72. Westfälischer Archivtag heute und morgen

Der 72. Westfälische Archivtag findet ausschließlich als interaktive Online-Fachtagung statt. Das Thema lautet:
„Der Mensch im Mittelpunkt: Personengeschichtliche Quellen in Kommunalarchiven“.

Programm:

17. März 2021

10.00 Uhr Eröffnung: Kultureinrichtungen für die digitale Welt gut aufstellen! Talkrunde mit Vertreter*innen aus Politik, Verwaltung und Fachverband Moderation: Dr. Marcus Stumpf (LWL-Archivamt für Westfalen, Münster)

Einführungsvortrag Dr. Almut Leh (Institut für Geschichte und Biographie, Fernuniversität Hagen): Digitale Zeitzeugenschaft

11.30 Uhr Pause

13.00 Uhr Rechtsfragen und Aspekte der Überlieferungsbildung

Moderation: Dr. Stephen Schröder (Archiv im Rhein-Kreis Neuss)

Dr. Mark Steinert (LVR-Archivberatungs- und Fortbildungs-zentrum, Pulheim) Übernahme von personenbezogenen Unterlagen in der Verwaltung in Zeiten der Datenschutz-Grundverordnung – Weitermachen wie bisher?

Abstract: Die EU räumte den nationalen Gesetzgebern 2016 einen Zeitraum von zwei Jahren ein, die Rechtslage an die Erfordernisse der EU-DSGVO anzupassen. Termin für diese Anpassung war der 25. Mai 2018. Die Entwürfe der Novelle des Archivgesetzes sahen und sehen vor, von den in der EU-DSGVO eingeräumten Möglichkeiten, Archive von der Geltung einzelner Bestimmungen auszuneh-men, so weitgehend wie möglich Gebrauch zu machen. Nach einer entsprechenden Anpas-sung des Archivgesetzes, wäre die Frage „Weitermachen wie bisher?“ in den meisten Punkten mit einem klaren „Ja“ zu beantworten. Die derzeit (noch) bestehende Rechtslage sieht jedoch anders aus, da sie den neuen Vorgaben der EU im Datenschutzrecht noch immer nicht Rech-nung trägt.

Vinzenz Lübben M.A. (Kommunalarchiv Minden) Nutzung und Veröffentlichung personenbezogener Daten im Rahmen von Gedenkarbeit

Abstract:  Die Erinnerungs- und Gedenkarbeit an die Zeit des Nationalsozialismus findet heute sowohl an authentischen Gedenk- und Erinnerungsorten als auch in Dokumentationszentren und zeithistorischen Museen statt. Im Internet stellen Archive und andere Einrichtungen seit Jah-ren Scans von Originalunterlagen sowie Datenbanken zu einzelnen Opfergruppen zur Verfü-gung. Schulklassen, Vereine und Einzelpersonen beschäftigen sich mit den NS-Verbrechen vor Ort. Einschlägige Quellen sind in den staatlichen und kommunalen, aber auch in kirchlichen und privaten Archiven zu finden. Fast immer enthalten diese Unterlagen personenbezogene Daten von Opfern oder Tätern.Bei der Nutzung personenbezogener Unterlagen für die Erinnerungs- und Gedenkarbeit ist stets zwischen dem Informationsinteresse der Öffentlichkeit und den schutzwürdigen Belangen der Betroffenen – teilweise auch ihrer Nachkommen – abzuwägen. Gegebenenfalls ist eine Nutzung ganz oder teilweise zu versagen oder nur unter Auflagen zu gestatten.Bei der Veröffentlichung personenbezogener Daten im Internet – sei es als bloßes Digitalisat oder als aufbereitete Information in einer Datenbank – ist auch im Rahmen von Erinnerungs- und Gedenkarbeit besondere Sorgfalt geboten. Neben den archivrechtlichen Bestimmungen sind hier besonders die Regelungen der Datenschutz-Grundverordnung zu beachten.Vor einer geplanten Online-Veröffentlichung von personenbezogener Daten empfiehlt sich daher eine frühzeitige Einbindung des zuständigen Datenschutzbeauftragten. In einer ge-meinsamen Vorabkontrolle sollten mögliche Risiken identifiziert, analysiert, bewertet und mi-nimiert werden. Für den Fall von (unbeabsichtigten) Datenschutzverstößen sollte es einen geeigneten Maßnahmenkatalog geben.

Dr. Hartwig Kersken (Stadtarchiv Dortmund) Überlegungen zu Aussagewert und Auswahlarchivierung von Ausländerakten

Abstract: Spätestens seit dem Deutschen Archivtag 2007 in Mannheim ist der Themenkomplex „Migration/Integration“ auch im fachlichen Diskurs der Archive angelangt. Neben einzelnen Archiven haben sich auch eine ganze Reihe von Fachtagungen, wie z.B. der westfälische Archivtag 2010 in Kamen, mit dem Thema auseinandergesetzt. Besonderes Augenmerk wird dabei meist auf Ergänzungsüberlieferungen und archivische Sammlungen gelegt. Die Überlieferung der zuständigen Fachverwaltungen, wie etwa die in großer Zahl anfallenden Ausländerakten, wird hingegen oft nicht oder nur am Rande behandelt.Der Beitrag befasst sich mit Aufbau und Inhalt der bei der Stadt Dortmund entstandenen Ausländerakten und fragt nach deren Aussagemöglichkeiten. In einem zweiten Schritt wird die bisherige Bewertungspraxis vorgestellt und ein Ausblick auf künftige Auswahlverfahren gegeben.

14.15 Uhr Pause

15.00 – 16.15 Uhr Diskussionsforen

Stiefkind Archivbibliothek? Profil, Nutzen, Fachlichkeit, Leitung: Dr. Knut Langewand (Kreisarchiv Warendorf)

Fachgerechte Unterbringung von Archiven. Neue Normen und strategische Planung, Leitung: Dr. Gunnar Teske (LWL-Archivamt für Westfalen, Münster)

Elektronische Langzeitarchivierung in der Praxis: DiPS.kommunal als Dienstleistung für die Kommunen in Westfalen-Lippe, Leitung: Dr. Antje Diener-Staeckling (LWL-Archivamt für Westfalen, Münster)

Profilierung des Kommunalarchivs – Öffentlichkeitsarbeit in der Trägerverwaltung, Leitung: Dr. Kai Rawe (Stadtarchiv Bochum)

18. März 2021

9.45 – 11.30 Uhr Aspekte der Erschließung und Nutzung, Moderation: Dr. Claudia Becker (Stadtarchiv Lippstadt)

Dr. Andreas Neuburger (Landesarchiv Baden-Württemberg, Stuttgart) Erschließung biografischer Unterlagen: Nutzung der Gemeinsamen Normdatenbank (GND) durch Archive – Vom Desiderat zur gelebten Praxis?

Abstract: Die Fortschritte der Webtechnologie und die Bereitstellung von Erschließungsdaten in über-greifenden Portalen verändern die Möglichkeiten für die Recherche, Präsentation und Aus-wertung archivischer Daten. Damit einhergehend entwickeln sich auch die Anforderungen an die Erschließung weiter. Der Beitrag möchte neben den aktuellen Entwicklungen um die GND und das zugehörige DFG-Projekt „GND4C – GND für Kulturdaten“ darauf eingehen, weshalb (Personen-)Normdaten gerade auch für kleine Archiveinrichtungen ein wichtiges und lohnen-des Handlungsfeld sein können. Als übergreifend etablierte Referenz und maschinenlesbare Information sind GND-Identifikatoren die Grundlage der inhaltlichen Vernetzung von Daten und zugleich die Eintrittskarte ins Semantic Web. Neben Beispielen für den Nutzen von GND-Personenidentifikatoren für Kommunalarchive wird gezeigt, wie diese Daten effizient recher-chiert und mit Erschließungsinformationen verknüpft werden können.

Susanne Nicola (Verein für Computergenealogie e. V.) Möglichkeiten der Erschließung von Archivgut in Kooperation mit dem Verein für Computergenealogie e. V.

Abstract: Der Verein für Computergenealogie e. V. ist mit ca. 4.000 Mitgliedern der größte genealogi-sche Verein im deutschsprachigen Raum. Seit 2010 verfügt der Verein mit dem „Daten-Eingabe-System“ über ein Crowdsourcing-Werkzeug zur Erschließung von strukturierten Quel-len. Seitdem wurden über dieses Werkzeug ca. 20 Millionen Datensätze zusammengetragen. Susanne Nicola stellt dieses Werkzeug vor und zeigt Möglichkeiten auf, wie dieses Werkzeug in Kooperation mit Archiven genutzt werden kann. Dabei stellt sie einige bereits erfolgte Kooperationsprojekte vor und geht darauf ein, welche Arten von Quellen sich besonders für eine Erschließung eignen und welche Maßnahmen zur Qualitätskontrolle vorgesehen sind. Anschließend stellt sie die einzelnen Phasen eines Erschließungsprojektes vor und geht dabei auf die organisatorischen Voraussetzungen und auf eine mögliche Aufgabenverteilung ein. Zum Schluss des Vortrags werden rechtliche Aspekte beleuchtet und ein Beispiel eines möglichen Vertrags zwischen Verein und Archiv vorgestellt.

Dr. Volker Hirsch / Julia Kathke (Landesarchiv NRW Abteilung Ostwestfalen-Lippe, Detmold)„Ich hätt’ gern alles zu meinem Opa!“ – Die Onlinestellung von Personenstandsregistern zwischen Nutzererwartung und archivischen Möglichkeiten

Abstract: Seit 2015 werden im Landesarchiv NRW Abteilung Ostwestfalen-Lippe die Sterbenebenregister aus den Beständen des Personenstandsarchivs Westfalen-Lippe in Kooperation mit Family Search digitalisiert. Volker Hirsch und Julia Kathke stellen das Projekt vor und zeigen auf, welche Erwartungen an das Projekt von Nutzerseite gestellt und welche von archivischer Seite erfüllt werden können. Nach einer kurzen Vorstellung des Personenstandsarchivs, dessen Bestände und der einschlägigen rechtlichen Grundlagen wird der Schwerpunkt des Vortrags auf dem Digitalisierungsprojekt mit Family Search und der dabei gemachten Erfahrungen liegen. Im Anschluss sollen darauf aufbauende Projekte wie die Indexierung in Kooperation mit My Heritage sowie das Crowd Sourcing-Projekt Juwel in Kooperation mit CompGen und der Westfälischen Gesell-schaft für Genealogie und Familienforschung (WGGF) präsentiert werden. Abschließend werden mögliche Folgeprojekte angesprochen.

Talkrunde mit Impulsvortrag Roland Linde (Westfälische Gesellschaft für Genealogie und Familienforschung, Detmold) Wie gut sind biografische Quellen in Kommunalarchiven nutzbar? Welcher Service wird geboten?

Abstract: Seit der Reform des Personenstandsgesetzes 2009 sind die Kommunalarchive stärker in den Blick der Amateurgenealogen geraten. Was die Archive aber über die Personenstandsregister hinaus an biografischen Quellen, die immer auch genealogische Quellen sind, alles zu bieten haben, muss dieser Nutzergruppe auch vermittelt werden. Der Online-Auftritt und dort vor-handene Informationen spielen dabei eine wesentliche Rolle. In seinem Beitrag wird der Re-ferent, Vorstandsmitglied der Westfälischen Gesellschaft für Genealogie und Familienfor-schung, auch Ergebnisse einer Mitgliederbefragung vorstellen.

 

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