Linktipp zur virtuelle Rekonstruktion der Siegener Synagoge

Homepage des Projekts

Zum Gedenken an die Reichspogromnacht lassen die Multimedia-Künstlerin Gabriela von Seltmann und ihr internationales Team die Siegener Synagoge virtuell auferstehen. In einer animierten Video- und Klang-Installation erhebt sich die am 10. November 1938 niedergebrannte Synagoge aus den Trümmern und erscheint an der Außenwand des Hochbunkers (Aktives Museum Südwestfalen) in ihrer einstigen Gestalt. Das 1904 eingeweihte Zentrum der Siegerländer Juden kehrt zurück in das Gedächtnis der Stadt. Während der zwei- und dreidimensionalen Animation sind historische und zeitgenössische Aufnahmen von synagogalen Gesängen zu hören.
Die Premiere der ersten virtuellen Rekonstruktion einer Synagoge in Deutschland soll stellvertretend die über 1400 Synagogen und Bethäusern ins Gedächtnis rufen, die in der sogenannten Reichskristallnacht im November 1938 zerstört wurden. Das einzigartige Ereignis wird in den Zuschauern vor Ort und weltweit (Live-Übertragung im Internet) vielfältige Emotionen erwecken – die virtuelle Rekonstruktion der Siegener Synagoge erreicht nicht nur die Köpfe, sondern auch die Herzen und Seelen. Für manche Zuschauer wird das Ereignis die erste Begegnung mit der jüdischen Kultur und dem Judentum überhaupt sein.

Die Universitäts- und Industriestadt Siegen zählt rund 100.000 Einwohner und liegt etwa 130 Kilometer nördlich von Frankfurt (Main) und 90 Kilometer östlich von Köln. Der Kreis Siegen-Wittgenstein ist seit 1973 durch eine offizielle Partnerschaft eng verbunden mit dem Kreis Emek Hefer in Israel. Bei der Partnerschaft handelt es sich um die erste offizielle Kreispartnerschaft zwischen Deutschland und Israel.

Das Projekt der virtuellen Rekonstruktion der Siegener Synagoge ist eine deutsch-polnisch-ungarische und zugleich jüdisch-christliche Co-Produktion. Die Künstler stammen aus Ländern, in denen wie in Ungarn und Polen nationalistisch-autokratische Regierungen die Demokratie in autoritäre Staatsformen umwandeln und in denen – wie auch in Deutschland – der Antisemitismus in alle Bevölkerungsschichten eindringt. Das Projekt ist also auch als Warnung und Mahnung vor wachsender Judenfeindschaft gedacht – gemäß der Worte des Literaturnobelpreisträgers Hermann Hesse: „Es kommt alles wieder, was nicht bis zu Ende gelitten und gelöst ist.“
Zugleich wird bei der Open-Air-Veranstaltung die 2018 uraufgeführte virtuelle Rekonstruktion der Großen Synagoge Warschau gezeigt – als grenzübergreifendes Zeichen dafür, dass Tod und Zerstörung durch Erinnerung, Versöhnung und Liebe überwunden werden können. Das 1878 erbaute Wahrzeichen des einst blühenden jüdischen Lebens in Warschau war am 16. Mai 1943 von der SS gesprengt worden. Das Warschauer Ghetto steht – neben Auschwitz – als Symbol für die Vernichtung des europäischen Judentums durch die Deutschen. In Warschau war vor der Schoah mit über 300.000 Mitglieder die größte jüdische Gemeinde Europas beheimatet. ….

Die Synagoge Siegen
Die Siegener Synagoge wurde von dem renommierten Berliner Architekten Eduard Fürstenau (1862–1938) entworfen. Der Gottesdienstraum bot unten 90 Sitzplätze für Männer und auf der Empore 70 für Frauen. Die Gottesdienste wurden von einem Chor und einem Harmonium musikalisch umrahmt. Das Gebäude enthielt zudem einen Schulraum, ein rituelles Bad und eine Hausmeisterwohnung.
Die am 22. Juli 1904 eingeweihte Synagoge wurde gegen Mittag des 10. Novembers 1938 von Siegener SA- und SS-Männern in Brand gesteckt. Die Feuerwehr konzentrierte sich darauf, das Überspringen des Feuers auf die umliegenden Gebäude zu verhindern. Die zahlreichen Schaulustigen verhielten sich ruhig, weder Beifallsbekundungen noch Protest waren zu vernehmen. Nach der Zerstörung verlangten die NS-Behörden von der Gemeinde den Abbruch der Ruine und den Verkauf des Grundstücks. Die Kosten des Abbruchs hatte die Gemeinde zu übernehmen. Das Grundstück ging am 20. Juli 1940 – fast auf den Tag genau 36 Jahre nach Einweihung der Synagoge – weit unter Wert an die Stadt Siegen. 1941 baute die Stadt auf dem Grundstück einen Luftschutzbunker. Nichts sollte mehr daran erinnern, dass hier eine Synagoge gestanden hatte.

Mitwirkende Künstler

GABRIELA (GABI) VON SELTMANN (Hilchenbach/Warschau) zählt zu den bedeutendsten Protagonistinnen der jüdischen Kulturszene (Foreign Policy/USA, 2020). Ihr Spektrum umfasst animierte Video-Clips, Dokumentarfilme, avantgardistisches Musiktheater und visuelle Großprojekte. Mit ihren Projekten möchte sie das reichhaltige Erbe der jüdischen Kultur bewahren und wiederbeleben.
https://gabivonseltmann.com/

Das polnisch-ungarische Künstlerpaar ELWIRA WOJTUNIK und POPESZ CSABA LÁNG (Krakau) präsentiert unter dem Label Elektro Moon Vision seine interaktiven Multimedia-Installationen,
Animationen und Augmented-Reality-Kunstprojekten auf fast allen Kontinenten.
https://elektromoon.com/

MARCIN LENARCZYK (Warschau) aka DJ Lenar ist ein international gefragter Filmkomponist, Sound-Designer, Sound-Engineer und Avantgardemusiker.
Die im ukrainischen Tschernobyl geborene und in Tel Aviv und Wien ausgebildete Sängerin

SVETA KUNDISH (Berlin) ist in Konzertsälen ebenso zu Hause wie in Synagogen: Seit 2018 leitet sie als Vorbeterin und Kantorin die Gottesdienste in der Jüdischen Gemeinde Braunschweig.
https://www.pattysounds.com/sveta-kundish–patrick-farrell-de.html

Die Fotografin und Scherenschnitt-Künstlerin MONIKA KRAJEWSKA (Warschau) widmet sich seit über 40 Jahren der jüdischen Kunst. Mit ihren Scherenschnitten hat sie das von den Nationalsozialisten weitgehend ausgelöschte Kunsthandwerk des osteuropäisch-jüdischen Scherenschnitts neu belebt.
https://jewish-heritage-europe.eu/have-your-say/powerful-papercuts/

MAREK GAJCZAK (Krakau) gehört zu den bedeutendsten Kameramännern und Bildregisseuren (Director of Photography) des polnischen zeitgenössischen Films.
http://www.gajczak.pl/

UWE VON SELTMANN (Hilchenbach/Warschau) beschäftigt sich seit über 30 Jahren sowohl mit der jüdischen Geschichte und Kultur als auch mit den familiären, gesellschaftlichen und politischen Auswirkungen der NS-Zeit auf die Gegenwart. Zuletzt erschien im März 2021 „Wir sind da!“, das offizielle Buch zum Jubiläumsjahr „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ (homunculus verlag Erlangen).
https://uwe-von-seltmann.de

Die virtuelle Rekonstruktion der Siegener Synagoge findet auf Initiative der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Siegerland (CJZ) statt. Die 1959 gegründete CJZ erinnert seit 1965 alljährlich am Platz der zerstörten Synagoge an die Reichspogromnacht von 1938. Das diesjährige Gedenken am 9. November 2021 findet im Rahmen des Jubiläumsjahres „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ statt.
www.cjz-siegen.de

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