Johann Moritz und sein „Zuckerhaus“ – Plädoyer für Blickerweiterungen

Über die Ausstellung „Imagewechsel – Auf der Suche nach Johan Maurits“ (4. April – 7. Juli 2019) im Mauritshuis, Den Haag

Abb. 1: Das Mauritshuis in Den Haag, erbaut zwischen 1633 und 1644

Eine hitzige Debatte quer durch die niederländischen Medien im Frühjahr 2018 war es, die einen wesentlichen Anstoß zu der historischen Ausstellung „Imagewechsel“ gab. Das Mauritshuis (dt. „Moritzhaus“) in Den Haag beherbergt eigentlich eine der renommiertesten Kunstsammlungen der Niederlande (Abb. 1). Um ein historisches Museum mit der Zielsetzung, geschichtliche Zusammenhänge zu vermitteln, handelt es sich also nicht. Dass sich das Kunstmuseum derzeit in einer Sonderausstellung dennoch einer historischen Persönlichkeit, die kein Künstler war, und den globalgeschichtlichen Zusammenhängen seiner Zeit widmet, hängt mit der Entstehungsgeschichte des Bauwerks selbst und seinem Namensgeber zusammen: Johann Moritz von Nassau Siegen.

Als im Januar 2018 die Replik einer Büste des Johann Moritz (das Original steht in der Siegener Fürstengruft) aus dem Foyer des Museums entfernt wurde, entfachte sich in traditionellen wie digitalen Medien eine hitzige Debatte.[1] Sollte Johann Moritz etwa durch einen tugendhaften Bildersturm aus der (Museums-)Geschichte verbannt werden? Ähnlich wie im Siegerland gilt Johann Moritz in den Niederlanden als Held der Vergangenheit: Für viele verkörpert er den Glanz des „Goldenen Zeitalters“ und die globale Bedeutung der Niederlande im 17. Jahrhundert. Kritische Stimmen dagegen betonen seine Rolle im Sklavenhandel und als General-Gouverneur der niederländischen Kolonie in Brasilien. Der koloniale Entstehungshintergrund des Mauritshuis bildete nun einen Hauptschwerpunkt der Ausstellung.

Zwischen 1633 und 1644 ließ der spätere Fürst seinen imposanten Stadtpalast kaum einen Steinwurf entfernt vom Sitz der Regierung errichten und damit in direkter Nähe zu einem der wichtigsten diplomatischen Zentren Nordwesteuropas. Die immensen Baukosten bezahlte Johann Moritz mit seinen Einkünften als General-Gouverneur Niederländisch-Brasiliens, eine Amtsstellung, die er im Auftrag der westindischen Handelskompanie ausführte. Brasilien war das Land des Zuckerrohrs, wo durch Sklavenarbeit das „weiße Gold“ auf Plantagen gepflanzt, geerntet und weiterverarbeitet wurde, bevor man es mit der Garantie auf immense Profite nach Europa verschiffte. So verwundert es wenig, dass das Mauritshuis schon während seiner Bauzeit als „Zuckerhaus“ von sich reden machte. Um die koloniale Wirtschaft in Brasilien zu gewährleisten und die Felder und Mühlen mit Arbeitskräften zu versorgen, eroberten niederländische Truppen auf Befehl des Johann Moritz auch Handelsstützpunkte an den afrikanischen Küsten. Dort kaufte man den jeweiligen Machthabern und Händlern Sklaven ab. Etwa 24.000 Afrikanerinnen und Afrikaner deportierte man in der Amtszeit des Johann Moritz als Sklaven nach Brasilien.[2] Mit seinen Einnahmen als Gouverneur finanzierte er sein Bauprojekt in Den Haag, seine ‚brasilianischen Jahre‘ legten das Fundament für seine weitere Karriere und sein Wirken in Europa.

Abb. 2: Finanziert mit kolonialen Profiten: Das Mauritshuis als „Zuckerhaus“

Ein Modell des Mauritshuis aus „Zuckerwürfeln“ versinnbildlichte in der Ausstellung diese Zusammenhänge zwischen Sklavenwirtschaft, Zuckerhandel und der kulturellen Blüte in den Niederlanden des 17. Jahrhunderts (Abb. 2). Auch die historischen Exponate – vor allem Gemälde aus den Sammlungen des Hauses, darunter auch eine Darstellung zweier Afrikaner von Rembrandt – wurden bezüglich ihrer Verbindung zum Kolonialismus und dessen Wahrnehmung in Europa untersucht (Abb. 3). Diese Perspektiverweiterung auf die Hintergründe bereichert die Debatte des 21. Jahrhunderts um Johann Moritz, da sie ein Licht auf jene Personen und Gruppen wirft, die in der Geschichte des Fürsten und seiner Zeit bislang nur am Rande Beachtung fanden. Dazu beauftragte man Forschende und Kunstschaffende verschiedener Nationen und ethnischer Hintergründe, um ihre Interpretation zu den Objekten beizusteuern.

Abb. 3: Unter der kolonialen Perspektiven erscheinen viele Gemälde in einem anderen Licht. Im Hintergrund eine Multimedia-Show mit Bildern von zentralen Stationen im Leben des Johann Moritz von Nassau Siegen

Die Ausstellung bildet für das Mauritshuis nur einen Zwischenschritt in einer ausführlichen wissenschaftlichen Beschäftigung mit Johann Moritz. Obwohl seine koloniale Rolle im atlantischen Sklavenhandel schon seit Beginn der historischen Forschungen zu seiner Person im 19. Jahrhundert bekannt waren, fehlt es bis heute an Untersuchungen darüber, inwieweit Johann Moritz von der kolonialen Politik persönlich profitierte und wie genau seine Rolle im transatlantischen Handelsnetzwerk aussah. Die internationalen Forschungen am Mauritshuis sind besonders erfreulich,  da es bisher an länderübergreifenden Studien mangelte. Dies erklärt sich schon durch die sprachlichen Voraussetzungen des Themenfeldes, das zu seiner Erforschung unter anderem Kenntnisse in Niederländisch, Portugiesisch, Französisch, Latein und Deutsch erfordert. Ebenso wichtig wie weitere Detailuntersuchungen erscheint es jedoch, die Ergebnisse auch an die interessierte Öffentlichkeit zu tragen und Gelegenheiten zu schaffen, über die Rolle des neuzeitlichen Kolonialismus im kollektiven Gedächtnis nachzudenken. Ob dies tatsächlich zu einem „Imagewechsel“ führen wird, bleibt abzuwarten. Der Komplexität der historischen Persönlichkeit wäre es zumindest angemessen, einer Polarisierung des öffentlichen Bildes entgegenzuwirken. Denn im Gegensatz dazu war der historische Johann Moritz eben vieles: Förderer der Künste und Kolonialherr, Landesvater und Sklavenhalter.

Tobias Scheidt, M.A.

[1] Vgl. Vincent van Vesen: The Mauritshuis Bust and the Volatile Heritage Debate in the Netherlands, in: Frieze, https://frieze.com/article/mauritshuis-bust-and-volatile-heritage-debate-netherlands und Ralf Daute: Die zwiespältige Rolle des Johann Moritz, in: Neue Rhein/Neue Ruhr Zeitung, https://www.nrz.de/staedte/kleve-und-umland/die-zwiespaeltige-rolle-des-johann-moritz-id213151469.html

[2] Vgl. Rik van Welie: Slave Trading and Slavery in the Dutch Colonial Empire: A Global Comparison, in: New West Indian Guide 82:1 (2008), S. 47-96 und Alencastro, Luis Felipe de: Johann Moritz und der Sklavenhandel, in: Gerhard Brunn/Cornelius Neutsch (Hgg.): Sein Feld war die Welt: Johann Moritz von Nassau-Siegen (1604-1679) – Von Siegen über die Niederlande und Brasilien nach Brandenburg, Münster 2008, S. 123-144.

5 Gedanken zu „Johann Moritz und sein „Zuckerhaus“ – Plädoyer für Blickerweiterungen

  1. Moin.
    Wer hat das Zuckerhaus aus Zucker gebaut?
    Ich war vor zwei Wochen bei Ihnen in der Ausstellung.
    Es hat mir sehr gut gefallen.

    • Hallo Martina,
      nur um einem möglichen Missverständnis vorzubeugen: Ich war nicht an der Ausstellung beteiligt sondern habe Sie mir auch nur als Besucher angeschaut.
      Aber es freut mich natürlich, wenn Sie die Ausstellung ebenfalls als gelungen und interessant empfunden haben, nächstes Jahr wird es vermutlich auch noch eine Ausstellung mit Bezug zu Johann Moritz in Siegen geben.

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