Das Kirchengebäude von St. Martinus stammt aus dem Jahr 1972 – warum vom Vorgängerbau nur der Turm erhalten blieb.

„Es ist 1973. Gerhard Giese, frischgebackener Referendar im Schuldienst, fährt durch strömenden Regen zu seiner offiziellen Bestellung nach Siegen. „Es hat geschüttet wie aus Kübeln, und trotzdem habe ich gleich ein Gefühl der Beheimatung gespürt“, erzählt der aus Neheim-Hüsten (heute Arnsberg) gebürtige Sauerländer. „Landschaftlich liegen das Siegerland und das Sauerland nicht weit auseinander. Und ich bin halt kein Großstädter.“
Ähnlich erging es ihm, als er erstmals nach Wilnsdorf kam, um sich eine Wohnung anzusehen, sein späteres Zuhause. Auch hier hatte er sofort den Eindruck, angekommen zu sein. „Mein erster Blick galt dem Kirchturm von St. Martinus, den ich von da an die nächsten Jahre und Jahrzehnte eigentlich nur eingerüstet kenne“, erinnert sich Gerhard Giese. „Kurzzeitig war das Gerüst weg und der Turm weiß getüncht, aber bald darauf stand das Baugerüst wieder da.“ Und noch eine Erinnerung hat Gerhard Giese aus dieser Zeit behalten: die dringlichen Bitten des Pfarrers an die Gemeinde, die aus der alten Kirche mitgenommenen Figuren und Buntglasfenster doch zurückzubringen.
Diese alte Kirche war ein neoromanischer Bau aus dem Jahr 1891 und damit noch gar nicht so alt. In der Zeit davor musste sich die katholische Gemeinde in der Siegerländer Diaspora mit einer Notkirche begnügen, noch weiter in der Vergangenheit wurden zwei umliegende Kirchen von der evangelischen Mehrheit und der katholischen Minderheit als Simultankirchen genutzt. St. Martinus war sicherlich der Stolz der Gemeinde. Und doch war dem Bauwerk nur eine kurze Lebensdauer beschert. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Kirche mit dem Zuzug katholischer Familien aus den deutschen Ostgebieten zu klein. Eine Erweiterung ließ sich aber wegen des maroden und durchfeuchteten Mauerwerks nicht realisieren. Das Kirchengebäude wurde abgerissen und durch einen 1972 geweihten Neubau im Stil einer Zeltkirche ersetzt. Einzig der ebenfalls durchfeuchtete 36 Meter hohe Turm des Vorläuferbaus schien erhaltenswert. „Das war ein langwieriges Unterfangen“, berichtet Gerhard Giese. „Erst 1996 war die Turmsanierung abgeschlossen.“
Sanierter Turm als neuer Glaubensort
Gerhard Giese, von 1998 bis 2017 Mitglied (und von 2011 bis zu seinem Ausscheiden geschäftsführender Vorsitzender) des Kirchenvorstands von St. Martinus, ist mit dem Ergebnis der Sanierung sehr zufrieden. Die Bauhandwerker und speziell eine Architektin gewannen im Lauf der Arbeiten umfassende Expertise in der Bekämpfung von Feuchteschäden. Als der Turm endlich trockengelegt war, ging es an die Erneuerung des Glockenstuhls. Der alte bestand aus starrem Eisen und versetzte den Turm in starke Schwingungen. Der neue hingegen wurde aus Eichenholz angefertigt.
Bei der Gelegenheit erhielt der Turm eine vierte Glocke. Das bisherige Geläut von St. Martinus war darauf angelegt, dass zusammen mit dem der evangelischen Nachbarkirche die Zeile „Christ will unser Trost sein“ aus dem Kirchenlied „Christ ist erstanden“ spielbar ist. Dennoch erschien das Geläut einem Sachverständigen unvollständig. Die neue, der seligen Pauline von Mallinckrodt gewidmete Glocke war eigentlich für den Dom in Minden bestimmt, klang aber dafür zu tief. Als Secondhandware konnte sie kostengünstig von der Gemeinde Wilnsdorf erworben werden.
All das ist für Gerhard Giese ein Grund zur Freude. Besonders glücklich ist er aber darüber, dass es gelang, den Turm in einen neuen Glaubens- und Andachtsort zu verwandeln. Im Erdgeschoss nimmt der Turm nun eine vom Abbau bedrohte Mariengrotte in sich auf, außerdem befindet sich die vorletzte Station des neu angelegten Kreuzweges am Turm und die letzte darin. Dort ist auch ein Glasfenster aus der alten Kirche zu bestaunen, das ein Gemeindemitglied mitgenommen hatte und das auf seinem Irrweg bereits in Hamburg gelandet war. Die Appelle des Pfarrers hatten gefruchtet!“
Quelle: Erzbistum Paderborn, 1.3.2026

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