Matthias Plaga-Verse: „Gehorche der Obrigkeit und laß die andern über sie streiten.“

Neupietismus im Nationalsozialismus. Eine Quellenstudie zu neupietistischen Printmedien am Beispiel von Der Evangelist aus dem Siegerland.
[Anm.: Als Dissertation im Mai 2017 an der Universität Siegen vorgelegt, s. Querschnitt 3 (2017), S. 6]

In dieser historischen Quellenarbeit wird die Zeitung Der Evangelist aus dem Siegerland, herausgegeben vom Verein für Reisepredigt, als Primärquelle aus der NS-Zeit (Jahrgänge 1933 bis 1941) analysiert. Dabei steht das Verhältnis zwischen Verfassern, Quellentexten und Adressaten im zeitgeschichtlichen Kontext des NS und im regionalgeschichtlichen Kontext des Siegerlandes im Vordergrund des Interesses. Obwohl in einzelnen Publikationen die besondere Rolle der evangelischen Gemeinschaftsbewegung des Siegerlandes für die gesellschaftliche und religiöse Entwicklung der Region hervorgehoben wurde[1], fand eine eingehende wissenschaftliche Analyse der religiösen wie politischen Positionierung der Gemeinschaftsbewegung im Nationalsozialismus für diese Region bisher nicht statt. Dies ist angesichts ihrer zahlenmäßigen Relevanz im Untersuchungszeitraum umso erstaunlicher. In den Jahren 1932 bis 1941 hatte der Evangelist zwischen 7.000 und 8.000 Abonnenten. Der eigentliche Leserkreis muss allerdings deutlich größer gewesen sein, da in einem Haushalt meist mehrere Personen den Evangelisten lasen oder vorgelesen bekamen. Geht man, konservativ geschätzt, von drei Lesern pro Exemplar aus, erreichte der Evangelist wöchentlich ca. 24.000 Leserinnen und Leser.

Aus folgenden Gründen kommt dem Evangelisten als kirchenhistorischer Quelle ein besonders hoher Wert zu:

    1. Die kommunizierte Haltung zu religiösen, weltanschaulichen und politischen Themen im Evangelisten spiegelt die Einstellungen eines Großteils des Evangelisten-Leserkreises wider. Eine politisch durchweg konservative Haltung mit deutschnationalen Elementen war in dieser evangelischen Gruppierung – z.T. geprägt durch die Stoecker-Bewegung – gefestigt. Es gilt zu fragen, inwieweit der Blick auf gesellschaftliche, politische, kirchliche und generell ‚weltliche‘ Themen biblizistisch eingefärbt war und ob diese Sicht zu einer Identifikation oder zu einer Ablehnung vom NS propagierten Werten führte.
    2. Der Verein für Reisepredigt und mit ihm der Evangelist gehörten ebenso zum Gnadauer Verband wie zur Deutschen Evangelischen Kirche. In der Zeitung Der Evangelist aus dem Siegerland wurden die Gemeinschaftsleute bzw. die Gemeinschaftsbewegung als die „Zitadelle des Glaubens“ innerhalb der Evangelischen Landeskirche bezeichnet. In ihrer Eigenwahrnehmung stellten sie die letzte geistliche Festung gegen die Welt dar, deren Einflüssen die Landeskirche innerhalb der NS-Zeit nolens volens ausgesetzt war. Somit lassen sich die frommen Siegerländer Gemeinschaftsleute nicht getrennt von der Evangelischen Landeskirche betrachten, da sie in ihr standen und aus ihrer Binnenperspektive ‚Wächter des reinen Evangeliums‘ – ‚innerhalb, aber nicht unter der Kirche‘ – sein wollten. Hieraus ergeben sich Fragen nach der Standortbestimmung der Siegerländer Gemeinschaften. Welchen landeskirchlichen Kurs trug man in der NS-Zeit mit und an welchen Stellen wich man warum von der (vorgegebenen) Linie der Kirche ab?
    3. Der Evangelist bildet die Entwicklung der neupietistischen und kirchlichen Positionen im Nationalsozialismus in einem Zeitraum von neun Jahren ab (1933-1941). Es wäre zu fragen, welche Themen in welchen Jahren eine besondere Rolle spielen. Gibt es Themen, die wegfallen oder besonders ausgeführt werden? Ist eventuell erkennbar, dass in jedem Jahr ein spezifisches Thema eingehender im Evangelisten Betrachtung findet? Und in welcher Weise muss in diesem Zusammenhang die Bedeutung der Primärquelle des Evangelisten als Zeitung mit Chronisten- und Zeitzeugencharakter betont werden?
    4. Die Schriftleitung des Evangelisten sah die Aufgabe der Zeitung darin, ihre Leser zu einem christlichen Leben in neupietistischem Sinn zu bekehren, das durch Erweckung initiiert wird. Durch die alleinige und bedingungslose Hinwendung zu Christus und dem Evangelium trennt sich der bekehrte Christ nach seinem Verständnis von der Welt, die für ihn mit Sünde und Versuchung behaftet ist. Dabei stellt die lokale Gemeinschaft einen wichtigen Bezugspunkt für die Person dar, da hier ernster frommer Glaube in Gemeinschaft mit Gleichen gelebt werden kann und soll. Somit ist der Evangelist auch als Sammelbecken und Repräsentant neupietistischer Einstellungen zu verstehen und für die jüngere Theologie- und Regionalgeschichte des Siegerlandes einzigartig. Daher ist danach zu fragen, welche neupietistischen Einstellungen sich im Evangelisten widerspiegeln bzw. auf welche Traditionen und Personen des Pietismus des 17./18. Jahrhunderts man sich beruft.
    5. Das Ideal der angestrebten Trennung zwischen Welt und Glaube bei gleichzeitigem Verwurzeltsein in der deutschen Kultur, Geschichte und Gesellschaft führte zu vielfältigen Spannungen. Konnte diese Position im NS bei- und durchgehalten werden und welche Folgen hatte diese Position?
    6. Als Sammelquelle präsentierte der Evangelist während der NS-Zeit Auszüge aus unterschiedlichsten nationalen und internationalen Print-Medien, die teilweise kommentiert, teilweise unkommentiert abgedruckt wurden. Neben verschiedenen kirchlichen, neuheidnischen, politischen, kommunistischen und nationalsozialistischen Pressestimmen (und Gesetzestexten) wurden – mit unterschiedlicher Funktion – Artikel aus zahlreichen neupietistischen Zeitungen gedruckt. Durch dessen multimedialen Charakter lässt sich der Evangelist nur bedingt auf den erbaulichen oder missionarischen Aspekt reduzieren. Der Evangelist war viel mehr als ‚nur‘ ein Erbauungs-Blatt. So wurde in der Zeitung den Menschen im Siegerland z.B. auch von den Ansichten und Konflikten auf höherer kirchlicher, staatlicher und internationaler Ebene berichtet. Zu fragen ist deshalb: Was wurde den Lesern warum und auf welche Art und Weise im Evangelisten präsentiert und welche Texte, Quellen und Zeitungen wurden zu welchen Themen besonders rezipiert? Zusätzlich muss danach gefragt werden, in welchem Verhältnis die im Evangelisten publizierten Stimmen von außerhalb des Siegerlandes zu den Stimmen aus dem regionalen Umfeld des Vereins für Reisepredigt standen.
    7. Der Evangelist liefert über neun Jahre hinweg eine sehr genaue Darstellung der Bekenntniskämpfe innerhalb der Evangelischen Kirche Deutschlands. Während sich Forschungen zum ‚Kirchenkampf‘ meist auf die Jahre 1933-1935 beziehen, erlaubt es die Quellenlage hier also, einen wesentlich umfangreicheren Zeitraum, auch über den Kriegsbeginn hinweg, in den Blick zu nehmen. Auffällig ist, dass die Auseinandersetzung mit dem kirchlichen und religiösen Gegner in einem vorsichtigen und wenig polemischen Ton stattfand (vor allem mit den Deutschen Christen und der Deutschen Glaubensbewegung), was im Vergleich mit anderen christlichen und politischen Zeitungen dieser Zeit zu interpretieren ist. Inwiefern spiegelt der Evangelist die Bekenntniskämpfe der ev. Kirche in Deutschland wider? Versuchten die Schriftleitung des Evangelisten bzw. der Verein für Reisepredigt hier einen eigenen Weg zu gehen, gliederte man sich vorbehaltlos an die Bekennende Kirche (BK) an, oder sympathisierte man mit den Deutschen Christen (DC)?
    8. Neben dem Themenfeld ‚Kirchenkampf‘ sind es vor allem Konfliktfelder wie die NS-Rassenpolitik und der staatlich verordnete Antisemitismus, das erstarkende Neuheidentum, der Umgang mit dem ‚Bolschewismus‘ und die Stellungnahmen zum Krieg, die hier aufgearbeitet werden sollen. Diese Konfliktfelder gilt es hinsichtlich ihrer theologischen Bewertung im Evangelisten und im Vergleich hierzu an einigen Stellen exemplarisch auch in Licht und Leben genauer zu kategorisieren und zu systematisieren.
    9. Obwohl der Evangelist auch ein Forum für viele verschiedene Autoren war, prägten vor allem Jakob Schmitt (1887-1978) und Walter Alfred Siebel (1867-1941) diese Zeitung. Hier gilt es die Gemeinsamkeiten und Unterschiede bei der Bewertung von kirchlichen und politischen Geschehen beider Personen herauszuarbeiten.

    Ziel dieser Dissertation ist also eine Intensivierung und Neubelebung der Erforschung der evangelischen Gemeinschaftsbewegung im Nationalsozialismus unter regionalkirchenhistorischen, printmedialen und theologischen Gesichtspunkten. Hier gilt es, die Spannungs- und Konfliktfelder aufzuzeigen, in denen sich der Verein für Reisepredigt als Mitglied der Deutschen Evangelischen Kirche (DEK) und des Deutschen Verbandes für Gemeinschaftspflege und Evangelisation (Gnadauer Verband) befand.

    Dabei soll es auch darum gehen, das Bewusstsein der lokal-regionalen Gemeinschaften und Verbände innerhalb der Evangelischen Gemeinschaftsbewegung für die eigene Vergangenheit zu wecken und daraus ableitend Handlungsoptionen für die Gegenwart zu ermöglichen. Zugleich soll diese Studie mit der Geschichte der Siegerländer landeskirchlichen Gemeinschaft das heterogene Gesamtbild der Evangelischen Kirche in der Zeit des Nationalsozialismus exemplarisch um eine wichtige Facette ergänzen, wobei eine einseitige Fokussierung auf den ‚Kirchenkampf‘, der meist nur die NS-Jahre 1933 bis 1935 in den Blick nimmt, vermieden werden soll. Diese vorliegende Studie will eine differenzierte Sicht auf protestantische Positionen im NS jenseits der vermeintlich eindeutigen ‚Schubladen‘ BK und DC geben. Das Erkenntnisinteresse der vorliegenden Studie wird von der Frage geleitet, wie in der Zeitung Der Evangelist aus dem Siegerland (herausgegeben vom Verein für Reisepredigt) als neupietistischem Printmedium in der NS-Zeit generell das Verhältnis zur ‚Welt‘ und zum Staat (Obrigkeit) dargestellt wurde.

    [1] So schreibt Dieter Pfau: „Die Gemeinschaftsbewegung hatte nach wie vor bedeutenden Einfluss auf das kirchliche und gesellschaftliche Leben des Siegerlandes. Ein Grund dafür war das aktive Vereinsleben der christlichen Organisationen“ (Pfau, Christenkreuz und Hakenkreuz, 24). Vgl. hierzu auch den WDR-Film Siegen – Notizen einer Stadt von 1966 (Regisseur: Heinrich Vormweg). In dem Film beschrieb Vormweg das Verhältnis des Siegerlands zur Religion wie folgt: „Das Siegerland schloss sich unter zähen Kämpfen dem reformierten Bekenntnis calvinistischer Richtung an. Pietistische Einflüsse wurden später bereitwillig aufgenommen. Es entstand die Siegerländer Gemeinschaftsbewegung. Freikirchen, Sekten, religiöse Vereine sprossen aus allen Winkeln hervor. Das Siegerland wurde zum calvinistischen Sektenland par excellence.“

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