Von der Schwierigkeit den richtigen Zeitpunkt zu finden.

200 Jahre Kreise Siegen und Wittgenstein.

200siwiDie langwierige Eingliederung der beiden Altkreise Siegen und Wittgenstein, also des heutigen Kreisgebietes, in den preußischen Staatsverband hat das Kreisarchiv vor das Problem gestellt, einen festen Termin für das Jubiläum zu finden. Denn: Jubiläen richten sich auf ein konkretes Datum – Geschichte ist aber ein Prozess.

 

Der Beginn der Entwicklung ist die Neuordnung Europas nach den napoleonischen Kriegen auf dem Wiener Kongress im Jahr 1815. Im Frühjahr 1815 erhielt das Königreich Preußen dort das Fürstentum Siegen zugesprochen. Erst ein Jahr später, im Frühsommer 1816, gelangten die Wittgensteiner Territorien quasi über den Umweg des Großherzogtums Hessen an das Königreich Preußen. Im Dezember 1816 kamen schließlich der Freie- und Hickengrund sowie Siegenschen Ortschaften der heutigen Kommunen Netphen und Wilnsdorf zum Kreis Siegen.
Der 1. Juni 2017 stellt mit der Eingliederung des Altkreises Siegen in den Regierungsbezirk Arnsberg der preußischen Provinz Westfalen den Endpunkt der Entwicklung dar, die die ehemaligen nassau-siegenschen, wittgensteinschen Ländereien sowie den Freien– und Hickengrund in den preußischen Staatsaufbau integrierte und dort die preußischen Verwaltungsstruktur installierte.

Zeittafel zur Eingliederung des Kreisgebietes in den preußischen Staat 1815-1817:

31.05.1815 Auf dem Wiener Kongress erhält Preußen das Fürstentum Siegen
21.06.1815 Besitzergreifungspatent: Einverleibung des Fürstentums Siegen ohne die abgetretenen Ortschaften (12.000 Einwohner an das Großherzogtum Niederrhein in Koblenz); Verwaltungsbehörde Königlich Preußisches Unterdirektorium zu Siegen, Leiter: Justiz- und Regierungsrat von Schenck
29.07.1815 Feierliche Besitzergreifung des oranischen Fürstentums Nassau-Siegen (größter Teil des Fürstentums Siegen) durch Vertreter der Krone Preußens unter Vereidigung der städtischen und landesherrlichen Beamten im Rathaus Siegen
02.08.1815 Bewerbung Wolfgang Friedrich von Schenk als Kreisdirektor des zukünftigen Kreises Siegen
20.05.1816 Bildung des Kreises Siegen. Aufteilung des Großherzogtums Niederrhein in Kreise durch Erlass des Präsidiums der königlichen Regierung zu Koblenz. Bis zur Ernennung der Landräte wurden Kreiskommissare eingesetzt, die mit den beigeordneten Kreissekretären am Hauptort der Kreiskommissionen bildeten und mit Wirkung vom 20.05.1815 in Funktion traten. Das Unterdirektorium Siegen wurde somit durch die Kreiskommission Siegen und der bisherige Leiter des Unterdirektoriums durch den Kreiskommissar Schenk ersetzt.
30.06.1816 Kreis Berleburg an Preußen. Großherzog von Hessen und Rhein tritt u. a. die Grafschaften Wittgenstein-Wittgenstein und Wittgenstein-Berleburg an den König von Preußen ab.
18.07.1816 Besitzergreifung der Grafschaft Berleburg-Wittgensteins durch Caspar Joseph v. Biegelebens für Preußen
19.07.1816 Besitzergreifung der Grafschaft Wittgenstein-Wittgenstein durch v. Biegelebens. Übergabe der Hoheitsgewalt in den Grafschaften Sayn-Wittgenstein an den Vertreter Preußens
01.08.1816 Einteilung der Provinz Westfalen in Kreise: Seit dem 01.08.1816 wird aufgrund der „Verordnung wegen verbesserter Einrichtung der Provinzial-Behörden“ vom 30.04.1815, die am 20.07.1815 verkündet wurde, die Einteilung der Regierungsbezirke in Kreise in die Wege geleitet. In den Bezirken Münster und Minden sind jeweils zwölf, in Arnsberg vierzehn geplant. Den Anfang mit der Untergliederung macht am 01.08.1816 der Regierungsbezirk Münster. Nach 1832 werden an den Kreisgrenzen nur noch wenige Veränderungen vorgenommen. Die Leitung der Kreise übernehmen sogenannte Landräte. In ihrem Aufgabenbereich liegen der reibungslose Ablauf der Verwaltung, die Ankurbelung der Wirtschaft und der Landeskultur.
23.11.1816 v. Vincke schreibt in einer Stellungnahme: „Durch ( meine Besichtigung der Grafschaften Wittgenstein) mich indessen überzeugt, wie dringend es notwendig wird, die Abänderung in der Verwaltungsbehörde zu treffen …“ (Beleg für Bestehen der alten Verwaltungssgrukturen)
14.12.1816 Der Freie- und Hickengrund sowie die Siegenschen Ortschaften Wilgersdorf, Wilnsdorf, Nieder- und Oberdielfen, Rinsdorf, Rödgen, Obersdorf, Nauholz, Beienbach, Flammersbach, Feuersbach, Brauersdorf, Obernau, Irmgarteichen, Gernsdorf, Hainchen, Werthenbach, Lahnhof, Nieder- und Oberwalpersdorf, Nenkersdorf, Grissenbach, Deuz, Salchendorf, Helgersdorf, Anzhausen, und Rudersdorf, die am 08.08.1815 vorläufig an das Herzogtum Nassau abgetreten worden waren, kamen zum Kreis Siegen. (26.10.1816 ?)
25.01.1817 Levin Voss, freiwilliger Jäger zu Arnsberg, wird Kreissekretär für den Kreis Wittgenstein
23.02.1817 Zuweisung des Kreises Berleburg zum Regierungsbezirk Arnsberg, Provinz Westfalen
14.03.1817 Umbenennung des Kreises Berleburg in den Kreis Wittgenstein
01.06.1817 Zuweisung des Kreises Siegen zum Regierungsbezirk Arnsberg, Provinz Westfalen.
18.06.1817 Bericht des Oberpräsidenten über die Zustände in Wittgenstein an preuß. Minister Hardenberg (Vorbereitende Berichte von Justizamtmann Jost, fürstlicher Kammerrat Raußel, Regierungsrat von Biegeleben)
01.07.1817 Justizamtmann Friedrich August Jost wird erster preußische Landrat in Wittgenstein: “ Jost …. löste den Hofrat Groos ab, der vom 01. Juli 1816 bis zum 30. Juni 1817 Hoheitsamt Laasphe …. inne hatte und das nach noch die Formen der bisherigen hessischen Verwaltungsorganisation bewahrt hatte.“ (Newelling, 150 Jahre Landkreis Wittgenstein 1816 – 1966)

Quelle: Kreisarchiv Siegen Wittgenstein, unverzeichnete Aktenbände zum 175jähriigen Jubiläum des Kreises Siegen-Wittgenstein

6 Gedanken zu „Von der Schwierigkeit den richtigen Zeitpunkt zu finden.

  1. „Wenn ich es richtig begriffen habe, gehörten die beiden Grafschaften Wittgenstein sofort nach der preußischen Inbesitznahme im Juli 1816 zum Regierungsbezirk Arnsberg.

    Digitalisiert liegt vor:
    „Patent wegen Besitzergreifung des Herzogthums Westfalen und der Grafschaften Wittgenstein-Berleburg und Wittgenstein-Wittgenstein“, Arnsberg 15.7.1816
    in: Amtsblatt für die Provinz Westfalen vom 20.7.1816, Nr. 53, S.305-310.

    http://sammlungen.ulb.uni-muenster.de/hd/periodical/pageview/1056067

    Demzufolge wurden die Wittgensteins „der hiesigen Kgl. Regierung … unterstellt“, was sich eigentlich nur auf Arnsberg beziehen kann, da das Patent von Vincke dort (und nicht in Münster) ausgestellt worden war.

    Die Verordnung betr. den Übergang des Kreises Siegen von Koblenz nach Arnsberg finden Sie im Koblenzer Amtsblatt vom 9.6.1817:

    http://reader.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb10014781_00195.html

    Leider sind die Arnsberger Amtsblätter erst ab 1821 digitalisiert, und die UB besitzt die ersten Jahrgänge auch nicht im Original. Im Stadtarchiv Siegen sind sie aber, soweit ich mich entsinne, vorhanden. Vielleicht könnte man die für unsere Kreisgeschichte relevanten amtlichen Mitteilungen von 1816/17 dort einmal heraussuchen und für Siwiarchiv scannen.“

  2. Dieser irritierende Eintrag erfordert ein Bekennerschreiben. Bei dem Text des „Anonymus“ handelte es sich um eine persönliche E-Mail an den Administrator, die versehentlich fast komplett hier eingestellt worden ist. Ausgereicht hätte der Link zum Patent von 1816, falls eine amtliche Bestätigung des in der Zeittafel genannten Termins nötig gewesen wäre. Ich war mir nicht sicher, ob ich den Einwand von Herrn Sigg richtig verstanden hatte, deshalb wollte ich ihn nicht kommentieren.

  3. Der Übergang an Preußen ist wahrlich nicht einfach, da verliert man schnell den Überblick.
    1. Preußen war zunächst einmal mehr an Sachsen als an irgendwelchen Territorien im Westen (u.a. am „Siegerland“) interessiert.
    2. Im Verhältnis zu Wittgenstein gestaltete sich die Besitzergreifung des Gebietes des späteren Kreises Siegen umständlicher und zeitaufwendiger. Im Dezember 1813 gelangte zwar Wilhelm Friedrich Fürst zu Oranien-Nassau, der spätere König der Niederlande wieder in Besitz seiner Erblande mit den Fürstentümern Hadamar, Dillenburg, Diez und Siegen, trat diese aber bereits am 31. Mai 1815 im Gebietstausch gegen das Großherzogtum Luxemburg an Preußen ab. Preußen wiederum überschrieb am gleichen Tage die ehemaligen Fürstentümer Dillenburg, Diez, Hadamar vollständig sowie den Freien- und Hickengrund (Ämter Burbach und Neunkirchen) und einige Ortschaften der Ämter Siegen, Netphen und Irmgarteichen – insgesamt eine Bevölkerung von 12.000 Einwohnern – an das Herzogtum Nassau (nicht an das Großherzogtum Niederrhein wie oben angegeben!) . Gleichzeitig verpflichtete sich der Herzog von Nassau, die an ihn abgetretenen Ämter und Gemeinden später im Tausch gegen die Grafschaft Katzenelnbogen, welche Preußen zwischenzeitlich von Hessen zu erwerben beabsichtigte, zurückzugeben.
    Lit.: Achenbach, Kreis Siegen, S. 31; Kruse, Das Siegerland, S. 271-273 (mit Nennung der einzelnen Ortschaften); Gesetz-Sammlung f.d. Königlichen Preußischen Staaten 1918, S. 31; Karte für das 12.000 Seelen-Gebiet bei Dango, Wilnsdorf, S. 270.

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