Aufbruch in eine neue Zeit:

Tankstelleneröffnung im LWL-Freilichtmuseum Detmold

Testlauf mit Oldtimer: Dr. Hubertus Michels, Leiter des Referates Bauwesen, LWL-Museumsdirektor Prof. Dr. Jan Carstensen, Alexander Eggert (wissenschaftlicher Mitarbeiter) und Kathrin Bödeker vom Autohaus Stricker fahren an der Tankstelle aus Siegen-Niederschelden vor, die an den kommenden drei Sonntagen im LWL-Freilichtmuseum Detmold eröffnet wird. Foto: LWL/Jähne

Testlauf mit Oldtimer: Dr. Hubertus Michels, Leiter des Referates Bauwesen, LWL-Museumsdirektor Prof. Dr. Jan Carstensen, Alexander Eggert (wissenschaftlicher Mitarbeiter) und Kathrin Bödeker vom Autohaus Stricker fahren an der Tankstelle aus Siegen-Niederschelden vor, die an den kommenden drei Sonntagen im LWL-Freilichtmuseum Detmold eröffnet wird.
Foto: LWL/Jähne

Mit der Eröffnung der historischen Tankstelle aus Siegen-Niederschelden ziehen die 1960er Jahre ins Museum des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) ein. LWL-Kulturdezernentin Dr. Barbara Rüschoff-Thale eröffnete die Tankstelle am Sonntag, 14. Juli. „Es hätte kein besseres Gebäude geben können, um mit dem Ausbau des Siegerländer Weilers im Stile der 1960er Jahre zu beginnen“, erklärt LWL-Museumsdirektor Prof. Dr. Jan Carstensen. „Durch den Ausbau des Tankstellennetzes wurden Urlaubsreisen und Ausflüge auch für die Bevölkerung Westfalens deutlich einfacher. Eine neue Freiheit zog ein.“ Somit können im LWL-Freilichtmuseum Detmold nun erstmals wichtige kulturgeschichtliche Phänomene der Nachkriegszeit thematisiert werden, die auch auf dem Land zu Verstädterungserscheinungen und deutlichen Modernisierungen führten.

Die Tankstelle Schütz aus Siegen-Niederschelden wurde 1951 errichtet und wird im Freilichtmuseum im Zustand der 1960er Jahre gezeigt. Sie ist räumlich und funktional gegliedert in eine vorgelagerte, überdachte Tankinsel mit Zapfsäulen, ein dahinter liegendes Tankwarthaus mit Kassenraum sowie separatem WC und eine daran angeschlossene, befahrbare Wasch- bzw. Pflegehalle.„Die Tankstelle wirft typische Schlaglichter auf die Zeit ihrer Entstehung. 1951 wurde in Deutschland der bis dahin von den Alliierten regulierte Treibstoffhandel freigegeben“, erläutert Dr. Hubertus Michels, Leiter des Referates Bauwesen. Erstmals seit dem Krieg bestand nun die Möglichkeit zum Aufbau eines privatwirtschaftlichen Tankstellennetzes. Zu dem Serviceangebot der Pächterfamilie Schütz gehörten neben dem Verkauf von Benzin und Diesel auch eine Waschhalle sowie eine Reparaturwerkstatt und der Verkauf von Kraftfahrzeugen der Marken DKW und NSU.

Hintergrund
Der Treibstoff wurde von dem Mineralölgroßhandel J. & A. Homberg geliefert, ein Name, der heutzutage wohl nur noch eingefleischten Fans der Benzinszene oder älteren Autofahrern aus dem Siegerland, dem Bergischen Land und dem Ruhrgebiet bekannt sein dürfte. Homberg hatte seinen Sitz in Wuppertal-Barmen sowie größeren Niederlassungen in Siegen und Solingen. In diesen Städten und deren ländlichem Umland betrieb er in den 1950er und 1960er Jahren ein eigenes Tankstellennetz.

Anhand von Straßenkarten und Autoatlanten, die seit Mitte der 1950er Jahre von Homberg unregelmäßig herausgegeben wurden, konnte das Team der Wissenschaftler im LWL-Freilichtmuseum Detmold herausfinden, dass auch die Tankstelle Schütz aus Siegen-Niederschelden an das Homberg-Netz angegliedert war. Waren es Mitte der 1950er Jahre noch 25 Homberg-„Großtankstellen“, so stieg diese Zahl bis Anfang der 1960er Jahre auf 42 an. Nach der ersten großen Ölkrise 1973 gliederte Homberg sein Tankstellennetz der AVIA-Gruppe an. Das Logo Homberg verschwand nach und nach vom Markt.

Dieser Umstand stellte das LWL-Freilichtmuseum Detmold bei der Ausstattung der Tankstelle für die museale Präsentation vor eine große Herausforderung. So sind beispielsweise heute überhaupt nur noch vier Homberg-Zapfsäulen bekannt. Interviews mit ehemaligen Kunden und Mitarbeitern der an die Tankstelle angeschlossenen Kfz-Werkstatt sowie damaligen Homberg-Tankstellenbetreibern machten jedoch eine Rekonstruktion des Einrichtungszustandes in der Zeit der 1960er möglich.

Die typischen Homberg-Farben Blau und Rot schmückten die Zapfsäulen ebenso wie das Ölkabinett oder die Zapfsäule für Zweitakter-Ölgemisch und in ausgesuchten Akzentuierungen auch Teile des gesamten Tankstellengebäudes.

Charakteristisch ist zudem die bereits für 1951 belegte reiche Ausleuchtung durch eine Vielzahl von Neonröhren. Das ermöglichte den Betrieb bis weit in die Nacht hinein und machte die Tankstelle schon von Weitem für die Kraftfahrer sichtbar. All das und die moderne Architektur der Tankstelle waren typische Elemente und Erscheinungen einer vollkommen neuen Zeit.
Quelle: Pressemitteilung LWL, 10.7.2013

s. a. http://www.siwiarchiv.de/2013/07/siegener-tankstelle-detmolder-freilichtmuseum/

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