Rezension zu Dieter Pfaus Geschichte der Juden in Ferndorf

Geschichte der Juden“Das Kreuztaler Stadtarchiv begründet mit den „Rückblicken“ eine neue lokalgeschichtliche Publikationsreihe im Siegerland – dies allein ist schon ein Grund zur Freude. Dass man für den ersten Band den renommierten Regionalhistoriker Dieter Pfau für die Bearbeitung der Geschichte der Jüdinnen und Juden im Amt Ferndorf gewinnen konnte, zeugt von dem nur zu begrüßenden Willen nicht nur namhafte Forschende zu gewinnen, sondern auch interessante und/oder auch schwierige Themen zu bearbeiten.

Pfau schildert das Schicksal der jüdischen Bevölkerung in vier Kapiteln – von der ersten Ansiedlung im ausgehenden 18. Jahrhundert bis deren Auslöschung durch die Nationalsozialisten. In einem fünften Kapitel schildert der Autor, die Geschichte der Akteure der Judenverfolgung sowie der Wiedergutmachung in der Nachkriegszeit und zieht ein Fazit. Abschließend wendet er sich kurz der Erinnerungskultur in der Stadt Kreuztal zu.

Die Arbeit besticht einerseits durch die Auswertung vielfältiger, archivischer Quellen – so z. B. erstmals die die Region betreffenden Akten des „Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“, die mikroverfilmt in den Central Archives for the history of the Jewish People der Hebrew Uniserity of Jerusalem vorhanden sind, andererseits durch den Blick in die Nachbarregionen des Amtes Ferndorf, um mittels Analogien die bisweilen dürftig überlieferten Vorgänge in Ferndorf zu rekonstruieren. Diese Methode liefert u. a. bei der Schilderung der ersten Ansiedlung von Jüdinnen und Juden im Amt Ferndorf, die vom Olper Raum aus erfolgte, oder bei der Darstellung der Reichspogromnacht, der sog. “Novemberaktion“ 1938, überzeugende Ergebnisse.

Neben der Beschreibung der historischen Abläufe findet Dieter Pfau auch die Gelegenheit sich mit den Thesen des regionalen Zeithistoriker Ulrich F. Opfermann zum Antisemitismus im Siegerland auseinanderzusetzen: „…. Seine innovativen Arbeiten nehmen ein bewusst parteiische Perspektive ein und fordern Forschungsansätze, die an darüber hinausgehenden Fragen interessiert sind, zu Widerspruch heraus. In Bezug auf die Bemessung des Antisemitismus während des Kaisereiches beispielsweise gehen die von ihm gezogenen Schlussfolgerungen deutlich über seine empirischen Forschungsergebnisse hinaus. …..“ (S. 10-11). An der Frage, ob aus den Wahlergebnissen auf die Verbreitung antisemitischen Gedankengutes in der Bevölkerung geschlossen werden kann, entzündet sich hier eine Kontroverse in der regionalen Geschichte. Mag Pfau in der Beurteilung Opfermanns Recht haben, so geht er in seiner Auslegung der Wahlergebnisse der Weimarer Republik ähnlich weit wie Opfermann. Die unterschiedlichen Beurteilungen des Antisemitismus in der Region Siegerland fordern nach Ansicht des Rezensenten einen Vergleich mit dem ostwestfälischen Minden geradezu heraus. Dort war wie auch im Siegerland die antisemitische Partei des Berliner Hofpredigers Adolf Stoecker erfolgreich, so dass im Kaiserreich in beiden Regionen vergleichbare Voraussetzungen bestanden.

Die Wertung Pfaus, dass das Zentrum als eine die Weimarer Republik stützende Partei aus ihren Wählerinnen und Wählern potentielle Nicht-Antisemiten macht, bedarf z. B. nach Ansicht des Rezensenten zumindest eine regionale Überprüfung.

Es ist die Aufgabe des Rezensenten, Dinge zu benennen, die mit Blick auf eine rechtzeitige Fertigstellung und die vorhandenen Ressourcen keinen Eingang in die Arbeit finden konnten. Bei der gelungenen Darstellung der wirtschaftlichen Ausgrenzung und der Verwertung des jüdischen Besitzes wird die Auseinandersetzung mit der grundlegenden Literatur Frank Bajohrs („Arisierung in Hamburg“) und Wolfgang Dresens („Betrifft „Aktion 3“) ebenso vermisst, wie die Auswertung von kommunalen Gewerbesteuerakten bzw. von Akten der Wiedergutmachung, die für diese Fragestellung zu Rate gezogen werden können. Eine detaillierte Schilderung des Schicksals der rassistisch-antisemitisch verfolgten „Halbjuden“ und „Mischehen“ steht noch aus. Pfau widmet sich diesem Thema nur kurz (S. 148f).

Nichtsdestotrotz kann dieses aufwändig gestaltete und reich bebilderte Werk als beispielgebend für die Erforschung jüdischer Geschichte auf lokaler Ebene uneingeschränkt empfohlen werden”
Thomas Wolf
in: Archivpflege in Westfalen und Lippe 79 (2013), S. 64-65

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