Kreisgeburtstag: Heimatvereine laden zu Zeitreise auf die Ginsburg ein

Siegen-Wittgenstein Anfang des 19. Jahrhunderts: 1816 leiden die Menschen unter einer Hungersnot. Getreide ist knapp, die Brotpreise steigen ins Unermessliche – nicht nur die Siegerländer und Wittgensteiner machen aus der Not eine Tugend: Die ungeliebte Kartoffel ersetzt Roggen und Weizen: Das Kartoffelbrot – der „Riewekooche“ – erblickt das Licht der Welt! Nur eine Geschichte, die das Leben in der Region vor 200 Jahren beschreibt.

Haben das Programm des »Historischen Marktes« vorgestellt, der am Pfingstsamstag und -sonntag um und in der Ginsburg stattfinden wird (v.l.): Theo Morgenschweis (Pomologe), Martin Beume (Schlossber-Raubritter), Paul Breuer (Vorsitzender Heimatbund), Landrat Andreas Müller und Karl-Adolf Fries (Organisationsleiter Historischer Mark).

Geschichte lebendig werden lassen

„Wir können uns heute gar nicht mehr vorstellen, wie die Menschen damals gelebt haben“, sagt Paul Breuer, der Vorsitzende des Heimatbundes Siegerland-Wittgenstein e.V. Von damals gibt es keine Fotos und keine Filmaufnahmen, höchstens ein paar Gemälde oder Strichzeichnungen. Aber selbst diese können wir heute kaum noch richtig verstehen: „Denn ein alter ausgemergelter Mann auf einem Gemälde war längst nicht so alt, wie wir vermuten – und er wurde wahrscheinlich auch gar nicht so alt, wie er uns erscheint. Die harte Arbeit in den Erzbergwerken, in der Landwirtschaft, in der Köhlerei oder auch alles zusammen hat ihn einfach gezeichnet“, erzählt Paul Breuer: „Die gute alte Zeit hat es nie gegeben!“.

Gemeinsam mit Landrat Andreas Müller hat der Vorsitzende des Heimatbundes jetzt das Programm des „Historischen Marktes“ am Pfingstsamstag und -sonntag rund um die Ginsburg vorgestellt. Die Idee des Marktes ist es, die Zeit vor rund 200 Jahren wieder lebendig werden zu lassen. Deshalb laden Heimatbund, Heimatvereine und zahlreiche weitere Mitwirkende quasi zu einer Zeitreise ein.

Heimatvereine prädestiniert, unsere Geschichte zu präsentieren

Andreas Müller dankte dem Heimatbund und allen Mitwirkenden für dieses Projekt im Rahmen des Jubiläums „200 Jahre Kreise Siegen und Wittgenstein“: „Bei solch einem Geburtstag ist die Beschäftigung mit der eigenen Geschichte natürlich ein ganz wesentlicher Eckpfeiler“, betont der Landrat: „Die Heimatvereine und der Heimatbund sind mit ihrem Erfahrungsschatz, dem Wissen um Traditionen und dem Fundus an alten Geräten einfach prädestiniert, unsere Geschichte im Rahmen des Kreisgeburtstages zu präsentieren“, unterstreicht Müller. Dass der Historische Markt zeitgleich mit KulturPur stattfindet, ist aus Sicht das Landrates ein Gewinn: Denn alle Besucher haben dann die Möglichkeit an einem Wochenende, an einem Ort, zwei verschiedene Veranstaltungen erleben zu können.

Ausstellung in der Burg und im Burggraben

Im Burggraben rund um die Ginsburg werden 18 Pagodenzelte stehen, 27 Aussteller werden sich insgesamt präsentieren. Sie zeigen das Haubergswesen, Land-, Milch- und Forstwirtschaft, Erz- und Schieferabbau, eine alte Feldschmiede und den Arfelder Hammer. Und weil auch die Textilindustrie in der Region eine Bedeutung hatte, gehören die Arbeit an Webstuhl und Spinnrad ebenfalls zum Erlebnisprogramm.

Im Turm der Ginsburg sind eine alte Schulstube, eine Amtsstube, ein Schiedsamt und die Polizei zu sehen – auf dem Außengelände zudem die historische Feuerwehr. Denn vor 200 Jahren gab es zwar viele Feuersbrünste, aber Feuerwehren, wie wir sie heute kennen, wurden erst mit der Reichsgründung ins Leben gerufen.

Auch kulinarisch können die Besucher des historischen Marktes in das 19. Jahrhundert eintauchen: Unter dem Motto „Vom Korn zum Brot“ bieten Heimatvereine Backesbrot und „Riewekooche“ an, außerdem werden ganz frische „Schmatzbäckel“ gebacken. Und zur besten heimischen Tradition gehört auch Saft aus Siegerländer und Wittgensteiner Äpfeln, der eigens zum Jubiläum abgefüllt wird. Imker runden mit Honig ihrer Bienen das kulinarische Angebot ab.

Programm Heimatbühne

Zusätzlich zur Ausstellung gibt es auch eine Heimatbühne mit 15 Programmpunkten: Ein ökumenischer Gottesdienst macht am Samstag um 14:00 Uhr den Auftakt. Die offizielle Eröffnung des Historischen Marktes durch Paul Breuer und Andreas Müller findet dann ab 14:30 Uhr statt. Das weitere Programm bietet eine große Bandbreite: von Kinderchören über Jagdhornbläser bis zur Rentnerband. Die Wittgensteiner Kultband Bogga wird am Sonntag um 14:00 Uhr den Auftakt machen – gemeinsam mit Kindern des Familienzentrums Blauland (Raumland) – in Wittgensteiner Platt. Aber auch andere Mundarttexte gibt es zu hören und historische Nachtwächter, ein Ausscheller und ein Hirte werden auf der Bühne erscheinen. Den Schlusspunkt setzt am Sonntag ab 17:20 Uhr das Stadtorchester Hilchenbach mit Unterhaltungsmusik.

Der Historische Markt ist an beiden Tagen, Pfingstsamstag und -sonntag, 3. und 4. Juni 2017, jeweils von 14:00 Uhr bis 19:00 Uhr geöffnet. Für Menschen mit Handicaps gibt es einen Fahrdienst des DRK vom Giller zur Ginsburg.

Quelle: Kreis Siegen-Wittgenstein, Pressemitteilung v. 7.5.2017

5 Gedanken zu „Kreisgeburtstag: Heimatvereine laden zu Zeitreise auf die Ginsburg ein

  1. Kann man mal die Quelle benennen, aus der hervorgeht, dass das („Siegerländer“ !) Kartoffelbrot im Jahr 1816 ‚erfunden‘ wurde.

    • Da wir uns bereits im Zusammenhang mit einen kurzfristigen Publikationsprojekt die gleiche Frage gestellt haben, habe ich die Frage an den Heimatbund als Ausrichter der angekündigten Veranstaltung gerne weitergeleitet.

    • Wenn man wüßte, worauf Herr Burwitz hinaus will …
      Ist denn das „Siegerländer [!] Kartoffelbrot“ nicht identisch mit dem gemeinen europäischen Kartoffelbrot, das lange vor 1816 „erfunden“ worden war?

  2. Top, lieber Herr Kunzmann, natürlich, das gemeine europäische Kartoffelbrot wurde schon viel früher ‚erfunden‘. Aber das Artikelchen suggeriert doch, dass das „Siegerländer“ Kartoffelbrot, das echte, vulgo „Riewekooche“ in der Hungerkrise vor 200 Jahren geboren wurde. Also, welcher Gontermann. Harr, Müncker oder Flender oder auch Frau gleichen Namens hat das Wunderwerk zuerst gebacken?
    Wenn man nur wüsste …
    „Ungeliebte Kartoffel“? Im Zeitungsbericht von Bürgermeister Trainer für November 1816 kann nachgelesen werden, „bis auf diesen Tag sind nur allein in hiesiger Stadt 2961 Karren Cartoffeln eingebracht worden“. Da müssen ziemlich viel ungeliebte Kartoffelfelder bestellt worden sein, in einem Jahr, in dem fast nichts gewachsen ist und Anfang November aufgrund der Witterung noch immer „Cartoffeln im Felde stehen“.
    Wenn man nur wüsste …
    „Wir können uns heute gar nicht mehr vorstellen, wie die Menschen damals gelebt haben“, sagt der Vorsitzende des Heimatbundes und lädt ein, die Zeit vor rund 200 Jahren wieder lebendig werden zu lassen.
    „Wenn man nur wüsste“ …
    Fragen über Fragen.

  3. … Und die Fragen nehmen kein Ende. Waren die witterungsbedingt unreif geernteten Kartoffeln denn überhaupt zum Backen geeignet oder meist nur als Viehfutter brauchbar? Zu klären wäre auch, ob in den 1816/17 im Siegerland bewährten Notrezepten für Ersatzbrote ausdrücklich von „Kartoffeln“ die Rede war oder ob Synonyme verwendet wurden, die ebenso gut oder noch wahrscheinlicher auf die Topinambur hindeuten (Erdbirne, Erdapfel u.a.). Die Terminologie der beiden Nutzpflanzen ist ja alles andere als eindeutig. Topinambur-Brot war nun allerdings auch keine Siegerländer Erfindung und ist ebenfalls schon vor 1816 belegt. Eine auf soliden Quellen basierende Kulturgeschichte des „Riewekooche“ darf mit Spannung erwartet werden.

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