VVN-BdA Siegerland-Wittgenstein: Ganz besondere Gäste in Siegen Familienangehörige aus Polen, Kanada und Schottland besuchen erstmals das Grab ihres Vorfahren

Es ist ein sonniger Apriltag, als der 90-jährige Ryszard Ptaszyński aus der Stadt Leszno in Polen gemeinsam mit seiner Tochter, seinem Schwiegersohn und seinem Enkel auf dem Hermelsbacher Friedhof in Siegen steht. Zum ersten Mal besucht er das Grab seines Vaters AntoniPtaszyński (auf dem Grabstein als „Anton Ptascynski“ verzeichnet), der von den Nationalsozialisten aus Belgien zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt wurde und im Krankenhaus Bethesda in Freudenberg
verstarb.

Untergebracht war der Hauer (Bergmann) im Lager „Eintracht“ in Siegen, in der Nähe der heutigen Siegerlandhalle. Es ist daher anzunehmen, dass er mit hoher Wahrscheinlichkeit bei der dort ansässigen Bauunternehmung Erich Reckling eingesetzt wurde. Seine Familie berichtet, dass er ein Fachmann im Umgang mit Sprengstoffen war – eine Fähigkeit, die vermutlich ausgenutzt wurde. Ob Antoni Ptaszyński beim Bau von Bunkerstollen eingesetzt wurde, ist bislang nicht abschließend geklärt.

Ryszard Ptaszyński weiß aus einem Brief an seinen Bruder lediglich, dass sein Vater um warme Kleidung bat und über seine schlechten Lebensbedingungen klagte.

Anfang März dieses Jahres wandte sich der Enkel Maurycy Ptaszynski, der in Edinburgh lebt, per E-Mail an die VVN-BdA Siegerland-Wittgenstein. Er hatte den Namen seines Urgroßvaters auf deren Blog „Zwangsarbeit imSiegerland 1939–1945“ entdeckt. Die Familie plante zu diesem Zeitpunkt bereits eine Reise nach Belgien – jenem Ort, an dem Ryszard Ptaszyński geboren wurde und bis zu seinem vierten Lebensjahr lebte, bevor sein
Vater verschleppt wurde.

Zunächst hatte Maurycy Ptaszynski nur geringe Hoffnung, weitere Informationen zu erhalten. Umso größer war die Freude, als die VVN-BdA ein Foto der Grabstelle zur Verfügung stellen konnte. Dank umfangreicher Recherchen zum Hilfskrankenhaus im Fludersbach gelang es zudem Dr. Bernd
Plaum von der Geschichtswerkstatt Siegen, die Sterbeurkunde aus Freudenberg sowie ein weiteres Dokument der Stadtverwaltung Siegen aus dem Jahr 1950 mit Angaben zum Begräbnisort zu beschaffen. Bislang wusste die Familie lediglich, dass ihr Angehöriger in Siegen verstorben war.
Nun stand für sie fest, auf ihrer Reise auf jeden Fall auch nach Siegen zu kommen.

Die Tochter von Ryszard Ptaszyński, Ilona Krenz (geb. Ptaszyńska), reiste gemeinsam mit ihrem Mann Jan Krenz aus Montreal in Kanada an.

Gemeinsam besuchte die Familie das Grab von Antoni Ptaszyński. Welche Bedeutung ein solcher Moment für die Angehörigen hat, lässt sich kaum in Worte fassen.

Im Anschluss führte Joe Mertens, Sprecher der VVN-BdA Siegerland-Wittgenstein, die Familie zum Ehrenmal für die Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, zum jüdischen Friedhof sowie zum
Grab des Siegener Kommunisten Walter Krämer und seiner Frau Liesel.

Diese Begegnung machte einmal mehr deutlich, wie wichtig Erinnerungsarbeit auch heute noch ist – und wie viel aus der Zeit des Nationalsozialismus weiterhin dringend erforscht werden muss.
Quelle: VVN-BdA Siegerland-Wittgenstein, Newsletter

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