Erschienen: „Vergangene Fürstenpracht – Die Geschichte des Herrengartens in Siegen“

Das Strukturförderprojekt Herrengarten mit der Umgestaltung des geschichtsträchtigen Terrains zu einer öffentlichen Grünanlage am Siegufer haben den einstigen Lustgarten des Fürsten Johann Moritz zu Nassau-Siegen (1604-1679) wieder ins öffentliche Bewusstsein gerückt. In seinem neuen Buch „Vergangene Fürstenpracht“, das gerade im Universi-Verlag der Universität Siegen erschienen ist, zeichnet Christian Brachthäuser die historischen Hintergründe des repräsentativen Schlossgartens nach. Dessen Konzeption war so etwas wie die Quintessenz des Wirkens von Johann Moritz als Global Player, ein Ausdruck seines ausgeprägten Faibles für Orangeriekultur, barockes Gartendesign und antike Gestaltungselemente. Nach seiner Rückkehr aus Brasilien griff Johann Moritz in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts in Siegen aktiv in die Landschaftsgestaltung ein und schuf eine Miniaturausgabe der sagenhaften „Gärten der Hesperiden“ mit blühenden Zitrusgewächsen und antiken Stilelementen. Dabei ließ er sich auch von gartenarchitektonischen Eindrücken aus den Niederlanden inspirieren. Hier hatte sich Johann Moritz vor seinem Aufbruch nach Südamerika am Hof des Statthalters Friedrich Heinrichs von Oranien (1584-1647) aufgehalten und dessen Palastgärten mit ihren klassizistischen Bauwerken, dekorativen Statuen und mediterranen Gewächsen kennengelernt. „Im Zeitalter des aufkommenden Absolutismus sollte der Siegener Herrengarten zum Amüsement der Hofgesellschaft, aber auch zur Präsentation fürstlicher Herrschertugenden und künstlerischer Extravaganz dienen“, wie Brachthäuser in seiner reich bebilderten Studie erläutert. Der am Flussufer der Sieg modellierte Garten war eine Symbiose von Machtdemonstration, Selbstinszenierung und landschaftsarchitektonischer Innovationskraft, der das Ansehen von Johann Moritz angesichts der Konkurrenz zur katholischen Verwandtschaft im Oberen Schloss heben und das Renommee Siegens als Residenzstadt nach den Wirren des Dreißigjährigen Kriegs aufwerten sollte.

Doch es fließen noch mehr Faktoren in die Gestaltung des Herrengartens in Siegen ein, wie der Bibliothekar der Buchautor herausfand. Beispielsweise die Gartentheorien der italienischen Spätrenaissance, die Johann Moritz als Statthalter des „Großen Kurfürsten“ Friedrich Wilhelm von Brandenburg auch in Kleve ästhetisch anspruchsvoll realisierte, oder sein Bildungsaufenthalt in Kassel von 1616 bis 1619. Hier war der junge Siegener Graf am Hof  seines Schwagers Landgraf Moritz „der Gelehrte“ bereits in frühen Jahren mit einem blühenden Schlossgarten in Berührung gekommen, der sogar ein „Pomeranzenhaus“ zur Aufzucht der kälteempfindlichen Zitruspflanzen enthielt. „Es ist daher sicher kein Zufall, dass der niederländische Architekt Maurits Post 1668 einen ersten Entwurf für den Bau einer Orangerie in Siegen schuf, als auch die Fürstengruft errichtet wurde“, so der Autor. Tatsächlich beweist ein Inventar des Siegener Herrengartens aus dem Jahr 1817, das von Brachthäuser erstmals überhaupt der Öffentlichkeit präsentiert wird, dass ein Gewächshaus zur Kultivierung botanischer Raritäten und duftender Zitruspflanzen bereits 1669 im Herrengarten existierte. Von aufgestellten vergoldeten Statuen, etwa des Weingottes Bacchus, ist in zeitgenössischen Quellen sogar die Rede. Das gartenarchitektonische Engagement Johann Moritz´ ging so weit, dass er gar als Ratgeber für Wilhelm III. von Oranien in den Niederlanden fungierte. Durchaus denkbar, dass der Architekt des Siegener Fürsten, eben der bereits erwähnte Maurits Post, auch die Pläne für die Umgestaltung des pittoresken Gartens von Landsitz Soestdijk lieferte. „Zeitgenössische Darstellungen des Palastgartens von Soestdijk vermitteln vielleicht sogar ein Bild davon, wie auch der Herrengarten in Siegen ausgesehen haben könnte“, so Brachthäuser. Unter dem „Krönchen“ wurde 1703 unter Friedrich Wilhelm Adolf Fürst zu Nassau-Siegen (1680-1722) sogar eine zweite Orangerie errichtet, wie historische Dokumente berichten. „Noch in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts muss der Herrengarten ein barockes Kleinod gewesen sein. Ein  kunstvoll gestalteter Hofgarten des Unteren Schlosses mit zwei Orangerien, symmetrisch angeordneten Pflanzbeeten, antiken Götterskulpturen und einem eleganten Teehäuschen. Durch eine Fichtenallee war der Herrengarten sogar mit dem Tiergarten am Wellersberg verbunden“, so der Autor. Doch der ehemalige Landschaftspark im Siegtal, der heute sicher zu den Sehenswürdigkeiten der Universitätsstadt Siegen zählen würde, hat die Zeit leider nicht überdauert.

Christian Brachthäuser hat sich auf eine spannende Spurensuche begeben, bislang unbekannte Details zusammengetragen und unveröffentlichte Schriftstücke ausgewertet, um auch an das traurige Schicksal des Herrengartens zu erinnern. Nach Versteigerung des Interieurs einer Orangerie im Jahr 1783 verschwand der fürstliche Garten des Unteren Schlosses im Zuge der fortschreitenden Urbanisierung Siegens aus dem Stadtbild. Die zerbrochenen antiken Figuren des Herrengartens wurden in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ebenso veräußert wie die gusseisernen Treppenstufen mit der Inschrift JOHANNES MAURITIUS NASSAVIAE PRINCEPS 1669, der historische Lanzengitterzaun und das steinerne Eingangsportal vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs entfernt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde ein Knappschaftsgebäude, schließlich ein Ehrenmal für die Marine auf dem historischen Areal errichtet, 1938 das letzte der beiden historischen Gewächshäuser abgebrochen. 1965 folgte der Abriss des ehemaligen „Teehäuschens“ – die Bausubstanz aus vergangener Fürstenzeit war der „modernen“ Stadt und dem Infrastrukturausbau im Wege. An ihrer Stelle traten unter anderem ein Parkplatz, eine Tankstelle und jenes Geschäftszentrum, das nun wieder aus der Innenstadt verschwinden wird, um Siegens Weg zu neuen Ufern gewissermaßen auf den Fundamenten eines barocken Musenorts, eines fürstlichen Gartenidylls neu zu definieren.

„Vergangene Fürstenpracht“ (ISBN 978-3-96182-106-8) ist im Universi-Verlag Siegen erschienen und zum Preis von 21,00 Euro direkt beim Verlag oder im Buchhandel erhältlich.

Quellen: Presseinfo des Autoren

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