„Archive werden auf Sicht gefahren“

Oder: Wie kurzfristige digitale Lösungen die Untätigkeit der Verwaltungen bei der sachgerechten Unterbringung von Archiven kaschieren sollen. Der Fall des Tübinger Stadtarchivs und die Bedeutung für das deutsche Archivwesens.

„ …. Wenn öffentliche Dienstleistungen unbezahlbar oder sehr ineffizient werden, kommt irgendwann unweigerlich der Ruf, sie abzuschaffen. Besser ist es, sich vorher kluge Strategien zu überlegen. Die großen Papiermassen, die zu präzise zu erfassen sich nicht mehr lohnt, die man aber gerne erhalten möchte für spätere Forschung, in großen, sicheren und effizient geführten Hallen gemeinsam unterzubringen, erscheint mir daher eine sehr überlegenswerte Variante zur Sicherung des Archivwesens. Ich finde, wir sollten solche Strategien zuerst einmal gründlich bewerten und nicht von vornherein verdammen.
Ihren Hinweis auf die Position des Deutschen Städtetags nehme ich gerne zum Anlass, bei meinen Kollegen eine Initiative zur Modernisierung derselben zu starten. Gerade der Städtetag darf keine Organisation von Gralshütern sein. Er muss sich modernen und effizienten Lösungen verschreiben, ….“

Der Oberbürgermeister der Stadt Tübingen, Boris Palmer (Grüne) reagierte am 21. Januar 2020 so auf ein Schreiben der Arbeitsgemeinschaft Archive im Städtetag Baden-Württemberg vom gleichen Tag.

Was war geschehen?

Am 9. Januar 2020 wurde der Kulturausschuss der Stadt Tübingen informiert, dass Archivalien des Stadtarchivs Tübingen in eine „Archivhalle“ im ca. 200km entfernten Donauwörth untergebracht werden sollen. Werden Archivalien von dort benötigt, sollen diese von einem externen Dienstleister via scan-on-demand oder per Post nach Tübingen gelangen. Jährlich veranschlagt die Verwaltung für diese Lösung Kosten in Höhe von 46.000 €. Eine zwei- bis dreijährige Testphase ist beabsichtigt, in der u. a. Personalakten, aber auch ein erst kürzlich übernommenes Verlagsarchiv ausgelagert werden sollen.
Bis 2013 waren die Archivalien des Archivs auf dem Dachboden des Tübinger Rathauses untergebracht. Aufgrund statischer Probleme erfolgte dann die Verlagerung der Bestände in zuletzt neun Außenmagazine. Zugleich wurde eine zentrale Lösung für das Stadtarchiv im Güterbahnhofareal angestrebt. Im Frühjahr 2019 musste die Planungen aufgegeben werden, da die Kosten für den Brandschutz explodiert waren.
Aktuell kann nun das Tübinger Stadtarchiv keinen weiteren Archivalien mehr übernehmen. Mittelfristig strebt die Stadt Tübingen zwar einen Standort in der Stadt Tübingen an, aber Planungen für einen Neubau kann eine überlastete Hochbauverwaltung nicht beginnen.

Exkurs zur Unterbringung städtischer Kulturerbeinstitutionen
Die Stadtbibliothek erhielt in den 1950er Jahren einen Neubau. Ein Nachfolgebau wurden in den 1980er Jahren realisiert. Gleiches gilt für das Museum, das in den 1960er Jahren ein eigenes Gebäude erhielt, das in den 1990er Jahren durch einen Neubau ersetzt wurde.

In den Medien und in der lokalen Politik wurde die von der Verwaltung einmütig erarbeitete Lösung diskutiert. Am 21. Januar 2020 reagierte auf Prof. Dr. Roland Müller, Leiter des Stadtarchivs Stuttgart und Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Archive im Städtetag Baden-Württemberg. Müller rückte den ungehinderten, freien Zugang zu allem Archivgut als conditio sine qua non archivischer Arbeit in den Mittelpunkt seiner Ausführungen; die Reaktion Palmers erfolgte prompt. Zwei Tage später wendete sich auch der Verband deutscher Archivarinnen und Archivare an die Tübingen Oberbürgermeister. Ergänzend zur ersten archivischen Stellungnahme wurden vom Verbandsvorsitzenden Dr. Ralf Jacob die rechtlichen Hürden der angestrebten Lösung (Datenschutz!) skizziert, praktische Probleme erörtert, die bspw. durch flach erschlossenes Archivgut entstehen und eine aufwändige Suche im weit entfernten Außenmagazin erforderlich macht, und schließlich wies Jacob darauf hin, dass die Nutzung von Archivgut nicht nur digital erfolgen kann, klammere sie doch die Haptik der Archivalien aus – gerade für archivpädagogischen Nutzungen ist das Original unerlässlich. Eine Reaktion Palmers hierauf steht noch aus.

Fazit: Die Position des Tübinger Bürgermeisters ist vermutlich nicht singulär, sondern prägnant formuliert. In der gesamten Bundesrepublik mussten und müssen sich Archive mit vergleichbaren Positionen auseinander setzen. Der Hinweis von Roland Müller auf die Relevanz der Archive im demokratischen System, eine Formulierung, die auf Heribert Prantl zurückgeht, hilft allerdings nur, wenn sich das „System“ aus (Kommunal-)Politik, den Bürgerinnen und Bürgern und den Kulturerbeinstitutionen ebenso deutlich für Archive aussprechen und einsetzen. Um dies zu erreichen, muss das deutsche Archivwesen eine schlagkräftige Lobbyarbeit betreiben. Ansonsten könnte die unverhohlene Drohung, der Abschaffung des Archivwesens, Wahrheit werden.

Quellen:
Schwäbisches Tagblatt, 7.1.2020
44_Anlage_Stadtarchiv_Brief_Mueller
44_Anlage_Stadtarchiv_Antwort_Palmer
Städtetag: „Archiv gehört den Bürgern“, Schwäbisches Tagblatt v. 21.2.2020
„Stadtarchiv: 3 Jahre Prüfung – und dann – nix“, Tübinger Liste, 22.1.2020
VdA2.02.2-1_2020_StellungnahmeStadtTuebingen_23012020_Fraktionen

Reaktionen:
– „Stadtarchiv Tübingen soll Akten nach Donauwörth auslagern“, Eintrag im Blog des Vereins für Computergenealogie e.V. (Compgen) v. 8.1.2020
– „Stadtarchiv Tübingen soll Akten nach Donauwörth auslagern“, Archivalia v. 9.1.2020
– „Stadtarchiv Tübingen: OB Palmer schwadroniert“, Archivalia v. 24.1.2020

12 Gedanken zu „„Archive werden auf Sicht gefahren“

  1. Nicht nur die Öffentlichkeit hat keine Ahnung, wozu Archive da sind und was sie für eine Bedeutung für die Gesellschaft haben und was Archivar tun und leisten, sondern leider auch oft die vorgesetzten Dienststellen. Es gelingt den fühtrenden Archivaren ganz offensichtlich nicht, ihre Aufgaben und ihre Arbeit den Entscheidungsträgern in Politik, Verwaltung und Gesellschaft schlüssig zu vermitteln. Museen und Bibliotheken haben es da einfacher.

    • Auf der einen Seite muss ich Prof. Hempel zustimmen, ich muss aber auch widersprechen. Sicherlich haben es Museen und Bibliotheken leichter, was aber, und da kommen wir zum Widerspruch, nicht an den Kolleginnen und Kollegen liegt, deren Engagement in vielen Bereichen groß ist, was aber nicht honoriert wird.
      Mit einem Ausstellungsstück im Museum kann z.B. ein Dezernent besser in der Presse dastehen, als mit einem schnöden Aktenband. Das ist leider Fakt und beruht auch auf eigenen Erfahrungen.
      Die Archive sind leider in vielen Kommunen der „Rattenschwanz“ der Kulturbetriebe und werden immer noch als bloße Aktenbewahranstalt gesehen. Da helfen keine Führungen, „Aufklärungs-„Veranstaltungen und Vorträge. Ganz skurril wird es, wenn in Archiven Fachleute (Historiker) sitzen, diese Fachkräfte gerade bei historischen Projekten aber nicht abgerufen werden. Das ist bloße Ignoranz.
      Natürlich sieht es nicht überall so düster aus, gerade in kleineren Kommunen haben Archive eine gute Chance, da sie dort enger mit dem Kulturbereich verbunden sind. Aber in größeren Städten haben es Archive, sofern es keine staatlichen Einrichtungen sind, sehr schwer, sich gegen die Konkurrenz der anderen Kultureinrichtungen durchzusetzen.
      Das Bild, das jetzt in Tübingen herrscht, ist schon erschreckend. Die Stadt, Universitätsstadt mit reicher historischer Tradition, scheint sich dieser Tradition nicht bewusst zu sein oder ignoriert sie. Vlt. fiel auch schon der Satz: Für unsere Geschichte haben wir ja das Museum. Wie man dieses Missverhältnis aufbrechen kann, kann ich nicht beantworten. Dass wir in unseren Archiven auch Kulturgut aufbewahren, dass vlt. nicht so toll aussieht wie ein Rembrandt, aber doch für unser historisches Gedächtnis wichtig ist, das muss man, auch gerade vor den am Montag begangenen Gedenkveranstaltungen, immer wieder betonen.

      • Tatsächlich sehe ich hier noch einen anderen Aspekt. Archive sind eben nicht nur Kultureinrichtungen und Sammlungsort der Erinnerung einer Stadt. Sie sind auch Dienstleistungseinrichtungen für andere städtische Ämter und Dienststellen. Es geht hier nicht nur darum, wertvolle kulturelle Güter zu sichern, sondern auch, den Verwaltungsbetrieb am Laufen zu halten. Recherchen von Verwaltungsmitarbeitenden in Archiven beziehen sich häufig auf ganz aktuelle Belange. Es wird nach dem Grundriss eines Gebäudes gesucht, das nun umgebaut werden soll, für ein Bauvorhaben wird nach Informationen über Altlasten geforscht oder es stellt sich die Frage, wann eine bestimmte Entscheidung durch den Magistrat verabschiedet wurde, da ein vergleichbares Thema gerade wieder in der Diskussion präsent ist. Privatpersonen fragen nicht nur nach ihren Vorfahren, um Familiengeschichte zu betreiben, sondern auch um eine Staatsbürgerschaft nachzuweisen oder Rentenansprüche geltend machen zu können. Dahinter steckt wenig Recherche in Kulturgut, sondern ganz alltägliche Verwaltungsarbeit. Das wird hier sehr gerne außen vor gelassen und ein Archiv zu „soetwas wie einem Museum“ das „halt was mit Büchern macht“. Das kennt man, das hat man schon, das kann man ja abschaffen. Dabei ist es so viel mehr.

        • Dem kann ich auch zustimmen! Archive als Serviceeinrichtung ist ein ganz wichtiges Thema und muss in der Verwaltung auch bekannt gemacht werden, um den Stellenwert zu erhöhen. Dies gilt auch für die Öffentlichkeit. Die ketzerische Frage sei aber gestattet: Machen wir uns als Archive dann nicht auch wieder zum bloßen Aktenaufbewahrungsort irgendwo im Keller? Degradieren wir uns da nicht selber?

          • Sind wir denn nur „Aktenaufbewahrungsort“, wenn wir sachgerechte Lagerung, qualifizierte Recherche und Bereitstellung ermöglichen? Dann wären Bibliotheken auch nur „Bücheraufbewahrungsorte“. Und können wir nicht beides sein? Gedächtnis- und Kultureinrichtung und Dienstleister*innen für unsere Träger? Wir müssen uns ja zum Glück nicht entscheiden, sollten aber immer wieder überprüfen, welches Bild wir nach außen vermitteln und ob das wirklich unseren ganzen Aufgabenbereich abdeckt (auch wenn einige Bereiche vielleicht nicht ganz so „cool“ sind) ;)

          • Der Spagat ist schwierig, da stimme ich zu. Gerade bei den Bibliotheken ist es ja so, dass dort mittels gezielter Öffentlichkeitsarbeit dem Trend entgegengewirkt wird. Die Bibliothek als Aufenthaltsort nicht nur zum Ausleihen von Büchern bzw. als „Bücheraufbewahrungsort“.
            Ich finde beide Bereiche wichtig und dränge auch immer darauf, dass wir uns unsere Fachkompetenz bewusst sind und auch gegenüber der Verwaltung darauf hinweisen. Leider ist das teilweise schwierig, da die Akzeptanz solange da ist, wie man keine Arbeit verursacht. Hier Stichwort: Schriftgutverwaltung/Behördenberatung. Recherchen werden oftmals als selbstverständlich angesehen und der Aufwand nicht bedacht. Hier ist gezielte Aufklärung notwendig, wir führen ja schließlich keine Wikipedia-Suche durch.
            Und was die Frage nach der Serviceleistung „sachgerechte Lagerung“ betrifft: Das hängt davon ab, wie das Archiv ausgestattet sind. Bei uns laufen z.B. Wasserleitungen durchs Magazin und es müssen ständig Luftentfeuchter laufen….

          • Es gelingt uns nicht, unsere Aufgaben der Öffentlichkeit nachhaltig zu vermitteln. Den Palmer-Vorschlag werden viele als modern und sinnvoll bewerten. Teure Innenstadt meiden, dazu digitale Bereitstellung. Dagegen medial eine Gegenposition gewinnend zu vermitteln ist ziemlich schwierig.

          • Leider ja, es sei denn, den Kommunen fallen die Kosten irgendwann auf die Füße. Zu diskutieren wäre auch, ob man sowas einen Museum zumuten würde…

  2. Pingback: Siwiarchiv zur Causa Tübingen: „Archive werden auf Sicht gefahren“ | Archivalia

  3. @ allen bis mitdiskutierenden: Vielen Dank bis hierhin für die intensive Diskussion!
    ich möchte gerne auf einen weiteren Aspekt archivischer Öffentlichkeitsarbeit hinweisen, den Thekla Kluttig via Twitter anmahnte:

    .
    Diesen Hinweis möchte ich um die Mitarbeit der Archive bei den e-Goverment-Bestrebungen der Träger (s. Landesarchiv NRW) und bei open-data-Projekten (s. Transparenzportal beim Staatsarchiv Hamburg) erweitern.

    • Der Hinweis auf das Thema Digitalisierung ist richtig und wichtig! Wir hatten das gerade heute morgen bei der Dienstbesprechung auf dem Programm. leider meinen viele Kommunen, dass man mittels Share Point-Produkten Digitalisierung spielend hinbekommt. Leider vergisst man dabei seine Pflicht der korrekten Aktenführung. Bei einer Fortbildung gestern kam dazu von einer leitenden Verwaltungsangestellten der Satz: Wer brauch denn noch Akten? Gerade hier liegt das das große Problem. Eine korrekte Aktenführung existiert in den meisten Fällen im analogen Bereich nicht, wie soll es dann im digitalen Bereich klappen? Wir haben mehrere „Aufklärungsaktionen“ gestartet, geben Fortbildungen zum Thema Schriftgutverwaltung (dies leider eher mit durchschnittlichem Erfolg was die Teilnehmerzahlen angeht), aber das Verständnis ist einfach nicht da. Und wenn die Verwaltungsspitze unsere Hinweise in der Allgemeinen Dienstanweisung zum Bereich korrekte Aktenführung mit dem Hinweis „dies ist allgemein bekannt“ markiert und streicht, was soll man da noch machen?

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