immer mehr Schutzmaßnahmen ergriffen. Veranstaltungsabsagen, die Schließung von Schulen, Kitas und Museen, Hamsterkäufe in Supermärkten: Das öffentliche Leben kommt mehr und mehr zum Erliegen. Die Unruhe in der Bevölkerung nimmt zu. Prof. Dr. Malte Thießen, Historiker und Leiter des LWL-Instituts für westfälische Regionalgeschichte, erklärt im Interview, woher die Angst vor Seuchen kommt, welche historischen Beispiele es gibt und warum Seuchen ein Seismograf des Sozialen sind.

Herr Thießen, worin begründet sich die Angst vor Seuchen in der Gesellschaft?
Seuchen sind die sozialsten aller Krankheiten: Sie schüren gewaltige Ängste, weil sie jeden treffen können. Mitmenschen mutieren auf einmal zu Bedrohungen, Familie und Freunde hingegen zu schutzlosen Opfern. Die Seuche – das sind immer die Anderen. Bei der aktuellen Pandemie sind die Ängste umso größer, weil das Virus neu ist. Neue Krankheiten wirken immer bedrohlicher als bekannte. Der zurzeit gängige Vergleich mit der saisonalen Influenza bietet dafür ein Beispiel. So zynisch es klingen mag: Wir haben im Grunde gelernt, mit den Toten der Grippe zu leben – obwohl es gegen diese Krankheit Impfungen gibt.

Warum ist die Angst gerade vor dem Corona-Virus so groß?
Das Neuartige befördert außerdem die Verbreitung von Vermutungen und Verschwörungstheorien, die im digitalen Zeitalter schnell „viral gehen“. Menschen möchten das Unbekannte einordnen, um Sicherheit zu gewinnen und ihr Leben planen zu können – ein ganz natürlicher Prozess. Leider greifen wir dabei mitunter auf Stereotype und Deutungen zurück, die wenig mit der medizinischen Lage, sondern mehr mit unseren Weltbildern zu tun haben. Sorgen vor Migranten oder „Randgruppen“, vor gewinnsüchtigen Pharmaunternehmen, vor einem allmächtigen oder vor einem hilflosen Staat befördern die Ängste. Diese Ängste sind dann mitunter ebenso gefährlich wie die Seuche selbst, wie die gegenwärtigen Hamsterkäufe von Sterilisationsmitteln und Schutzmasken zeigen.

Welche historischen Beispiele für Seuchenausbrüche gibt es?
Besonders beliebt sind momentan Bezüge auf die Pestpandemien der 1340er Jahre oder auf die Spanische Grippe von 1918/19. Diese Liste des Grauens lässt sich aber problemlos auch für die jüngere Zeit fortsetzen. So forderten Kinderlähmung und Diphtherie bis in die 1960er Jahre tausende Opfer, vor allem unter Kindern. Noch in den 1970er Jahren wurden immer wieder die Pocken in die Bundesrepublik eingeschleppt, der Ausbruch von AIDS/HIV in den 1980er Jahren wiederum forderte ebenfalls unzählige Tote.

Was lässt sich aus dieser Geschichte für die Gegenwart lernen?
Die Seuchengeschichte macht die Gefahren von Stereotypen sichtbar. Während der Pestepidemien gerieten beispielsweise immer wieder die jüdischen Einwohner von Städten ins Visier. Sie wurden als Pestbringer ausgegrenzt und sogar ermordet. Es wäre aber zu einfach, solche Ausgrenzungen nur auf ein „finsteres Mittelalter“ zu reduzieren. Die Ausgrenzungen von Schwulen in den 1980er Jahren, in denen AIDS als Homosexuellen-Seuche Schlagzeilen machte, sind ein nicht minder abschreckendes Beispiel für ganz reale Bedrohungen, die von Stereotypen ausgehen. Wir sollten also vorsichtig sein mit vorschnellen Zuschreibungen und Stereotypen und uns bewusstmachen, dass Menschen noch heute ausgesprochen mittelalterlich reagieren können.

Was für Bekämpfungsstrategien stehen damals wie heute im Fokus? Wie sollte die Politik reagieren?
Isolation und Quarantäne sind seit Jahrhunderten das beliebteste Mittel der Seuchenbekämpfung. Bereits während der Pestzüge wurden ganz Städte und Landstriche abgeriegelt. Allerdings gibt es aus historischer Perspektive auch Schwierigkeiten mit dieser Strategie. Schon für das 13. und 14. Jahrhundert finden wir Belege, dass sich Bevölkerungskreise aus der Isolation freikauften oder Waren- und Menschenströme nicht konsequent kontrolliert wurden. In der Moderne ist der Erfolg von Isolations- und Quarantänemaßnahmen fragwürdiger denn je. Selbst in China, das heute wegen seiner rigiden Maßnahmen gegen Corona oft als Vorbild gepriesen wird, griffen die Isolationsmaßnahmen nach Ansicht vieler Virologen zu spät. Eine schnelle Isolation lokal klar eingrenzbarer Seuchenherde ist selbstverständlich sinnvoll. Im globalen Zeitalter sind derart klar eingrenzbare Seuchenherde aber eine seltene Ausnahmeerscheinung.

Gibt es denn noch andere Bekämpfungsstrategien?
Sinnvollere politische Maßnahme sind daher eine offensive Aufklärungsarbeit und die Verstärkung gesundheitspolitischer Strukturen. Den Kampf gegen eine Pandemie müssen wir alle führen. Der Erfolg der Seuchenbekämpfung hängt ganz wesentlich von unserem alltäglichen Verhalten ab. Dafür müssen wir gut informiert sein und Handlungsmöglichkeiten kennen. Die Verstärkung gesundheitspolitischer Strukturen ist selbstverständlich jederzeit wichtig, in Seuchenzeiten aber besonders gefragt.

In Ihren wissenschaftlichen Studien beschreiben Sie „Seuchen als Seismograf des Sozialen“. Wie sozial ist der aktuelle Umgang mit dem Corona-Virus?
Tatsächlich halte ich Seuchen für einen Seismografen des Sozialen, der Erschütterungen der Gesellschaft sichtbar macht. Seuchen sind ein Stresstest für die Gesellschaft. Sie legen soziale Bindekräfte, Verwerfungen und Konflikte offen. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt hinterlässt dieser Stresstest einen zwiespältigen Eindruck: Einerseits sind krude Verschwörungstheorien, Hetze gegen Minderheiten als Seuchenherde, aber auch die Hamsterkäufe medizinischer Ressourcen ein Signal für Gefährdungen gesellschaftlichen Zusammenhalts. Andererseits sehen wir gerade im sozialen Nahbereich viele Formen solidarischen und verantwortungsvollen Verhaltens, das uns Mut machen und Vorbild sein sollte: Das Einkaufen für ältere Menschen im Nachbarhaus, die Unterstützung von Pflegekräften und Ärzten oder die umsichtige Selbstisolation potenziell Erkrankter zeigt dann vielleicht doch, dass wir aus der Seuchengeschichte gelernt haben.

Hörfassung des Interviews:

Quelle: LWL, Pressemitteilung, 18.3.2020

Literaturhinweis: Olaf Wagener: „Forts in den Kolonien

See-Expeditionen der Niederlande und Schwedens im 17. und 18. Jahrhundert
128 Seiten, 84 Abbildungen, 21 x 27 cm, gebunden, ISBN: 978-3-96176-071-8

„Zu Beginn des 17. Jahrhunderts gründeten niederländische Handelskompanien Forts und Stützpunkte rund um den Globus: von Nordamerika über die Karibik bis nach Brasilien, von West- und Südafrika über Sri Lanka bis ins ferne Taiwan.

Der vorliegende Band stellt diese Unternehmungen vor und erzählt die Geschichte der niederländischen Kolonialforts, so auch den Konflikt mit den Schweden in Nordamerika. Die Niederlande und ihre Handelskompanien verstanden dabei manche Forts als Beginn einer dauerhaften Besiedlung, wie am Kap der Guten Hoffnung. Manchmal waren es aber auch nur kleine, bescheidene Forts mit nur wenigen Dutzend Mann Besatzung. Für eine kurze Zeit im 17. Jahrhundert entwickelten sich die Schweden zu einem ernsten Gegner der Niederländer im Gebiet der heutigen USA, das sie aber schnell aufgeben mussten. Weiterlesen

Hermann Kuhmichel (1898-1965) als Soldat im Zweiten Weltkrieg

Angaben zu Truppenteilen, Dienstgrad und Kriegsgefangenschaft.

Im November vergangenen Jahres führte eine Ausstellung über den Siegerländer Künstler Hermann Kuhmichel zu einer intensiven Diskussion hier auf siwiarchiv. In deren Verlauf die Bewertung des Künstlers in der Zeit des Nationalsozialismus im Mittelpunkt stand. Allerdings zeigte die Diskussion auch, dass grundlegende Recherchen bis dahin noch nicht erfolgt waren. Dies betraf bspw. die Zeit Kuhmichels als Soldat im Zweiten Weltkrieg. Eine Recherche beim Bundesarchiv ergab nun Folgendes:

„In den …. Beständen des Bundesarchivs, Abteilung PA – Reinickendorf
(bis 31.12.2018 Deutsche Dienststelle [WASt]) liegen zu Angehörige von Heer
und Luftwaffe in der Regel keine Personalakten vor. Daher [mussten] die Angaben zu
dem Gesuchten in verschiedenen Verzeichnissen und Karteien ermittelt werden.
Aus den Erkennungsmarkenverzeichnissen und Veränderungsmeldungen der
Wehrmacht sind [die Truppenteile, denen Kuhmichel angehörte, die Dienstgrade Kuhmichels sowie Angaben zur Kriegsgefangenschaft Kuhmichels] zu entnehmen: Weiterlesen

#archivesindnichtneutral – Fazit einer Blogparade

#archivesindnichtneutral fokussierte sich fast ausschließlich auf die Diskussion in den Kommentaren zum Aufruf über die vermeintliche Neutralität archivischer Bewertungsentscheidungen. Andere Aspekte archivischer Arbeit – Erschließung, Zugänglichmachung – blieben unberücksichtigt. Die Rolle der Archive in der demokratischen Gesellschaft blieb ebenfalls undiskutiert.
Lediglich das Stadtarchiv Darmstadt weitete mit seinem Beitrag den Blick auf das Thema.
Welches Fazit kann man nun ziehen? Ist den Archivierenden wie auch den Archivnutzenden gleichgültig, ob Archive neutral sind bzw. sein sollten? Wenn ja, wie steht es dann um die Bedeutung von Archiven als systemrelevante Eckpfeiler einer demokratischen Gesellschaft – in Zeiten, in denen diese von einer nicht mehr zu vernachlässigenden Anzahl von Bürger*innenin Frage gestellt wird?