Ernst Biberstein, geb. in Hilchenbach

oder: Erinnerungspolitik und Wikipedia

Beantwortung einer schriftlichen Anfrage von FDP-Fraktion vom 27. Mai 2014 zur Information im Rat der Stadt Hilchenbach
am25. Juni 2014

Wortlaut der Anfrage” Personeneintrag zu Hilchenbach in Wikipedia”:
“Im Nachgang zur letzten Sitzung am 21. Mai 2014, in der rechtsradikale Schmierereien beklagt wurden, möchte ich lhnen in diesem Zusammenhang mitteilen beziehungsweise die Frage stellen, ob im Hause bekannt ist, dass auf der lnternetseite Hilchenbach von Wikipedia unter der Rubrik “Söhne und Töchter der Stadt“ der Name Ernst Biberstein, geboren 1899 in Hilchenbach (unter dem Namen Ernst Szymanowski ), SS-Obersturmbandführer und Leiter eines Einsatzkommandos in Russland, geführt wird?
Über sein Leben und Wirken kann man auf diversen Seiten im Internet nachlesen, unter anderem auf der Seite “Pastoren unterm Hakenkreuz”.
lch bitte, darüber nachzudenken, ob und wie dieser, wie ich meine unangemessene, Personeneintrag von der Seite Hilchenbachs entfernt werden kann.”

Antwort der Verwaltung:

Ernst Emil Heinrich Szymanowski wurde am 15. Februar 1899 in Hilchenbach geboren und starb 1986 in Neumünster. Er lebte rund 2 Jahre, bis 30. April 1901, in Hilchenbach.
Herr Szymanowski, der seinen Nachnamen 1941 in Biberstein änderte, war Pastor und Probst, Kreisschulungsleiter der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) und Beisitzer im Kreisgericht der Deutschen Arbeitsfront. Sein Eintritt in die Partei erfolgte 1926. 1938 trat er aus der Evangelischen Kirche aus.
Meines Wissens hat die Zeitung „Die Zeit“ in ihrer Ausgabe vom 13. April 2000 erstmals ei-nen Hinweis auf den Geburtsort Hilchenbach veröffentlicht. In dem Artikel ist unter anderem ausgeführt, dass unter seinem Kommando 2000 bis 3000 Menschen erschossen wurden. Weitere Zeitungsartikel und die Veröffentlichung des Buches „Karrieren der Gewalt – Nationalsozialistische Täterbiographien“ von Klaus Michael Mallmann und Gerhard Paul folgten.
Ich teile die Meinung, dass das Aufführen von Ernst Biberstein als „Sohn“ unserer Stadt in Wikipedia unpassend ist, da meines Erachtens die Leser/innen unter der Überschrift ,,Söhne und Töchter der Stadt“ zumindest im ersten Moment eine andere Bedeutung mit einem sol-chen Eintrag verbinden.
Einen Kriegsverbrecher in einer Liste mit bedeutenden Persönlichkeiten wie Johann Heinrich Jung-Stilling, Carl Kraemer und anderen aufzuführen sowie die Tatsache, dass Ernst Biberstein
nur rund 2 Jahre als Kleinkind und unter dem Namen Ernst Emil Heinrich Szymanowski in Hilchenbach gelebt hat, verstärken den Eindruck, dass der Eintrag unpassend ist, da diese Person nichts mit Hilchenbach verbindet – außer der Geburt. Diese ist aber der entscheidende Fakt, der in Wikipedia in der Rubrik “Söhne und Töchter der Stadt“ dargestellt wird.
Wer dabei als „Persönlichkeit“ anzusehen ist, bleibt letztlich den Redakteurinnen und Redakteuren überlassen. Und als solche und solcher können in Wikipedia entsprechend dem Grundgedanken dieses freien Internet-Lexikons auch alle Privatleute aktiv werden.
Daher sind meine Versuche, den aus oben genannten Gründen meines Erachtens unpassenden Eintrag zu löschen, letztlich gescheitert. Über Wikipedia habe ich dazu den Hinweis erhalten, dass das Löschen „einem unserer wichtigsten Grundsätze, dem des neutralen Standpunkts“, widerspricht. Die Geburt in Hilchenbach rechtfertigt also den Eintrag auch von Ernst Biberstein unter “Söhne und Töchter der Stadt“. Dies habe ich leider zu akzeptieren.
Zur Richtigstellung habe ich daher lediglich im Lebenslauf von Ernst Biberstein ergänzen können, dass er nur bis 30. April 1901 mit seiner Familie in Hilchenbach gelebt hat.
Hasenstab
Bürgermeister”

Link zum Vorgang im Ratsinformationssystem der Stadt Hilchenbach

3 Gedanken zu „Ernst Biberstein, geb. in Hilchenbach

  1. In Siegen wurde 1577 ein Junge geboren, der nur sehr kurz in dieser Stadt wohnte, wahrscheinlich wusste er gar nicht, dass er dort geboren wurde.
    Heute schmückt sich die Stadt Siegen mit diesem Menschen bei jeder Möglichkeit. Eine Straße, ein Gymnasium ein Kunstpreis ist nach ihm benannt.
    Die Stadt ist stolz auf ihren “Sohn”. Eigentlich verbindet diesen Jungen nicht mehr mit Siegen als Ernst Bieberstein mit Hilchenbach.
    Der eine hat ein positives Image das der Geburtsort gerne übernommen hat, der andere ein negatives, das der Geburtsort gerne ablegen würde.
    Dennoch bleibt Hilchenbach sein Geburtsort.

    Torsten Thomas

  2. Seit einiger Zeit beschäftige ich mich mit Untersuchungen nach dem Lebenslauf von Ernst Szymanowski (später Ernst Biberstein). Diese Geschichte von einem Mann der als Pastor anfing und im Nürnberger Einsatzgruppenprozess 1947 zum Tode verurteilt wurde fasziniert mich.
    Im Buch von Gerhard Hoch ‘Ernst Szymanowski-Biberstein – Die Spuren eines Kaltenkirchener Pastors’ wird geschrieben: “Geboren wurde Ernst Szymanowski am 15. Februar 1899 in Hilchenbach, Kreis Siegen / Westfalen. In Mühlheim an der Ruhr besuchte er die Volksschule. 1906 wurde sein Vater Ernst Szymanowski als Eisenbahnbeamter nach Neumünster versetzt.” Sie schreiben, dass die Familie schon am 30. April 1901 nach Neumünster umgezogen sei. Dazu habe ich einige Fragen:
    * Weil der Name seiner Mutter mir nicht bekannt ist, möchte ich gerne eine Kopie seiner Geburtsurkunde empfangen;
    * Gibt es eine Notiz über den Umzug nach Neumünster? Ist es möglich mir davon eine Kopie zu schicken?
    * Es gab auch noch einen jüngeren Bruder; wurde er auch in Hilchenbach geboren? Gibt es davon auch eine Geburtsurkunde? Dann gerne auch eine Kopie.
    Wenn daran Kosten verbunden sind, dann höre ich das gerne.
    Mit freundlichen Grüßen,

    Gerben Dijkstra
    Anjer 51
    2678 PC De Lier
    Niederlande

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