Am 16. Juni 2026 stellten die Siegener VVN/BdA mit der Geschichtswerkstatt Siegen und das Aktive Museum Südwestfalen (AMS) ihre unterschiedlichen Konzepte im Kulturausschuss vor:
Ohne eine Entscheidung zu treffen beauftragte der Kulturausschuss daraufhin die Verwaltung, ob ein gemeinsames Konzept der beiden Akteure erarbeitet werden könne.
Eine Vorstellung des AMS-Konzeptes im Ausschuss für Kultur, Tourismus und Ehrenamt des Kreises Siegen-Wittgenstein am 17. Juni 2026 wurde von der Verwaltung wieder von der Tagesordnung genommen.
Im Haupt- und Finanzausschuss der Stadt Siegen am 8. Juli 2026 stellte die Verwaltung folgende Vorlage zur Abstimmung:
„Mit dem Verkauf des ehem. Kauflandgrundstücks, auf welchem sich während des Zweiten Weltkriegs ein Hilfsarbeiterkrankenhaus befand, ergibt sich die Möglichkeit einen Gedenkund Erinnerungsort zum Thema Zwangsarbeit in der NS-Zeit umzusetzen. Es liegen zwei Konzepte dafür vor, die dem Kulturausschuss in seiner letzten Sitzung vorgestellt wurden. Beide Konzepte sind dieser Vorlage beigefügt. Es wurde eine Einigung zwischen den verschiedenen Akteuren erbeten. Eine Einigung konnte nicht erzielt werden und ist auch nicht ersichtlich, daher bittet die Verwaltung nunmehr um Entscheidung.
1. Konzept des Aktiven Museums Südwestfalen (AMS)
Das Konzept des Aktiven Museums Südwestfalen (AMS), welches durch eine Machbarkeitsstudie des Architekturbüros Welter/projektplus unterstützt wird, sieht vor auf dem Gelände von EDEKA eine Informationstafel aufzustellen. Darüber hinaus soll angrenzend an das Gelände des Zwangsarbeiterfriedhofes, welcher im Besitz der Stadt Siegen ist, ein multifunktionaler Lern- und Gedenkort entstehen (Plattform und Raum). Die Anbindung zum Friedhof erfolgt über das angrenzende Wandergebiet. Wege und Grundstück gehören der Stadt. Parkmöglichkeiten sind fußläufig zu erreichen. Nötig wäre es, das Waldgebiet aufzuräumen, es auszulichten und Erdarbeiten für das Anlegen eines Weges durchzuführen. Das Konzept sieht vor eine Vernetzung zu weiteren historischen Orten der Zwangsarbeit herzustellen. Zusätzlich kann eine Verbindung zum ehem. Hilfsarbeiterkrankenhaus über einen direkten Weg geschaffen werden. Hierfür wäre das Wegerecht zu klären und eine Treppenanlage zu installieren, die den Höhenunterschied zwischen dem Fußgängerweg Richtung Friedhof und dem Gelände EDEKA herstellt. Für dieses Projekt wurde dem AMS seitens des Landes 100.000 EUR Projektförderung in Aussicht gestellt. Darüber hinaus sieht sich der AMS in der Lage alle benötigten Gelder unabhängig von der Stadt bis Herbst 2026 zu akquirieren. Ein etwaiger Beschluss erfolgt dennoch unter Finanzierungsvorbehalt und weiterer Beschlussfassung darüber für städtische Maßnahmen.
2. Konzept der Geschichtswerkstatt und der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes –Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA)
Das Konzept der Geschichtswerkstatt und des VVN-BdA sieht vor einen Lern- und Gedenkort in modularer Bauweise direkt auf dem ehem. Grundstück des Hilfskrankenhauses zu errichten, jetzt Gelände EDEKA oder Teilgelände Flurstück 577 (SIV-Immobilien-Holding). Das Gelände ist im Privateigentum, eine Bereitschaft des Eigentümers zur Umsetzung ist nicht gegeben. Der Friedhof soll nach entsprechendem Konzept unbebaut bleiben. Der Weg bis zum Friedhof soll mit Info-Stelen versehen werden. Hier müsste das Wegerecht für eine Mehrzahl von Grundstücken geklärt werden, etwaige Verhandlungen und grundbuchrechtliche Vereinbarungen wären nötig. Eine weitere Gedenktafel und eine Plattform sollen am Friedhof selbst entstehen. Das Konzept sieht vor eine Vernetzung zu weiteren historischen Orten der Zwangsarbeit herzustellen. Für die Finanzierung gibt es bisher keine Zusagen. Das Gesamtbudget beliefe sich, laut Berechnungen auf 200.000, EUR wobei davon ausgegangen wird, dass sich sowohl die Stadt Siegen, als auch der Landkreis Siegen-Wittgenstein und die umliegenden Kommunen beteiligen. Absprachen hierfür sind noch nicht geführt.
Der Eigentümer des EDEKA Grundstücks befürwortet auf seinem Grundstück eine Stele/Informationstafel und ist bereit sich in einem finanziellen Umfang von 5.000, – daran zu beteiligen.
Weitere Flächen, nach Konzept 2, können jedoch nicht zur Verfügung gestellt werden. Das Gelände ist zudem nach Begutachtung des LWL nicht als Denkmal eingestuft ….
Bezüglich der Finanzierung hat das AMS eine Landesförderung in Höhe von 100.000€ und weiteren regionalen Fördergebern in Aussicht. Die Geschichtswerkstatt und VVN-BdA sprechenvon möglichen Geldgebern, die insbesondere bei Siegerländer Kommunen gesehen werden. Gespräche mit der Stadt Siegen über mögliche Zuschüsse wurden bisher nicht geführt. Eine Entscheidung erfolgt hier daher unter Finanzierungsvorbehalt und gesondertem Beschluss über mögliche Kosten.
Zusammenfassung:

Es liegen zwei Konzepte zur Umsetzung eines Gedenk- und Lernorts zum Thema Zwangsarbeit vor. Das AMS-Konzept basiert auf einer Lernortfläche am Friedhof und einer zugesagten und akzeptierten Informationstafel auf dem privatem EDEKA-Gelände, mit Aussicht auf Landesförderung und potenziellen weiteren Fördermitteln; die Umsetzung erfordert jedoch Klärungen zu Wegerechten und einer Zustimmung der Stadt sowie verlässliche Förderzusagen.
Das VVN-BdA/Geschichtswerkstatt-Konzept plant den Lernort direkt auf dem ehemals hospitalen Gelände. Dies erfordert weitere Eigentümerabstimmungen sowie Förderzusagen; außerdem stehen Wegverbindungen und Finanzierung ebenso noch nicht sicher fest. Der LWL-Gutachter hat festgestellt, dass das Gelände nicht als Denkmal eingestuft ist.
Insgesamt sind die rechtlichen und vertraglichen Grundlagen, die Verbindlichkeit von Förderzusagen sowie die endgültige Finanzierung für beide Ansätze die zentralen Unsicherheiten, während der AMS-Ansatz durch vorhandene Machbarkeitsunterlagen, klare Planstrukturen, öffentliche Zugänglichkeit und vorhandene Förderpotenziale eine zeitnähere Umsetzungsgrundlage bietet.
Beschlussvorschlag:
Der Haupt- und Finanzausschuss bzw. der Rat der Universitätsstadt Siegen trifft eine Entscheidung im Hinblick auf die Umsetzung eines Gedenk- und Erinnerungsortes zum Thema der Zwangsarbeit in der NS-Zeit in der Fludersbach. Eine Einigung zwischen den verschiedenen Akteuren konnte, trotz mehrfacher Versuche, nicht erzielt werden. Daher ist nunmehr eine letztverbindliche Entscheidung erforderlich, um Planungssicherheit für die Beteiligten herzustellen. Folgende Varianten sind entscheidungsfähig:
1. Der HFA bzw. Rat der Stadt Siegen stimmt der Umsetzung des Konzeptes des Aktiven Museums Südwestfalens (AMS), unter Finanzierungsvorbehalt und weiterer Finanz-Beschlussvorlage, zu.
2. Der HFA bzw. der Rat der Stadt Siegen stimmt der Umsetzung des Konzeptes des VVN-BdA/Geschichtswerkstatt, unter Finanzierungsvorbehalt und weiterer Beschlussvorlage, zu.
3. Der HFA bzw. der Rat der Stadt Siegen stimmt keinem der beiden Konzepte zu. Die Umsetzung eines Gedenk- und Erinnerungsortes in der Fludersbach erfolgt nicht.“
Aufgrund noch ausstehender interfraktioneller Abstimmungen verschob der Haupt- und Finanzausschuss die Entscheidung in die Ratssitzung.
Die Presse berichtete im Vorfeld der Hauptausschusssitzung ausführlich:
Siegener Zeitung, 7. Juli 2026: FludersbachSZ7726online
Der Facebook-Post des Berichtes wurde auch schon kommentiert.
Siegener Zeitung, 14.7.26:

Westfälische Rundschau, 8. Juli 2026:

Der Facebook-Post des Berichtes wurde auch schon kommentiert.
Die Geschichtswerkstatt Siegen bekräftigte am 8.7. ihre Forderungen mit einem Post auf deren Homepage.
Die VVN/BdA kommentierte das politische Verfahren wie folgt:via Facebook am 8.7. wie folgt:
„Update: Nach unseren Informationen wurde das Thema auf die nächste Ratssitzung „geschoben“.Heute ist die Entwicklung eines Lern- und Gedenkortes „NS-Zwangsarbeit in der Region“ Thema im HFA der Stadt Siegen. Ausgang ungewiss. Westfalenpost Siegen und Siegener Zeitung haben berichtet (Links in den Kommentaren). Wir und mit uns die Geschichtswerkstatt Siegen haben alles unternommen, um diese Form der Zuspitzung über dieses wichtige Thema zu verhindern. Wir warten gespannt auf die heutige Entscheidung des Ausschusses. Eigentlich war der Kulturausschuss zuständig. Die Verwaltung unter Bürgermeister Vitt hat nun einen anderen Weg beschritten.“
Auf siwiarchiv finden sich sechs Einträge zum Thema.

siwikultur.deDie Website des Kultur!Büro.s
siwitermine.deKultur!Aktuell,
lyz.deKulturhaus Lÿz
kulturhandbuch.deDas Kulturhandbuch Siegen-Wittgenstein mit allen Infos zu kulturellen Angeboten, Einrichtungen, Künstlern und Kulturschaffenden
kulturpur-festival.deInternationales Musik- und Theaterfestival KulturPur
siwiarchiv.deDer Blog der Archive
vielseitig-festival.euEuropäisches Literaturfestival
Kontakt
s. Christian Welter, projektplus: „Gedenkstätte Fludersbach“, 16. Juli 2026: https://projektplus.de/gedenkstaette-fludersbach/
s. a. Westfälische Rundschau v. 27.7.2026

s. a. Facebook-Post der WR dazu
Gestern erschien online folgender Artikel in der Siegener Zeitung von Jan Schäfer:
„In der Fludersbach. Ja zu Gedenkstätte in Siegen: Zwangsarbeiter-Friedhof soll aus Versteck geholt werden
In der Siegener Fludersbach soll eine Gedenkstätte für NS-Zwangsarbeiter entstehen. Der Rat spricht sich für die Umsetzung eines Konzeptes aus, ohne ein zweites ganz aus dem Rennen zu werfen.
Die Entscheidung ist gefallen: Der Rat der Stadt Siegen hat das Konzept des Aktiven Museums Südwestfalen (AMS) für eine Gedenkstätte für NS-Zwangsarbeiter beschlossen. Damit soll der bislang versteckte Zwangsarbeiterfriedhof in der Fludersbach künftig stärker in den Fokus der Erinnerungskultur rücken. Der Beschluss fiel nach kontroverser Debatte mehrheitlich.
Die Entscheidung war nötig geworden, weil zwei konkurrierende Konzepte für einen Lern- und Erinnerungsort zur NS-Zwangsarbeit in Siegen vorlagen. Während das Aktive Museum Südwestfalen den Gedenkort auf einem städtischen Grundstück oberhalb des Friedhofs verwirklichen will, wollten Geschichtswerkstatt Siegen und VVN-BdA den Erinnerungsort direkt am historischen Standort des früheren Hilfsarbeiterkrankenhauses auf dem künftigen Edeka-Gelände ansiedeln.
Die Zeit drängt
Ausschlaggebend für die Ratsentscheidung war vor allem der enge Zeitplan. Nach Angaben der Verwaltung benötigt das Aktive Museum den politischen Beschluss kurzfristig, um Fördermittel für die Gedenkstätte in der Fludersbach beantragen zu können.
Der Förderantrag soll noch im August eingereicht werden. Ohne Ratsvotum, so wurde in der Debatte mehrfach deutlich, hätte sich dieses Zeitfenster womöglich geschlossen.
Gedenkort plus Infotafel
Hinzu kam, dass das AMS-Konzept aus Sicht der Verwaltung derzeit leichter umsetzbar ist. Vorgesehen ist ein Lern- und Gedenkort oberhalb des Friedhofs sowie eine Info-Tafel auf dem Gelände des geplanten Edeka-Marktes. Dort befand sich im Zweiten Weltkrieg ein Hilfsarbeiterkrankenhaus für Zwangsarbeiter.
Trotz der Entscheidung für das AMS wollte eine Mehrheit im Rat das zweite Konzept ausdrücklich nicht beerdigen. Deshalb wurde der Beschluss erweitert: Die Zustimmung zum Konzept des Aktiven Museums schließt spätere Elemente des Vorschlags von Geschichtswerkstatt und VVN-BdA nicht aus. In der Sitzung war von einer „Anschlussfähigkeit“ die Rede.
Damit könnten später etwa weitere Wegeführungen, Treppen, Stelen oder zusätzliche Erinnerungsorte entlang des Weges und am historischen Standort des früheren Krankenhauses hinzukommen – sofern dies rechtlich und praktisch möglich ist.
In der Ratsdebatte wurde mehrfach betont, dass beide Konzepte die NS-Verbrechen klar benennen und ernsthaft mit der Stadtgeschichte umgehen. Mehrere Redner bedauerten, dass überhaupt zwischen zwei engagiert erarbeiteten Vorschlägen entschieden werden musste. „Beide Akteure sind dort wirklich mit viel Engagement und Herz dabei“, attestierte Bürgermeister Tristan Vitt.
Zugleich herrschte bei vielen Einigkeit, dass ein Verzicht auf einen neuen Gedenkort die falsche Lösung gewesen wäre.
Nicht auf Kosten der Stadt
Auch die Kosten spielten eine zentrale Rolle. Das Projekt des Aktiven Museums soll ohne direkte Finanzierung aus städtischen Mitteln auskommen. Genau das wurde zusätzlich im Beschluss festgehalten. Die Stadt soll das Vorhaben zwar begleiten – etwa bei Fragen zu Wegen, Erschließung und Rechten –, aber keine unmittelbaren Baukosten übernehmen.
Gegenwind kam von jenen Ratsmitgliedern, die sich grundsätzlich gegen eine neue Gedenkstätte in Siegen aussprachen. Sie verwiesen auf bereits bestehende Mahnmale und befürchteten Folgekosten.
Aus der AfD, die sich gegen die Gedenkstätte aussprach, kam zudem deutliche Kritik an der Beteiligung der VVN-BdA. Bürgermeister und andere Ratsmitglieder versuchten jedoch, die Debatte auf die Kernfrage zurückzuführen: Welches Konzept soll jetzt den Startschuss für den Erinnerungsort in der Fludersbach erhalten?
Nächste Schritte möglich
Mit dem Beschluss des Rates ist der Weg für die nächste Phase nun frei. Das Aktive Museum Südwestfalen kann die nächsten Schritte zur Finanzierung und Umsetzung angehen. Gleichzeitig bleibt die Tür offen, weitere Akteure und Ideen in die spätere Ausgestaltung des Projekts einzubeziehen.
Klar ist damit: Die Stadt Siegen hat sich grundsätzlich für einen neuen Ort des Erinnerns an die NS-Zwangsarbeit in der Fludersbach entschieden. Die Debatte darüber, wie dieser Ort am Ende genau aussehen soll, dürfte aber weitergehen.
SZ“
Leserbrief in der Siegener Zeitung v. 24.8.26:
„Nachdem ich in Anspruch nehmen darf, als Lehrer in Siegen gemeinsam mit Schülern bereits Ende der 1980er-Jahre zur NS-Zwangsarbeit im Siegerland gearbeitet und den Friedhof des „Hilfskrankenhauses“ wie auch dessen Reste im Randständigenquartier Fludersbach entdeckt und aufgesucht zu haben, verfolge ich die laufende Diskussion mit großem Interesse.
Dass die Stadt für einen Erinnerungsort dort kein Geld ausgeben will, überrascht mich dabei aus zwei Gründen nicht: Den Kommunen fehlt allgemein Geld, weil auf höheren staatlichen Ebenen viel für ganz anderes verausgabt wird und weil „Erinnerungskultur“ zu den Nazijahren hier immer schon defizitär gewesen ist. Das setzt sich auch nach drei Generationen nur fort. Zu fördernde Werte werden anderswo aufgefunden.
Es freut mich, zu lesen, dass sich den Initianten VVN und Geschichtswerkstatt auch die NS-Gedenkstätte in der Häutebach angeschlossen hatte. Ihre Dauerausstellung ist bekanntlich monothematisch („Juden in Siegen“), da ist es schön zu sehen, dass sie nach ihrer Sonderausstellung zur NS-Zwangsarbeit 2025 noch wieder mit dabei ist, wenn es jetzt um vor allem sowjetische zivile Zwangsarbeiter geht. Genauer: um jene Opfergruppe, die mit 15 bis 20 Millionen, die mit großem Abstand größte Teilgruppe der zivilen Opfer der nazistischen Gewaltherrschaft darstellt.
In den aktuellen tagespolitischen Debatten unterliegen die entsprechenden Erinnerungsorte ja scharfen Umgestaltungsforderungen. Das macht es lokal natürlich nicht einfacher.
Eine Nebenbemerkung noch: Ein „Hilfsarbeiterkrankenhaus“, wie bei der Stadt und nun in einer Zeitung zu lesen, gab es nie. Dieser Ort war ein Notbehelf, ein „Hilfskrankenhaus“, von Betroffenen eher gemieden. Diesen Sachverhalt repräsentiert der Friedhof.:
Dr. Ulrich Opfermann, Tönisvorst
Fast gleichlautend in der Westfälischen Rundschau:
