Medienecho:
– Westfalenpost, 18.6.2026

Westfälische Rundschau, 18.6.26
– Radio Siegen:
Steffen Ziegler, Interview mit Dr. Jens Aspelmeier und Michael Guse: https://www.siwiarchiv.de/wp-content/uploads/2026/06/stz-0621-aktives-museum-interview.mp3
Medienecho:
– Westfalenpost, 18.6.2026

Westfälische Rundschau, 18.6.26
Siegener Zeitung, 24.6.2026:

– Neue Daueraustellung im Aktiven Museum Südwestfalen, WDR, Lokalzeit Südwestfalen, 25.6.2026, Link: https://www1.wdr.de/mediathek/video/sendungen/lokalzeit-suedwestfalen/lokalzeit-suedwestfalen-clip-wdr-lokalzeit-suedwestfalen–25-06-2026-100.html (verfügbar bis 25.6.2028)
– Studiogespräch: Jens Aspelmeier, Vorstand Aktives Museum Südwestfalen, WDR, Lokalzeit Südwestfalen, 25.6.2026, Link: https://www1.wdr.de/mediathek/video/sendungen/lokalzeit-suedwestfalen/lokalzeit-suedwestfalen-clip-wdr-lokalzeit-suedwestfalen–25-06-2026-100.html (verfügbar bis 25.6.2028)
Es geht mir mit dieser Zuschrift um den Stellenwert der Verfolgung der Roma-Minderheit in der erneuerten Dauerausstellung des Aktiven Museums Südwestfalen. Im heutigen Kreis Siegen-Wittgenstein, dem Handlungsraum des AMS, hatte diese Verfolgung schon nach der Zahl der Opfer dieselbe Bedeutung wie die Verfolgung der jüdischen Minderheit.
Ich wende mich dabei den beiden je 19-zeiligen Text-Bild-Tafeln zum Thema zu:
Was mir auffiel:
• Der dort angesprochene Helmut Janson gehörte nicht „zur Gruppe der Jenischen“. Er kam aus einer Familie mit Sinti-Geschichte. Der Familienname ist in Wittgenstein den dort Eingesessenen weithin als Name von verfolgten Sinti bekannt.
• Die „Gruppe der Jenischen“ steht nicht für „Jahrzehnte als Wanderhändler Umherziehende“, sondern für die oft über viele Generationen migrantisch lebende zahlreiche mitteleuropäische ursprünglich eingesessene Bevölkerung, die als landlose Armut, als Kriegsvertriebene usw. ihre Herkunftsorte unter dem Motto der Bremer Stadtmusikanten verlassen hatte: „Etwas Besseres als den Tod finden wir überall.“ Die Erwerbsweisen waren unvermeidlich vielfältig.
• „Jenische“ wurden nicht gemeinsam mit Sinti und anderen Roma von den Nazis aus rassistischen Motiven verfolgt und ermordet. Die Gleichsetzung mit Roma und mit der jüdischen Minderheit verbietet sich. Sie fielen nicht unter die Nürnberger Gesetze, Eheschließungen und außereheliche Beziehungen mit „Ariern“ wurden nicht verboten. Sie galten als „Arier“ und wurden als „Nichtzigeuner“ kategorisiert. Sie wurden weder 1935 noch zu einem anderen Zeitpunkt gezwungen, in abgeschlossenen Lagern zu leben. Sie unterlagen nicht dem Himmler-Erlass vom 16.12.1942, mit dem für Sinti und andere Roma die Deportation angeordnet wurde. Sie wurden nicht am 9.3.1943 in den Tod deportiert.
• Verfolgt wurde mancher von ihnen zwar auch, da als „asozial“ geltend, aber es war keineswegs die Regel wie aus rassischen Gründen bei Roma und Juden. Für den Kreis Siegen-Wittgenstein sind bislang Deportationen von „jenischen“ „Meckesern“ nicht bekannt.
• Das Ziel der Deportation am 9.3.1943 sollte in einem solchen Text benannt werden: Es war Auschwitz.
• Die Schätzung von „500.000“ Opfern findet sich zwar medial häufig, es ist einfach eine griffige Angabe, bezieht sich aber nie auf „Jenische, Sinti und Roma“, sondern stets ausschließlich auf die gesamteuropäische Roma-Minderheit. Die Zahl wurde ein erstes Mal im September 1945 in der Zeitschrift Regards des Parti Communiste Français (PCF) vorgetragen. Das war eine grobe Vermutung aus der zutreffenden frühen Annahme eines Genozids an der Minderheit. Zu diesem Zeitpunkt gab es dazu keine Forschung und heute wird die Zahl dort – anders als in der Politik –nicht mehr ernsthaft vertreten.
• Nicht aus einem vagen „Raum Berleburg“, sondern ganz überwiegend aus der Kreisstadt Berleburg wurden im März 1943 „Zigeuner“ deportiert.
• Hinter der Deportation der Berleburger vom „Berg“ standen anders als bei den jüdischen Siegerländern und Wittgensteinern zwei wesentliche Vernichtungsmotive: zum einen das rassistische der Beseitigung einer unerwünschten „Rasse“ und zum anderen das der Vernichtung des nicht weniger unerwünschten Kommunismus in Berleburg, denn in der Communitiy der Sinti-Nachfahren hatte die KPD eine starke Position.
• Dazu kam dann noch wie bei der jüdischen Bevölkerung das Bereicherungsmotiv. Da hatte die Arbeiterminderheit der Sinti-Nachfahren natürlich weniger zu bieten als die jüdischen Klein- und Großbürger, aber etwa die Plünderung der verlassenen Häuser sollte nicht anders als die „Arisierungen“ schon angesprochen werden.
Es gibt, das als mein Fazit, einen ganz erheblichen Korrekturbedarf. Es ist dem Text anzusehen, dass er mit heißer Nadel gestrickt wurde, sprich aus dem Blauen heraus ohne die Literatur zur Kenntnis zu nehmen. Die es – wie bekannt – reichlich auch regional zum Thema gibt. Sie steht der zur jüdischen Minderheit nach Zahl und Inhalt nicht nach. Ich frage mich, was davon abhielt, den kurzen Weg dorthin zu betreten? Ist man so auch an andere Themen herangegangen und wie im Vergleich verhält es sich mit der regionalen Geschichte der jüdischen Minderheit? Nach einem Bericht der Siegener Zeitung entsteht dazu der Eindruck, sie sei nahezu das einzige Thema dieser Ausstellung.
Es hätte sich hier einmal die Möglichkeit geboten, die beiden großen Minderheiten aus dem Spektrum der völkisch-rassistischen Verfolgung im Reichsgebiet nebeneinanderzusetzen, beiden in gleicher Weise gerecht zu werden. Es wäre zudem möglich gewesen, das Thema des politischen Widerstands gegen die Errichtung des Nazi-Systems und die daraus resultierende Verfolgung am Beispiel der Berleburger „Zigeuner“. über ein paar Sätze zu Walter Krämer hinaus zu thematisieren. Ein in der Aufarbeitung von Antiziganismus seltenes, aber anders als Verweise auf „Jenische“ durchaus relevantes Thema.
Leider aber folgt die Ausstellung, wenn ich recht sehe, nur der üblichen vorgegebenen Routine: das Herausstellen einer angeblichen Singularität/Unvergleichlichkeit der Verbrechen an der jüdischen Minderheit und des Antisemitismus durch Hintanstellen alles anderen und die betonte Nachrangigkeit der zweiten verfolgten „ethnischen“ Minderheit. Eine Schlagseite der Ausstellung, die beim Betrachten ein Zerrbild bewirken muss. In der Opferkonkurrenz, die es zweifellos gibt, sollte eine NS-Gedenkstätte nicht Position beziehen. Sie sollte keine Außenstelle der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit sein, sondern sich ganz darauf beschränken, aus einer eigenen Positionierung mit allen aufarbeitenden Zusammenschlüssen von Verfolgten des Nazi-Regimes offen zusammenzuarbeiten.
Ergänzend zur Verfolgung der Jenischen im NS:
https://www.zumfeindgemacht.de/jenische/
https://www.arte.tv/de/videos/117242-009-A/re-die-jenischen-und-ihr-wunsch-nach-anerkennung/
und zur Zahl der 500.000:
https://www.romarchive.eu/de/voices-of-the-victims/the-number-of-victims/
Immerhin können an der digitalen Station die Ungenauigkeiten schnell geändert werden.
Danke für die Ergänzungen!
Danke für den link zur „symbolischen Zahl“ 500.000. Der Rom und Schriftsteller Mateo Maximoff hatte 1946 die „halbe Million“, die von Imre Gyomai in den „Regards“ des PCF im Jahr zuvor angegeben wurde, in Zahlen gesetzt und damit ebenfalls, aber nachhaltiger gesagt, es handelt sich hier um einen Genozid. Das kam in Westdeutschland allerdings erst am Beginn der 1980er Jahre an, nachdem es dort wieder und wieder Versuche gab, den Völkermord anzuzweifeln. Anders in Großbritannien. Dort wurde die Zahl zu einem Thema auch der fachlichen Forschung. 1972 setzten Donald Kenrick und Grattan Puxon ein Fragezeichen dahinter. Ihr Ergebnis: „220.000“. Es ist ein Problem der Forschung geblieben, denn die SS-Einsatzgruppen, die Wehrmachts- und Polizeieinheiten in der besetzten Sowjetunion, wo der Großteil der Morde geschah, unterschieden bei ihren Massenerschießungen nicht groß zwischen den Angehörigen der „zu verschrottenden“ Gruppen. Die Forschung dazu setzte sehr spät ein, es gibt Lücken.
Die Politik guckte bislang nur sehr unzureichend nach der Forschung. „500.000“ bringt vor allem zum Ausdruck, dass der Genozid-Charakter von einem Sprecher anerkannt wird.
Danke auch für die Verweise auf die Bearbeitungen des Themas „Jenische“, die m. E. allerdings nicht ohne Distanz zu betrachten sind. Ich nehme nur diesen einen Satz aus dem arte-Beitrag: „Die Reise steckt ihnen im Blut.“ Völkischer, biologischer geht es nicht. Da hat jemand nichts dazugelernt.