„Seuchen schüren gewaltige Ängste, weil sie jeden treffen können“

LWL-Historiker erklärt, warum Infektionskrankheiten wie das Corona-Virus ein Seismograf des Sozialen sind

Das neuartige Corona-Virus „SARS-CoV-2“ breitet sich auch in Deutschland weiter aus. Es werden immer mehr Schutzmaßnahmen ergriffen. Veranstaltungsabsagen, die Schließung von Schulen, Kitas und Museen, Hamsterkäufe in Supermärkten: Das öffentliche Leben kommt mehr und mehr zum Erliegen. Die Unruhe in der Bevölkerung nimmt zu. Prof. Dr. Malte Thießen, Historiker und Leiter des LWL-Instituts für westfälische Regionalgeschichte, erklärt im Interview, woher die Angst vor Seuchen kommt, welche historischen Beispiele es gibt und warum Seuchen ein Seismograf des Sozialen sind.

Herr Thießen, worin begründet sich die Angst vor Seuchen in der Gesellschaft?
Seuchen sind die sozialsten aller Krankheiten: Sie schüren gewaltige Ängste, weil sie jeden treffen können. Mitmenschen mutieren auf einmal zu Bedrohungen, Familie und Freunde hingegen zu schutzlosen Opfern. Die Seuche – das sind immer die Anderen. Bei der aktuellen Pandemie sind die Ängste umso größer, weil das Virus neu ist. Neue Krankheiten wirken immer bedrohlicher als bekannte. Der zurzeit gängige Vergleich mit der saisonalen Influenza bietet dafür ein Beispiel. So zynisch es klingen mag: Wir haben im Grunde gelernt, mit den Toten der Grippe zu leben – obwohl es gegen diese Krankheit Impfungen gibt.

Warum ist die Angst gerade vor dem Corona-Virus so groß?
Das Neuartige befördert außerdem die Verbreitung von Vermutungen und Verschwörungstheorien, die im digitalen Zeitalter schnell „viral gehen“. Menschen möchten das Unbekannte einordnen, um Sicherheit zu gewinnen und ihr Leben planen zu können – ein ganz natürlicher Prozess. Leider greifen wir dabei mitunter auf Stereotype und Deutungen zurück, die wenig mit der medizinischen Lage, sondern mehr mit unseren Weltbildern zu tun haben. Sorgen vor Migranten oder „Randgruppen“, vor gewinnsüchtigen Pharmaunternehmen, vor einem allmächtigen oder vor einem hilflosen Staat befördern die Ängste. Diese Ängste sind dann mitunter ebenso gefährlich wie die Seuche selbst, wie die gegenwärtigen Hamsterkäufe von Sterilisationsmitteln und Schutzmasken zeigen.

Welche historischen Beispiele für Seuchenausbrüche gibt es?
Besonders beliebt sind momentan Bezüge auf die Pestpandemien der 1340er Jahre oder auf die Spanische Grippe von 1918/19. Diese Liste des Grauens lässt sich aber problemlos auch für die jüngere Zeit fortsetzen. So forderten Kinderlähmung und Diphtherie bis in die 1960er Jahre tausende Opfer, vor allem unter Kindern. Noch in den 1970er Jahren wurden immer wieder die Pocken in die Bundesrepublik eingeschleppt, der Ausbruch von AIDS/HIV in den 1980er Jahren wiederum forderte ebenfalls unzählige Tote.

Was lässt sich aus dieser Geschichte für die Gegenwart lernen?
Die Seuchengeschichte macht die Gefahren von Stereotypen sichtbar. Während der Pestepidemien gerieten beispielsweise immer wieder die jüdischen Einwohner von Städten ins Visier. Sie wurden als Pestbringer ausgegrenzt und sogar ermordet. Es wäre aber zu einfach, solche Ausgrenzungen nur auf ein „finsteres Mittelalter“ zu reduzieren. Die Ausgrenzungen von Schwulen in den 1980er Jahren, in denen AIDS als Homosexuellen-Seuche Schlagzeilen machte, sind ein nicht minder abschreckendes Beispiel für ganz reale Bedrohungen, die von Stereotypen ausgehen. Wir sollten also vorsichtig sein mit vorschnellen Zuschreibungen und Stereotypen und uns bewusstmachen, dass Menschen noch heute ausgesprochen mittelalterlich reagieren können.

Was für Bekämpfungsstrategien stehen damals wie heute im Fokus? Wie sollte die Politik reagieren?
Isolation und Quarantäne sind seit Jahrhunderten das beliebteste Mittel der Seuchenbekämpfung. Bereits während der Pestzüge wurden ganz Städte und Landstriche abgeriegelt. Allerdings gibt es aus historischer Perspektive auch Schwierigkeiten mit dieser Strategie. Schon für das 13. und 14. Jahrhundert finden wir Belege, dass sich Bevölkerungskreise aus der Isolation freikauften oder Waren- und Menschenströme nicht konsequent kontrolliert wurden. In der Moderne ist der Erfolg von Isolations- und Quarantänemaßnahmen fragwürdiger denn je. Selbst in China, das heute wegen seiner rigiden Maßnahmen gegen Corona oft als Vorbild gepriesen wird, griffen die Isolationsmaßnahmen nach Ansicht vieler Virologen zu spät. Eine schnelle Isolation lokal klar eingrenzbarer Seuchenherde ist selbstverständlich sinnvoll. Im globalen Zeitalter sind derart klar eingrenzbare Seuchenherde aber eine seltene Ausnahmeerscheinung.

Gibt es denn noch andere Bekämpfungsstrategien?
Sinnvollere politische Maßnahme sind daher eine offensive Aufklärungsarbeit und die Verstärkung gesundheitspolitischer Strukturen. Den Kampf gegen eine Pandemie müssen wir alle führen. Der Erfolg der Seuchenbekämpfung hängt ganz wesentlich von unserem alltäglichen Verhalten ab. Dafür müssen wir gut informiert sein und Handlungsmöglichkeiten kennen. Die Verstärkung gesundheitspolitischer Strukturen ist selbstverständlich jederzeit wichtig, in Seuchenzeiten aber besonders gefragt.

In Ihren wissenschaftlichen Studien beschreiben Sie „Seuchen als Seismograf des Sozialen“. Wie sozial ist der aktuelle Umgang mit dem Corona-Virus?
Tatsächlich halte ich Seuchen für einen Seismografen des Sozialen, der Erschütterungen der Gesellschaft sichtbar macht. Seuchen sind ein Stresstest für die Gesellschaft. Sie legen soziale Bindekräfte, Verwerfungen und Konflikte offen. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt hinterlässt dieser Stresstest einen zwiespältigen Eindruck: Einerseits sind krude Verschwörungstheorien, Hetze gegen Minderheiten als Seuchenherde, aber auch die Hamsterkäufe medizinischer Ressourcen ein Signal für Gefährdungen gesellschaftlichen Zusammenhalts. Andererseits sehen wir gerade im sozialen Nahbereich viele Formen solidarischen und verantwortungsvollen Verhaltens, das uns Mut machen und Vorbild sein sollte: Das Einkaufen für ältere Menschen im Nachbarhaus, die Unterstützung von Pflegekräften und Ärzten oder die umsichtige Selbstisolation potenziell Erkrankter zeigt dann vielleicht doch, dass wir aus der Seuchengeschichte gelernt haben.

Hörfassung des Interviews:

Quelle: LWL, Pressemitteilung, 18.3.2020

Literaturhinweis: Olaf Wagener: „Forts in den Kolonien

See-Expeditionen der Niederlande und Schwedens im 17. und 18. Jahrhundert
128 Seiten, 84 Abbildungen, 21 x 27 cm, gebunden, ISBN: 978-3-96176-071-8

„Zu Beginn des 17. Jahrhunderts gründeten niederländische Handelskompanien Forts und Stützpunkte rund um den Globus: von Nordamerika über die Karibik bis nach Brasilien, von West- und Südafrika über Sri Lanka bis ins ferne Taiwan.

Der vorliegende Band stellt diese Unternehmungen vor und erzählt die Geschichte der niederländischen Kolonialforts, so auch den Konflikt mit den Schweden in Nordamerika. Die Niederlande und ihre Handelskompanien verstanden dabei manche Forts als Beginn einer dauerhaften Besiedlung, wie am Kap der Guten Hoffnung. Manchmal waren es aber auch nur kleine, bescheidene Forts mit nur wenigen Dutzend Mann Besatzung. Für eine kurze Zeit im 17. Jahrhundert entwickelten sich die Schweden zu einem ernsten Gegner der Niederländer im Gebiet der heutigen USA, das sie aber schnell aufgeben mussten. Weiterlesen

LWL bietet freien Zugang zu rund 100 Westfalen-Filmen

Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) möchte allen Menschen in Westfalen in dieser Zeit ein Stück westfälischer Kultur nach Hause liefern. Darum stellt das LWL-Medienzentrum ab heute sämtliche Filme im Download-Bereich seines Westfalen Medien Shops frei zur Verfügung. Das Angebot umfasst rund 100 Dokumentationen, Kurzfilme und Reportagen zur Region und Geschichte Westfalens. Damit reagiert der LWL darauf, dass das Corona Virus auch in der Region Westfalen das öffentliche und private Leben einschränkt. Museen und Kinos werden geschlossen, Theateraufführungen und Konzerte abgesagt. Weite Teile des kulturellen Lebens kommen erst einmal zum Erliegen.

Für das Kreisgebiet dürften folgende Titel interessant sein:
„Vergangenheit, wir kommen!“ Spurensuche im Archiv s. Eintrag auf siwiarchiv
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Regionalhistorische Literatur zur Seuchengeschichte in den Altkreisen Siegen und Wittgenstein

– Bauer, Eberhard: Vorbeugende Maßnahmen gegen eine drohende Epidemie 1770, in: Wittgenstein, Jg. 91 (2003), Bd. 67, Heft 2, S. 54-57
– Bauer, Gustav: Die Pest in Laasphe im Jahre 1597, in: Mitt. Jg. 4/H. 2/S. 45-48 auch in Wittgensteiner Heimatbuch 38/S. 55-58 und Wittgensteiner Heimatbuch I/S. 335-33
– Bingener, Andreas: „Der Schwarze Tod und andere Infektionskrankheiten: neue Funde in den Siegener Bürgermeisterrechnungen des 16. Jahrhunderts“, in: Siegener Beiträge 2 (1997), S.32–37.
– Böttger, Hermann: Krieg und Pest im 17. Jahrhundert, in: Böttger, Hermann ; Weyer, Wilhelm ; Lück, Alfred:
Geschichte des Netpherlandes, Netphen 1967, S. 86ff
– Imhof, Heinrich: Seuchen, Krankheiten und deren Behandlungsmethoden in früheren Zeiten, in: Wittgenstein, Jg. 100 (2012), Bd. 76, Heft 3, S. 113-124(Teil 1)Wittgenstein, Jg. 100 (2012), Bd. 76, Heft 4, S. 145-155 (Teil 2)
– Jung, Rudolf: Die Einführung der Pockenschutzimpfung im Siegerland, in Siegener Zeitung, 19.5.1923
– Jung, Rudolf: Die Einführung der Pockenschutzimpfung im Lande Siegen, in Heimatland 1932, S. 11-14
– „Kurze Anleitung, wie der Landmann und diejenige, so keinen Arzt erlangen können, bey herumgehende Ruhr und in denen Jahreszeiten, da solche gewöhnlich sich einzufinden pflegen, sich zu verhalten haben, für die Fürstl. Oranien Nassauische Landen entworfen“, o. o. 1779, 32 S.
– Lange, August: Pockenschutzimpfung vor 150 Jahren, in: Wittgenstein, Jg. 71 (1983), Bd. 47, Heft 2, S. 53-56
– „Pestepidemien wüteten im Siegerland. Die Geißel unserer Vorfahren“, in: Westfalenpost v. 14.1.1950
– „Reisende wurden durch Essig. Seuchenbekämpfung von 250 Jahren. Landreiter und Förster bewachten die Grenze“, in: Unser Heimatland, Jg. 38 (1970), S. 64
– Schäfer, Wilhelm ; Schuffenhauer, Hans [Bearb.]: Die Pest im Dorf, in: Dreis-Tiefenbach. Eine Chronik meines Heimatortes, Siegen 1962, S. 185ff
– Schenck, Karl Albert: Geschichte der Kuhpocken-Impfumg im Fürstentum Siegen, in: Dillenburgische Intelligenz Nachrichten, Jg. 1801, Sp. 329 – 335
– Schneider, Herbert: Furchtbar hausten die Blattern. Vor 150 Jahren erste Pockenschutzimpfung im Siegerland, in Westfalenpost, v. 2.6.1951
– Ulrichs, Karl Friedrich: „Die Pest in Siegen: behördliches, ärztliches undkirchliches Vorgehen“, in: Siegener Beiträge 2 (1997), S.18–31.
– Wurmbach, Adolf: Die Pest in Dreisbach, in: Wurmbach, Adolf: Siegerländer Sagen, Siegen 1967, S. 194 – 195

Stadtbibliothek Kreuztal öffnet Onleihe für Interessierte

Um die Bibliothek von zu Hause aus zu nutzen, öffnet sie Zugang zur Onleihe. In Zeiten von Corona zu Hause zu bleiben kann schnell langweilig werden… Die Stadtbibliothek Kreuztal schaltet deshalb auf telefonische Anfrage die Nutzung der Onleihe für alle interessierten Kundinnen und Kunden bis Ende April frei.

Dieser Service ist kostenlos und bietet Zugriff auf rund 75 000 EBooks, EAudios, EMagazines und EPapers (also elektronische Bücher, Hörbücher, Hörspiele, Zeitschriften und Zeitungen für Kinder, Jugendliche und Erwachsene). Interessierte können sich unter 02732/51-412 melden.

via Archivalia

zeit.punkt NRW: Zeitungen aus dem Altkreis Wittgenstein online

Ausschnitt aus der Startseite des Projektes (Screenshot)

Im August 2018 hat siwiarchiv das nordrhein-westfälische Zeitungsportal vorgestellt. Seit Anfang März sind dort folgende Zeitungen aus dem Altkreis Wittgenstein online: