Fanny Hochmann gestorben

Ein Beitrag von Klaus Dietermann

Mathilde, Jakob, Betty, Fanny und Siegmund Hochmann, 1938. Foto: Aktives Museum Südwestfalen.

Mathilde, Jakob, Betty, Fanny und Siegmund Hochmann, 1938. Foto: Aktives Museum Südwestfalen.

Am 11. September 2015 verstarb Fanny Reinhold geborene Hochmann in Kefar Avigdor in Israel. Sie war 1920 in Siegen geboren und das älteste Kind des Kaufmanns Siegmund Hochmann, der mit seiner Ehefrau Mathilde in den 1920er Jahren ein Schuhgeschäft in der Marburger Straße 35 in Siegen betrieb. Sie wohnten am Kornmarkt 8 und zuletzt in der Poststraße 16. Ihre Schwester Betty war im Juli kurz vor ihrem 93. Geburtstag in Israel gestorben. Den beiden Schwestern sowie ihrem Bruder Jakob war noch die Flucht vor den Nationalsozialisten gelungen. Ihre Eltern wurden im April 1942 mit anderen Juden aus Siegen und Umgebung in ein Vernichtungslager in Polen deportiert und dort ermordet. Die Familiengeschichte der Hochmanns war im Jahr 1998 Thema einer Dokumentation, die im Aktiven Museum Südwestfalen in Siegen am Obergraben gezeigt wurde. Seither besteht eine feste Freundschaft zwischen dem Museumsleiter Klaus Dietermann, der seinerzeit die Dokumentation erstellte, und den aus Siegen vertriebenen Familien sowie deren Nachkommen.

Fanny besuchte die Stadtschule bis 1929, danach das Lyzeum in Siegen bis 1933. Darauf begann sie eine Lehre bei den Gebrüdern Herrmann in der Marburger Straße. Bei der „Arisierung“ des Konfektionsgeschäfts Ende November 1938 war sie Buchhalterin und Kassiererin. Sie meldete sich im März 1939 zu einer landwirtschaftlichen Umschulung nach Urfeld in Hessen ab. Dort lernte sie ihren späteren Mann Manfred Reinhold kennen, der aus der Umgebung von Paderborn stammte. Beide gingen im September 1939 nach Holland, um dort bei einem Bauern in der Landwirtschaft zu arbeiten. Da die Deutschen nach der Besetzung des Nachbarlandes immer mehr Juden deportierten, wurden sie von Mitgliedern des holländischen Widerstands mit anderen deutschen Juden in einer stillgelegten Fabrik in Terwolde versteckt. Weil ihr acht Monate altes Baby eine Gefahr für die Gruppe im Versteck war, mussten Fanny und Manfred ihr Kind an eine Holländerin abgeben. Sie durften ihren Sohn Danny alle 14 Tage einmal sehen. Im Fabrikschornstein haben Fanny und Manfred Wolle gesponnen, die im Laden des Dorfbäckers verkauft wurde.

Nach der Befreiung Hollands arbeite das Ehepaar wieder offiziell in der Landwirtschaft. 1947 machten sie sich illegal ohne ihren Sohn auf nach Palästina, wo sie bei ihrer Schwester Betty anfangs auf sehr beengtem Raum unterkamen. Betty betrieb ihrem Mann Seev eine kleine Landwirtschaft. Ein Jahr später holten sie dann ihren Sohn Danny nach Israel. Dort wurden ihnen noch zwei Kinder geboren. Sohn Yoram fiel im November 1973 im Krieg. Museumsleiter Klaus Dietermann besuchte in den letzten Jahren mehrfach die beiden Schwestern und ihre Familien in Israel. In einem Schreiben vom letzten Jahr verwies Fanny darauf, dass ihr 17. Urenkel geboren worden sei. Das kleine Land am Mittelmeer war ihre Heimat geworden „In Siegen bin ich nur geboren“, sagte einmal Betty. Und ihre Schwester Fanny ergänzte: „Es gab damals zu wenig gute Menschen.“ Fanny Reinhold ging es trotz ihrer 95 Jahre gesundheitlich dem Alter entsprechend gut. Am letzten Freitag wachte sie morgens nicht mehr auf.

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