Denkmal des Monats November: Gruften-Weg auf dem Lindenbergfriedhof in Siegen, Frankfurter Straße

Im Jahre 1857 wurde der Lindenberg-Friedhof feierlich eingeweiht.

Nur wenige Jahre später, d.h. ab 1878 wurden Erbbegräbnisstätten als vererbbares Recht Familien zur Bestattung ihrer Toten überlassen. Dabei handelt es sich um 59 Erdgräber oder Gruften auf insgesamt 285 m Länge, auf denen Einzel-als auch Mehrfachbestattungen möglich sind.

1882 wurde an der äußeren Grenze des Friedhofs eine Mauer für diese Erbbegräbnisstätten errichtet, an der die seit 1999 denkmalgeschützten Gruften-Anlagen angelegt wurden.

Noch im Kaiserreich haben sich hier führende Familien der Stadt in auffälligem Nebeneinander aufwendige Grabstätten geschaffen, die bis heute Siegens Wohlstand im Industriezeitalter sowie den Repräsentationsanspruch der tragenden Oberschicht dokumentieren.

Die Grabstätten sind individuell und künstlerisch sehr hochwertig gestaltet. Sie bezeugen die für Westfalen relativ seltene Form der Gruft-Bestattung und sind damit ein wichtiges Zeugnis für Sepulkralkultur.

Eine der überregional bedeutendsten Grabstätten ist die Grabanlage der Familie Luyken (1906) mit einzigartigem Christusmosaik. Mosaik und Grabmal sind in neobyzantinischem bzw. neoromanischem Stil gehalten.

Die in der Ansicht polygonale Gruft (ähnlich einem Sarkophag) mit Portal im Vordergrund ist aus Ziegel gemauert, verputzt und mit Sandsteinplatten verkleidet. Das Sandsteinportal der Gruft ist mit Jugendstil-Dekor verziert und trägt im Sturz eine steinmetzmäßig ausgearbeitete Inschrift des Familiennamens. Die Umfassungsmauern sind aus Ziegelsteinen gemauert und mit Naturstein verkleidet. Der sechseckige Giebel ist reich mit Jugendstildekor verziert und mit einem Kreuz mit polygonalem Querschnitt bekrönt.

Das Bogenfeld, mit halbkreisförmigem Glasmosaik von rd. 1,3m Radius, stellt ikonenartig das Haupt Christi als Erlöser dar, umgeben von einem goldenen Rankenornament mit großen Blüten auf hellblauem Hintergrund. Es ist von einer Bibeltext-Inschrift „Darum ist….eine Ruh vorhanden dem Volk Gottes….” ¹ umrahmt. Für das Mosaik wurden ca. 1x1cm kleine opake und durchscheinende Glas-Mosaiksteine mit engen Fugen zu einem Christusbild zusammengesetzt und im Bereich von Bibelvers, Blüten und Ranken echte Goldauflage verwandt.

¹ – Der Vers ist dem Hebräer-Brief, Kapitel 4 entnommen: (9) Es ist also noch eine Ruhe vorhanden für das Volk Gottes (10) Denn wer zu Gottes Ruhe gekommen ist, der ruht auch von seinen Werken so wie Gott von den seinen.In diesem Vers wird die jüdische Sabbatruhe am 6.Tag angesprochen und dieser Tag als ein Fest gedeutet.Der Tod bekommt damit eine positive, erlösende Deutung.

Architekt dieses Kunstwerks war der um 1900 in ganz Deutschland bekannte und renommierte königliche Baurat und nassauische Kirchenbaumeister Ludwig Hofmann aus Herborn.

Für die Herstellung des Mosaiks „Christuskopf mit Ornament” beauftragte er für 775,- (Gold-)Mark die Deutsche Glasmosaik Gesellschaft unter Leitung von Fritz Puhl und August Wagner in Berlin.

Als Hoflieferant Kaiser Wilhelms II. erhielt die Firma Puhl & Wagner Staatsaufträge von erheblichem Umfang und stellte unter anderem die berühmten Mosaiken in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin, sowie in der Jerusalemer Auferstehungskirche her.

Der Auftraggeber der überregional bedeutenden Grabstätte, Herr Emil Luyken, Lederfabrikant, verstarb am 16.Mai 1906 und konnte somit die Fertigstellung des wertvollen Mosaiks seiner Gruft-Anlage nicht mehr bewundern.

Literatur: „Chronikblätter für die Familien Luyken/Leuken und ihrer Anverwandten” (82. Jahrgang, Band IX, Weihnachten 2003; Druck: Friedrich Luyken GmbH, 51643 Gummersbach,)

Zustand 2012:

Sehr prägnant ist die Schiefstellung des Rundbogengiebels der Grabstätte. Es besteht Einsturzgefahr.

Zwei große Bereiche des Mosaiks sind bereits weggebrochen. Mehrere horizontale Risse zeichnen sich ab, das gesamte Mosaik löst sich vom Untergrund und droht abzustürzen. Teilbereiche sind ausgebeult und lose Mosaiksteinchen liegen auf dem Nischensims. Der Trägerputz des Mosaiks, sowie das Ziegelmauerwerk sind stark geschädigt.

Die Werksteine der Umfassungsmauer und der Gruft driften stark auseinander und können nicht zurückgeformt werden. Die Konstruktion der Gruft ist stark gefährdet, das Gruft-Gebäude bricht auseinander und in naher Zukunft zusammen. Fast alle Sandsteinplatten der Gruft sind um mehrere Zentimeter verschoben, so dass dauerhaft Wasser in die Gruft eindringen kann.

Im Oktober 2012 wurden die ersten Notsicherungsmaßnahmen beauftragt, d.h. der Rundbogengiebel wurde abgestützt und vor eindringender Feuchtigkeit geschützt. Das Glas-Mosaik wurde gereinigt, lose Fragmente injiziert und vorgefestigt, das Mosaik mit einem speziellen reversiblen Klebstoff beschichtet. Die Sicherung der Oberfläche erfolgte durch das Aufkleben eines Glasfasergewebes mit Verstärkungsfasern, so dass Demontage und Transport möglich war.

Restaurierungsarbeiten 2013/14:

Das Fortleben dieser künstlerisch und kunsthistorisch wertvollen Grabstätte soll gesichert werden, ohne dass hier die Originalzustände in allen Details wieder hergestellt werden. Konservatorische Maßnahmen stehen im Vordergrund, rekonstruierende Maßnahmen sollen nur im Bereich des Mosaiks zur Ausführung kommen, da viele Glas-Mosaiksteine vor Ort gesichert werden konnten.

Die Erstellung eines Restaurierungskonzeptes und die Ausführung der Arbeiten an dem Glas- Mosaik stellen hohe Ansprüche an die Kenntnisse und Fähigkeiten des Ausführenden und können aus denkmalpflegerischen Gründen nur von einem erfahrenen Diplom-Restaurator, der nachweisbare Erfahrungen im Bereich der Mosaikrestaurierung vorweisen kann, konzipiert und im Jahre 2014 ausgeführt werden.
Quelle: Arbeitsgemeinschaft Historischer Stadt- und Ortskerne Nordrhein-Westfalen

s. a. Florian Adam, “Denkmal “Gruftenweg” in Siegen verrottet ohne Pflege”, in: Westfälische Rundschau, 23.4.14

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