Biografien zum Widerspruch und Widerstand gegen den Nationalsozialismus im Kreisgebiet Siegen-Wittgenstein

Kritische Anmerkungen und vier Ergänzungen

“ …. Die Initiatoren appellieren an die Leser mitzuarbeiten: zu erweitern, zu präzisieren, zu aktualisieren.“
aus: Ulrich Friedrich Opfermann: Im Netz: Ein drittes regionales Personenverzeichnis zur Zeitgeschichte, in: Siegener Beiträge 22 (2017-18), S. 254-257, hier: S. 257.

siwiarchiv ist diesem Appell schon immer gerne nachgekommen – erinnert sei an Andreas Vomfell und Dr. Hugo Gloede.

Zunächst gilt es einige allgemeine Bemerkungen zu machen. Aus nachvollziehbaren Gründen ist ein direktes Einpflegen neuer Einträge oder Ergänzugen von Dritten nicht möglich; so entfällt eine aufwändige Redaktion. Dies nimmt allerdings dem Appell, ebenso wie die fehlende Kommentarfunktion, ein wenig den Schwung. Aufgrund der fehlenden Autorennennung ist bei einer Zitierung der Einträge immer die VVN/BdA zu nennen; sie wäre somit für alle Fehler, etc. verantwortlich. Vor allem bei den manches Mal durchaus meinungsstarken Einordnungen – s. Fritz Fries – von Personen kann dies zu Diskussionen führen. Gleiches gilt für offensichtliche Fehler, wie z. B. im Eintrag zu Walter Krämer. In beiden Einträgen fehlt der Bildnachweis – keine Ausnahmen übrigens. All dies könnte durchaus zu unangenehmen Problemen für dieses ansonsten lobenswerte Projekt führen.
Schließlich ist das Fehlen eines Erstellungs- bzw. Überarbeitungsdatum der Einträge das größte Manko des regionalen Widerstandslexikon. Wie soll jemand, der nicht in der regionalen, zeithistorische Blase unterwegs ist, bspw. erkennen, dass der o. g. Eintrag von Walter Krämer vermutlich im Juli 2026 nach dem Besuch der neuen Dauerausstellung des Aktiven Museums Südwestfalen durch den Autor geändert wurde?
Eine große Herausforderung, um ein solches Online-Projekt möglichst aktuell zu halten, stellen die seit Erscheinen des „Lexikons“ Veröffentlichungen digitaler Quellen dar, so z.B. die NRW-Zeitungen seit 2018, die NRW-Entnazizifierungsakten seit 2023 oder in diesem Frühjahr die NSDAP-Mitgliederkartei durch die National archives.
Dies sei an drei weiteren Beiträgen des Lexikons veranschaulicht:
1) Johann Deutschmanek
Laut der NSDAP-Mitgliederkartei wurde Deutschmanek am 24. Juni 1896 in Essen geboren. Er beantragte die Aufnahme in die NSDAP an 14. September 1937. Die Karteikarte dokumentiert die Rückdatierung des Beitritts zum 1. Mai 1937 (Mitgliedsnummer: 5.299.195).
Im Landesarchiv NRW befinden sich zwei Entnazifierungsakten zu Johann Deutschmanek:
Landesarchiv Nordrhein-Westfalen. Abteilung Rheinland, NW 1037-BVI, 5267 (5 Blatt) Aus dieser Akte geht ferner hervor dass Deutschmanek von 1931 bis 1934 dem Kyffhäuserbund, der SA-Reserve II, der NSV von 1935 bis 1945, dem NS-Reichskriegerbund vom 1938 bis 1940 und dem Reichsluftschutzbund von 1937 bis 1945 angehörte. Außerdem findet sich dort (Bl. 2) die Formulierung, „…. daß der Antragsteller nach eigenen Angaben „alter Kämper“ war und als solcher während der Hitlerzeit gegolten hat. ….“. Deutschmaneks Beschwerde führt dazu, dass im November 1948 als „Mitläufer“ ohne Vermögenssperre eingruppiert wurde.
Landesarchiv Nordrhein-Westfalen. Abteilung Rheinland, NW 1127, 541 (66 Blatt). Diese Akte gilt es noch genauer auszuwerten!
Auch die Auswertung des NRW-Zeitungsportals brachte u. a. einen überraschenden Fund im Siegener Amtsballt vom 20. Mai 1949:
Meines Erartens sind dies genügend Gründe für eine Überarbeitung des Eintrags.
2) Franz Lowatz
Aus der NSDAP-Mitgliederkartei geht hervor, dass Lowatz am 17. September 1939 die Mitgliedschaft in die NSDAP beantragte. Die Kartei vermerkt den Beitritt für den 1. Januar 1940. Lowatz gehörte der NSDAP-Ortsgruppe Solingen an und wohnte in Ohligs in der Prinzenstr. 32.
Auch zu Franz Lowatz lassen sich zwei Entnazifizierungsakten im Landesarchiv NRW ermitteln:
Landesarchiv Nordrhein-Westfalen. Abteilung Rheinland, NW 1037-BI, 16448 (4 Blatt)
Lowatz gehörte laut dieser Akte noch folgenden NS-Organisationen: NSKOV 1933, RDB 1934, NSV 1934, Reichskolonialabund 1936, Reichsluftschutzbund 1940 und DAF 1942. Der Berufungsausschuss entlastete Lowatz trotz dessen sturer und unangenehm militaristischer Art und – weil andere Vorwürfe nicht bewiesen werden konnten.
Landesarchiv Nordrhein-Westfalen. Abteilung Rheinland, NW 1023, 5823 (101 Blatt). Diese Akte gilt es noch genauer auszuwerten!
Im NRW-Zeitungsportal finden sich einige Artikel in Siegener Zeitung zwischen 1929 und 1932, die Franz Lowatz als Imker ausweisen. Sicher ist auch hier ein eingehendere Suche angezeigt.
Im Stadtarchiv Solingen befindet sich unter der Signatur SG [50.97], SG 15957 eine Wiedergutmachungsakte (Laufzeit:1946 – 1953).
3) Gustav Mauden
Die NSDAP-Mitgliederkartei dokumentiert den Mitgliedsantrag Maudens am 20. April 1940. Der Beitritt in die Ortsgruppe Eiserfeld wurde auf den 1. September 1940 datiert.
Ein Blick in das NRW-Zeitungsportal zeigt u. a. folgendes:

Quelle: National-Zeitung, Siegerländer Ausgabe, 29. April 1937

Vielleicht sollte der Beitrag auch um dessen Geschichte vor 1945 präzisiert werden.

4) Robert Kramuschke
Ein Spezialfall stellen Lehrpersonen dar. Denn die Preußische Volksschullehrerdatei ist im Archiv des DIPF|Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation seit 2006 recherchierbar und zeigt auch für Kramuschke eine Karteikarte, aus der hervorgeht, dass der katholische Robert Ernst Kramuschke am 2. Juni 1895 geboren wurde. Seine erste Lehrprüfung legte er 25. Juni 1915 in Fraustadt ab, seine zweite Lehrerprüfung am 2. Februar 1924 in Bochum. Seit 1930 war er endgültig im preußischen Schuldienst angestellt. An der Katholischen Volksschule in Wilnsdorf unterrichtete er seit dem 1. April 1932.
Im NRW-Zeitungsportal findet sich in der Siegener Zeitung vom 24. Mai 1935 der Hinweis, dass Robert Kramuschke nach Hovestadt im Kreis Soest versetzt wurde.

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