Örtliche Denkmäler aus europäischer Perspektive betrachten

Arbeitsgespräch zum Europäischen Kulturerbejahr im 4Fachwerk-Museum Freudenberg

Dr. Oliver Karnau (2. v. links) von der LWL-Denkmalpflege, Landschafts- und Baukultur in Westfalen, kam zu einem Arbeitsgespräch zum Projekt „Europa in Westfalen“ ins 4Fachwerk-Museum Freudenberg.
(V.l.n.r.: Bernd Brandemann, Dr. Oliver Karnau, Andreas Benthien, Detlef Köppen, Christian Berner, Cindy Peplinski, Dieter Siebel, Ulrike Monreal und Britt Löwenström)

Europa liegt vor der Haustüre! Burgen, Kirchen, Baudenkmäler aller Art erzählen europäische Geschichte. Für das Europäische Kulturerbejahr 2018 rief die Denkmalpflege des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) dazu auf, Baudenkmäler, die von europäischer Geschichte erzählen, in besonderer Weise herauszustellen. Und so findet sich unter www.europa-in-westfalen.de auch der Alte Flecken in Freudenberg (https://www.europa-in-westfalen.de/de/die-denkmale/freudenberg-alter-flecken/).

Der LWL-Projekt-Koordinator Dr. Oliver Karnau aus Münster war in diesem Zusammenhang am 12. Juli zu einem Arbeitsbesuch ins 4Fachwerk-Museum gekommen. „Wir wollen das lokale Kulturerbe in europäischen Kontext sicht- und verstehbar machen“, erläuterte er. Das besondere Ziel sei, Kinder und Jugendliche anzusprechen, um das Wissen in die nächste Generation zu tragen. „Kinder sind die Erben des Erbes.“

Großes Lob fanden deshalb die Erlebnisführungen, die der Verein FRids in Freudenberg durchführt. Vorsitzende Ulrike Monreal und die Regisseurin Britt Löwenström berichteten, wie der interaktive Rundgang, bei dem immer wieder kleine Szenen gespielt werden, von den Jugendlichen selbst mit erarbeitet worden ist.
Bei dieser Zeitreise durch den Flecken wird die Geheimkonferenz vom 2. bis 4. Mai 1568 auf dem damaligen Schloss Freudenberg angesprochen. Hier trafen sich die Brüder Wilhelm von Oranien sowie Adolf und Ludwig zu Nassau mit den „Edlen von Gelderland“, um Aktionen zur Befreiung der Niederlanden im Kampf gegen Spanien zu besprechen.

Der Aufbau des Fleckens nach dem Stadtbrand von 1666 spielt ebenfalls eine Rolle, für den sich Johann-Moritz von Oranien Nassau (1604-1679) intensiv einsetzte. Johann-Moritz, in Dillenburg geboren, lebte zeitweise (ab 1620) in Leeuwarden am Hof seines Onkels, wurde 1926 Hauptmann im Niederländischen Heer, übernahm 1636 im niederländischen Auftrag das Amt des Generalgouverneurs in Brasilien. 1644 kehrte Johann-Moritz aus Brasilien zurück und übernahm den protestantischen Teil seines Stammlandes. 1651 kam es zu einem Vergleich im Erbstreit der Brüder: Johann Moritz erhielt Schloss Ginsberg, Hilchenbach und Krombach, sein Bruder Georg Friedrich den Nassauischen Hof in Siegen und das Amt Freudenberg. Doch schon zu dieser Zeit überlässt Georg Friedrich seinem Bruder Johann Moritz die Verwaltung darüber. Nach dem Tod von Georg Friedrich 1674 fällt auch dieser Teil formell an Johann Moritz. Dieser war seit 1649 Statthalter des brandenburgischen Kurfürsten in  Kleve. Am Ende seiner Karriere trug Johann Moritz die Titel „Generalfeldmarschall der Niederlanden“ (1668) und „Gouverneur der Stadt und Provinz Utrecht“ (1674) – und blieb dennoch zeit seines Lebens seinen Siegener Stammlanden verbunden. Hier fand er im Unteren Schloss zu Siegen seine letzte Ruhestätte. Auch sein Lebenslauf dokumentiert die Deutsch/Niederländischen Verbindungen auf kultureller und politischer Ebene.
Und im europäischen Kontext steht auch der Raub der Französischen Kriegskasse, deren Folgen sich im Juli 1796 in den Gassen der Freudenberger Altstadt abspielten.

Alles dies sind auch Themen, die der Arbeitskreis Stadt- und Baugeschichte des 4Fachwerk-Museums in seiner Präsentation oder in besonderen Vortragsveranstaltungen aufgegriffen hat.
Dr. Oliver Karnau verdeutlichte, dass der LWL über das Kulturerbejahr hinaus diesen Blick auf die Denkmäler aus europäischer Sicht fortsetzen wolle. „Westfalen liegt ganz zentral in Europa. Je mehr wir über die eigene Kultur und Geschichte wissen und uns ihrer sicher sind, umso mehr können wir auch andere Kulturen akzeptieren.“ Dies sei eine große gesellschaftliche Aufgabe der Gegenwart.

In dem Meinungsaustausch, an dem auch Touristik-Managerin Cindy Peplinski, Stadtarchivar Detlef Köppen und für das örtliche Denkmalamt Andreas Benthien teilnahmen, gab es erste Impulse, mit einem weiteren Veranstaltungsschwerpunkt im Herbst das Thema „Europa in Westfalen“ örtlich weiter mit Leben zu erfüllen. „Die Denkmäler wollen entdeckt werden und sie geben die Möglichkeit, die Verbindungen zwischen Gestern und Heute zu erkennen. Dazu wollen wir gerne beitragen,“ bestätigte Bernd Brandemann vom 4Fachwerk-Museumsverein. Vorsitzender Dieter Siebel ergänzte, auch dadurch das Bewusstsein für das großartige Baudenkmal Alter Flecken zu stärken, sei aller Mühe wert.
Für Freudenberg entwickelte der LWL im Übrigen eine Postkarte:

Für Freudenberg entwickelte der LWL im Übrigen eine Postkarte, die im modernen Design die Fachwerk-Silhouette des Alten Fleckens mit dem Antlitz von Wilhelm von Oranien kombiniert. Der Text auf der Rückseite:
„Freudenberg, Stadtkern „Alter Flecken“ und Turm der evangelischen Kirche
„Wilhelm von Nassau bin ich von deutschem Blut.“ So beginnt die niederländische Nationalhymne, wohl die älteste Nationalhymne der Welt. Achtzig Jahre dauerte der Unabhängigkeitskrieg der Niederländer gegen Spanien. Und die Adelsfamilie von Oranien- Nassau spielte dabei eine entscheidende Rolle, allen voran Wilhelm I., Anführer des niederländischen Heeres. Der traf sich vor genau 450 Jahren mit den „Edlen von Gelderland“ in der Heimat seiner Familie, um Pläne für den Aufstand zu schmieden. Ort der Geheimkonferenz: Das Schloss von Freudenberg. Das später abbrannte. Bis auf den Turm, der heute der Turm der evangelischen Kirche ist.

Quelle: 4FACHWERK, Pressemitteilung 12.7.2018

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