Ausstellung „Otto Piene – Die Sonne kommt näher“

bis 10.5.2020, Museum Haus Konstruktiv, Zürich

Das Haus Konstruktiv widmet Otto Piene (geb. 1928 in Bad Laasphe, gest. 2014 in Berlin) als erstes Museum in der Schweiz eine umfangreiche Einzelausstellung. Präsentiert wird eine Auswahl von Werken, die zwischen 1955 und 2014 entstanden sind. Neben frühen, vom Abstrakten Expressionismus beeinflussten Gemälden werden Raster, Rauch- und Feuerbilder sowie Lichtinstallationen und Luftskulpturen gezeigt, mit denen der Künstler unter Einbezug der Elemente Licht, Feuer und Luft ein einzigartiges Œuvre schuf, das bis heute nichts an Aktualität eingebüsst hat.

Den Auftakt zur Ausstellung, die unter Einbeziehung des von Sprüth Magers verwalteten Nachlasses konzipiert wurde, bilden sieben raumfüllende Sterne in Gelb, Orange, Rot, Violett, Blau, Indigo und Grün von 2014. Mittels lautstarker Gebläse füllen sich die aus Tuch gefertigten Objekte in rhythmischer Abfolge mit Luft, um dann wieder in sich zusammenzusacken. Diese Arbeiten zählen zu den Inflatables, den Luftskulpturen, mit denen sich Piene bereits in den 1960er-Jahren als Pionier der Sky Art etablierte. Pienes Interesse, unkonventionelle Elemente wie Luft, Licht, Feuer und Rauch in sein Schaffen zu integrieren und so die Kunst zu erneuern, geht einher mit der Aufbruchstimmung der Nachkriegszeit, die Piene nachhaltig geprägt hat.

Der 1928 in Nordrhein-Westfalen geborene Piene wächst in Lübbecke auf und wird 1944 als Flakhelfer in die Wehrmacht eingezogen. Nach dem Abitur besucht er 1949 die Akademie der Bildenden Künste in München, wechselt 1950 für drei Jahre an die Staatliche Kunstakademie in Düsseldorf und schliesst 1957 ein Philosophiestudium an der Universität Köln ab. Wie viele Künstler seiner Generation, die die Verheerungen des Zweiten Weltkrieges erlebt haben, ist Piene ab Mitte der 1950er-Jahre auf der Suche nach neuen künstlerischen Ausdruckmitteln und -formen. Der schnelle Wiederaufbau nach dem Kriegund das rasante Wirtschaftswachstum lassen ihn 1965 die Frage stellen: «Gibt es ir-gendwo eine Synthese von der technischen urbanen Welt und der Welt der Naturkräfte? Müssen sie einander ausschliessen oder könnten wir darauf vertrauen, dass die Sonne Rosen wachsen lässt und ebenso Kraftwerke versorgt? Dass Feuer Steaks grillt und Raketen antreibt?
Fest entschlossen, das Kunstgeschehen aufzumischen, gründet er 1958 zusammen mit Heinz Mack die Gruppe ZERO, der sich drei Jahre später auch Günther Uecker anschliesst. Gemeinsam propagieren sie in zahlreichen Ausstellungen und Happenings den Nullpunkt und einen Neuanfang in der Kunst. Besonders fasziniert sind die ZERO-Künstler vom Medium Licht. Piene wird sich sein ganzes Leben lang damit beschäftigen. Viele Exponate im ersten Stockwerk des Museum Haus Konstruktiv zeugen davon.

Um das Licht malerisch einzufangen, experimentiert der junge Piene zunächst mitverschiedenen Rastersieben aus Karton oder Kupferblech, die er auf den bereits grundierten Malgrund legt und mit pastoser Farbe bespachtelt. Die dabei entstehen-den Rasterstrukturen aus erhöhten Farbpunkten rufen unterschiedliche Licht- und Schatteneffekte hervor, wie die Werke Zur Geschichte des Lichts (1959) oder Lichtsirene (1959/1960) anschaulich machen. Nach dem gleichen Prinzip schafft Piene in der Folge Rauchzeichnungen und -bilder, indem er den Rauch russender Kerzen undÖllampen durch ein Rastersieb auf den Bildgrund lenkt. Dieser Werkgruppe verwandt sind die Feuerbilder, deren mit Brandblasen, Krusten und Russ versehenen Oberflä-chen zu dramatischen Bildwirkungen führen, so zum Beispiel in The Battle of the Amazons (1980er) oder Bausch (1998). Sie resultieren aus mit Sprühfarbe und Fixativen behandelten Leinwänden, die Piene zunächst anzündet, hin und her schwenkt und danach wieder löscht. 1965 schreibt er dazu: «Bilder der Sonne wurden zu Nachbildern der Sonne, einem Feuertanz auf der Netzhaut und einer Choreographie von Feuer auf der Leinwand. Ich zündete Lösungsmittel an, die sonst zu einem Dasein gemütlicher Betrachtung getrocknet wären, und da entstanden innerhalb von Sekun-den Bilder auf der Grenzlinie zwischen Zerstörung und Überleben – die Feuerblumen».
Pienes Feuerbilder haben oft etwas Kosmisches an sich – das mächtigste Feuer am Himmel ist schliesslich die ebenso zerstörerische wie überlebenswichtige Sonne. Mitdem Ausstellungstitel Die Sonne kommt näher greift das Museum Haus Konstruktiv auf eine gleichnamige Arbeit von 1967 zurück. Sie besteht aus 800 mit farbigen Son-nen bemalten Dias, mit denen der Künstler den damaligen politischen Diskussionen rund um die Atomkraft eine betont poetische Bildwelt entgegensetzte. Ein halbes Jahrhundert später erscheint Die Sonne kommt näher im Kontext der heutigen Klimadebatte aktueller denn je.

Wie das Licht ist auch die Luft von zentraler Bedeutung in Pienes Werk. Die Übersiedlung 1965 nach New York eröffnet ihm neue Möglichkeiten: Auf Einladung von György Kepes wird Piene 1968 Stipendiat (sechs Jahre später Direktor) des neu ge-gründeten Center for Advanced Visual Studies (CAVS) am renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge, das noch heute für die interdiszipli-näre Zusammenarbeit zwischen Naturwissenschaftlern, Ingenieuren und Künstlern bekannt ist. Dort findet er ideale Bedingungen, um seine visionären, zunächst für den Aussenraum entwickelten Sky-Art-Projekte zu realisieren: Er lässt grossformatige, mit Luft und Helium aufgeblasene Objekte in den Himmel steigen. Skizzen und Zeich-nungen, in denen Piene die Entstehungsprozesse seiner Sky Events festhält, sind –zusammen mit den sternenförmigen Inflatables in der grossen Eingangshalle zu sehen.

Im dritten Obergeschoss haben die Besucherinnen und Besucher Gelegenheit, in die Welt eines präzise choreografierten Lichtballetts einzutauchen. So nannte Piene seine ab 1958 aus den Rasterbildern entwickelten Installationen, in denen Licht aus ro-tierenden, mit Spiegeln versehenen Objekten und durch perforierte Wände in den ab-gedunkelten Raum scheint. Zu Beginn noch mit Kerzen und Handlampen betrieben, werden die Lichtballette dank hochentwickelter mechanischer Vorrichtungen immer raffinierter.Im selben Ausstellungsraum befinden sich drei Lichtplastiken von 1966/2014 mit dem Titel Blauer Lichtgeist. Alle drei Arbeiten bestehen aus vier einzelnen, sich nach oben verjüngenden, blau eingefärbten Glaskörpern, die auf einem Sockel ruhen. Im Innern des Sockels befindet sich jeweils eine Glühbirne, die in vorprogrammierten Zeitab-ständen Lichtimpulse nach oben sendet, sodass die mundgeblasenen Glaskörper in unterschiedlichen Schattierungen und Intensitäten blaues Licht ausstrahlen.Dass es Otto Piene in seiner Kunst stets um die Übertragung von Energie ging – er selbst hat immer wieder darauf hingewiesen –, wird in den ausgestellten Lichtinstal-lationen und Luftskulpturen mehr als deutlich. Zugleich ist es ihm gelungen, einen in-novativen Beitrag zur sogenannten immateriellen Kunst zu leisten, deren Strahlkraft bis heute anhält.

Quelle: Museum Haus Konstruktiv ,Pressemitteilung

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