„Welch ein Hasten und Rennen ums tägliche Brot“:

Stadtarchiv Siegen erinnert an das Ende des 2. Weltkriegs vor 75 Jahren

„Wann soll es enden?“ Ein um 1943 über Siegen abgeworfenes alliiertes Flugblatt.
(Stadtarchiv Siegen, Bestand 754, Nr. 436)

In seinem „Klick in die Vergangenheit“ widmet sich das Stadtarchiv Siegen regelmäßig unterschiedlichen Episoden der städtischen Geschichte. Besondere Anlässe, historische Ereignisse, bislang unbekannte Aspekte oder bemerkenswerte Archivalien aus den Sammlungsbeständen sollen dadurch der Öffentlichkeit vorgestellt werden. In der neuen Ausgabe wird an die Beendigung der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft am 9. April 1945 und an das Ende des Zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren erinnert.

Bereits vor der Zerstörung Siegens am 16. Dezember 1944 hatten sich in Teilen der Zivilbevölkerung Lethargie, Kriegsmüdigkeit und Desillusion abgezeichnet. Die zermürbenden Fliegerangriffe gingen aber auch danach unvermindert weiter. Durch die Bombardements am 29. Januar 1945, am 1. Februar 1945, am 19. Februar 1945 und am 12. März 1945 kamen weitere Zivilisten zu Tode. Der letzte Luftangriff auf Siegen erfolgte am 23. März 1945. In Anbetracht dieser Gefahrenlage prägte der Aufenthalt in Luftschutzstollen und Bunkern vielfach den Alltag der Bevölkerung. Doch in den Bunkern und Stollen mangelte es an Licht, Luft, Nahrung, Medikamenten und sanitären Anlagen. „Angesichts akuter Existenznöte, hygienischer Missstände und grassierender Krankheiten waren nicht nur Solidaritätsgefühl und selbstlose Hilfsbereitschaft unter den Menschen zu beobachten. Auch Psychosen, Egoismus und Diebstahl waren offenbar an der Tagesordnung“, wie  Christian Brachthäuser erläutert. Der Bibliothekar hat Schriftquellen ausgewertet und ausgewählte historische Dokumente aus den Archivbeständen zusammengetragen: Alliierte Flugblätter, nationalsozialistische Propaganda, Lebensmittelmarken und Fotografien. „Auffällig dabei ist, dass die Propaganda der Nationalsozialisten die Alltagssorgen der Bevölkerung und ihre Versorgungsengpässe im Bombenalltag weitgehend ausblendete und sich im Wesentlichen darauf beschränkte, unermüdlich an die Opferbereitschaft der Menschen zu appellieren“, so Brachthäuser. Am 26. Februar 1945 – zwei Wochen nach dem Feuersturm von Dresden mit rund 25.000 Toten – verkündeten die Medien auch im Siegerland noch großflächig Hitlers Prognose, dass eine vermeintliche Wende noch in diesem Jahr zugunsten des Deutschen Reichs eintreten werde – ein Trugschluss. Der neue „Klick in die Vergangenheit“ zeigt auch, wie sehr sich die Ernährungssituation in den letzten Kriegstagen unter dem Eindruck mangelnden Nachschubs und Auflösungserscheinungen der staatlichen Gewalt zuspitzen sollte. Beim Einmarsch amerikanischer Streitkräfte in Siegen am 1. April 1945 waren infolge zerstörter Bahnlinien und beschädigter Straßenzüge kaum noch Nahrungsmittelvorräte vorhanden.

Die PDF-Dokumentation ist ab sofort auf der Website www.stadtarchiv-siegen.de abrufbar. Sobald es die Wiederaufnahme des regulären Publikumsverkehrs des Stadtarchivs nach Beendigung der Corona-Beschränkungen erlaubt, können ausgewählte Exponate des aktuellen Klicks in die Vergangenheit übrigens wie gewohnt in einer Glasvitrine im Lesesaal in Augenschein genommen werden. Das Stadtarchiv Siegen bittet in diesem Zusammenhang, die aktuellen Meldungen auf der Website zu verfolgen.

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