„Ich hätte mehr Schatten erwartet“

Trotz aller Intoleranzen blieb Wittgenstein vor 300 Jahren im Toleranzbereich – und damit ein Beispiel für heute

Auch nach dem Vortrag im Berleburger Christus-Haus hatten Interessierte - wie hier der Schwarzenauer Bernd Julius – noch die Möglichkeit, Dr. Johannes Burkardt (links) Nachfragen zu stellen.

„Ich bin erstaunt über das viele Licht, ich hätte mehr Schatten erwartet“ – so kommentierte jetzt der Laaspher Pfarrer Dieter Kuhli einen Vortrag von Dr. Johannes Burkardt im Berleburger Christus-Haus. Als Vorsitzender hatte Dieter Kuhli gemeinsam mit seinen Mitstreitern aus dem Theologischen Ausschuss im Evangelischen Kirchenkreis Wittgenstein den aus Wittgenstein stammenden Staatsarchivdirektor eingeladen. Im derzeit laufenden Jahr der Toleranz der Evangelischen Kirche in Deutschland sprach Johannes Burkardt über das Thema „Zwischen Utopie und Wirklichkeit: der Toleranz-Gedanke im Wittgensteiner Pietismus des 18. Jahrhunderts“. Dabei ist der Mann, der hervorragend – und ehrenamtlich – das Archiv des Wittgensteiner Kirchenkreises führt, ein absoluter Fachmann der Wittgensteiner Kirchenhistorie. Ihm sei es zu danken, so Dieter Kuhli, dass das heimische Archiv eines der besten seiner Art sei.

Rund 40 Zuhörer aus allen Teilen Wittgensteins waren ins Christus-Haus gekommen und lauschten dem Vortrag, der zunächst einmal die generelle Wittgensteiner Situation um das Jahr 1700 herum darstellte. Verbunden mit der Endzeit-Stimmung eines ausgehenden Jahrhunderts. Wieso waren die Regenten Hedwig Sophie und Casimir in der Berleburger sowie Henrich Albrecht in der Laaspher Grafschaft in religiösen Belangen so tolerant, dass viele Pietisten und Inspirierte hierher kamen? „Was trieb die Wittgensteiner Grafen dazu, ihre Grenzen zu öffnen?“, formulierte Johannes Burkardt seine Frage. Auf die er auch eine Antwort präsentieren konnte. Dreh- und Angelpunkt dabei sei die philadelphische Idee gewesen, direkt herausgelesen aus der Bibel: „In Anlehnung an Philadelphia als Ort wahrer Bruderliebe (Offenbarung 3, 7), definieren sich die philadelphischen Gemeinden als Gruppen, in denen echtes, inneres Christentum gelebt wird. Konfessionen spielen keine Rollen mehr. Am Ende aller Zeiten werden alle Seelen mit Christus versöhnt.“

Eindeutig ging der Referent auf die Toleranz als Herausforderung für die Wittgensteiner Regierenden ein: „Die Grenze zwischen Landeskirche und außerkirchlichen Christen war deutlich gezogen, konnte aber von beiden Seiten überschritten werden. Die offizielle Kirche mit dem Grafen an der Spitze sympathisierte zwar offen mit den frommen Abweichlern, tat dies aber ohne Provokation oder Zwang.“ Und trotzdem sprach Johannes Burkardt auch über die oft niedrige Toleranz-Schranke der Tolerierten: „Es gab zahlreiche Schwierigkeiten. Man ging nicht zimperlich miteinander um, wobei sich immer wieder zeigte, wie radikale, ja aggressive Meinungen sich durchsetzten und letztlich alles kaputt machten.“ Natürlich sprach Johannes Burkardt über die Berleburger Bibel und die Schwarzenauer Täufer inklusive Alexander Mack, er streifte Nikolaus Ludwig Reichsgraf von Zinzendorf und die Buttlarsche Rotte. Detaillierter ging er insbesondere auf die Pietisten Johann Christian Edelmann und Victor Christoph Tuchtfeld ein, die zeitweise im 18. Jahrhundert in Wittgenstein lebten. Letztgenannter formuliert in einem undatierten Brief an den Berleburger Grafen Casimir folgende biblisch begründete Grundsatzforderung nach religiöser Redefreiheit: „Was derohalben ein Kind Gottes, von dem Geist der Wahrheit, aus der heiligen Schrift, mit lebendiger Erfahrung gelernet hat, das kann ihm nicht verboten werden, in einer Versammlung davon zu reden.“

Für die Gegenwart leitete Johannes Burkardt mit diesen Wittgensteiner Erkenntnissen aus vergangenen Zeiten Folgendes ab: „Toleranz ist keine Utopie, sie muss nur gehegt und gepflegt und gegebenenfalls verteidigt werden, wie ein empfindliches Pflänzchen.“ Man müsse heutzutage wertschätzen, wenn uns heute der Staat Toleranz garantiere. Aber sie könne nicht verordnet werden, sie müsse jeden Tag neu gelebt und somit geschaffen werden. Interesse füreinander, Kommunikation und Konfliktfähigkeit seien Grundvoraussetzungen für Toleranz – genau wie die klare Maßgabe, dass Intoleranz nicht toleriert werden dürfe.
Quelle: Ev. Kirchenkreis Wittgenstein, Neuigkeiten v. 17.6.2013

3 Gedanken zu „„Ich hätte mehr Schatten erwartet“

  1. Ehrenamtliche Archivtätigkeit ist eine reizvolle Aufgabe, von der schon viele kleinere Archive profitiert haben, wie hier das des Kirchenkreises Wittgenstein. Da Herr Burkardt noch nicht im Ruhestand ist und seinen Dienst weit ab von Wittgenstein verrichtet, würde mich interessieren, wieviel Freizeit er investiert, um diesen Spagat zu schaffen.

  2. “Spagat” trifft den Nagel auf den Kopf. Eine Wochenstundenzahl möchte ich für die Arbeit ungern angeben, das variiert, je nach Anfragenanfall. Im Schnitt rechne ich mit einem halben Tag Arbeit im Archiv pro Wochenende für die laufenden Verzeichnungsarbeiten. Dazu kommen Recherchen nach Bedarf. Entschädigung ist die Arbeit mit reizvollem Quellenmaterial zur Lokalgeschichte …

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