Raimund Hellwig: Zur Diskussion um die Tafel‐Texte an der Fissmer‐Anlage

Ein Gastbeitrag.

Alfred Fissmer am 16. Oktober 1935. Standbild aus einem Film des Fotostudios H. Schmeck über den Einzug von Soldaten in die neue Garnisonsstadt Siegen (Quelle: KrA SIWI 4.1.5./104)

Die für die Tafel vorgesehene Kurzfassung des Textes enthält Thesen, die belegbedürftig sind und an einigen Stellen mündliche Überlieferungen, die ohne stützende, belastbare Quellen nicht ausreichen.
→ Auf Initiative Fissmers wurde Siegen durch die Ansiedlung mehrerer Kasernen zum Militärstandort.
Auf Siwiarchiv wurde bereits mehrfach darauf hingewiesen, dass derzeit keine Quellen vorhanden sind, durch die Fissmer als „Anstifter“ des Kasernenprogramms für Siegen erkennbar ist. Dazu müsste man die im Bundesarchiv vielleicht noch erhaltenen Akten sichten. Tatsächlich war Siegen durch die Bahnverbindungen räumlich geradezu ein Idealstandort für Kasernen, deren Personal schnell zu verlegen war und deshalb durch die solitäre Lage für die Reichswehr als Standort unabweisbar. Fissmer hat jedoch die durchaus üppigen Investitionen des Reichs in den Kasernenbau für die Stadt als Konjunkturprogramm genutzt. Durch den Kasernenbau und die dadurch notwendigen Eingemeindungen wuchs die Gesamtfläche der Stadt von 1600 auf 2100 Hektar.
Auch betrieb er ein umfangreiches Luftschutzprogramm zum Schutz der
Zivilbevölkerung.

Tatsache ist, dass das Deutsche Reich bereits vor der Machtübergabe das Thema
Luftschutz pflegte. Siegen war schon früh Luftschutzort 1. Ordnung. Ohne weiter
ins Detail zu gehen: Die Baudezernenten der 150 Luftschutzorte 1. Ordnung
wurden am 14.11.1940 in Berlin über die zu errichtenden Hochbunker instruiert
und mit klaren Anweisungen ausgestattet. Siegens Baurat Tiefenbach dürfte bei
dieser Tagung anwesend gewesen sein. Alfred Fissmer als Luftschutzleiter
Siegens und der angrenzenden Gemeinden dürfte den Vollzug des Siegener
Programms sehr kompetent und durchsetzungsstark gemanagt haben, der
Erfinder des Programms war er jedoch nicht.
Gleichwohl setzte er sich für Verfolgte des NS‐Regimes ein.
Es ist nicht ausgeschlossen, dass Fissmer das getan hat. Die mündliche
Überlieferung (so der oft zitierte Hugo Hermann) geht davon aus, dass das so war. Durch schriftliche Quellen belegt ist es nicht, was auch nachvollziehbar ist,
weil schriftliche Quellen das Potenzial hatten, im NS‐Staat gegen ihre Autoren
verwendet zu werden.
„… ohne als bekennender Nationalsozialist aufzutreten“
„Ich bin ein getreuer Soldat des Führers.“ (Fissmer bei seiner Geburtstagsfeier.)
Die Bezeichnung als führender Nationalsozialist führt nur in die Irre. Fissmer
führte die Verwaltung, er übte aber, soweit bekannt, kein Amt in der Partei aus.
Er arrangierte sich mit den Machthabern, wohl um sein Amt zu erhalten,
und war somit als Oberbürgermeister für die Vorgänge in Siegen
mitverantwortlich.
Fissmer war als Chef der Polizei für die judenfeindlichen Aktionen im Umfeld des
10.11.1938 formal verantwortlich, weil er die offenkundig unrechtmäßige
Synagogenbrandstiftung nicht verhindern ließ. Die Beweggründe liegen im
Dunkeln und damit auch möglicherweise entlastende Motive. Zugleich war er
ausführendes Organ bei der Enteignung von Juden (Arisierung) im
Zusammenspiel mit Gauwirtschaftskammer und Finanzbehörden. Die
tatsächlichen Kompetenzen Fissmers und die Restriktionen durch
Finanzbehörden und Partei gegenüber den Kommunen müssten im Einzelnen
noch überprüft werden. Hier dürfte es wissenschaftlichen Handlungsbedarf
geben.
Nach dem Zweiten Weltkrieg trat Fissmer in die neu gegründete CDU ein
und blieb im öffentlichen Leben präsent.
Wann Fissmer in die CDU eingetreten ist, ist unklar, aber mit hoher
Wahrscheinlichkeit nicht in den vierziger Jahren. Bei Fissmers Beisetzung
erwähnten CDU‐Vertreter seine zehnjährige Tätigkeit im CDU‐Ehrengericht.
Anfang der fünfziger Jahre war er jedoch als gemeinsamer Kandidat von FDP und
DP zur Oberbürgermeisterwahl im Gespräch.
1953 wurde er zum Ehrenbürger der Stadt Siegen ernannt und erhielt das
Bundesverdienstkreuz verliehen.
Die Formulierung ist schief und es war tatsächlich das Große
Bundesverdienstkreuz.

Alfred Delius gab es nicht. Tatsächlich handelt sich um Oberbürgermeister Anton
Delius.
Das erwähnte Wohnungsprogramm bezieht sich zum Teil auf die nötigen
Offiziers‐ und Unteroffizierswohnungen im Zusammenhang mit dem
Kasernenbau und ebenso ‐ auf die SA‐Siedlung in der Winchenbach.
Die Aktivitäten im Gesundheitsbereich sind mit der Modernisierung des
Stadtkrankenhauses nur unzureichend beschrieben. Das alte Jung‐Stilling‐
Krankenhaus und ein nicht verwirklichter Neubau in der Winchenbach waren
damals ebenfalls projektiert. Damit nahm Fissmer Nachkriegsentwicklungen
schon vorweg.
Fissmer lehnte die Aufforderung des Regierungspräsidenten Dr. Runte
wegen Unvereinbarkeit mit seiner Dienstauffassung ab und konnte sich
in der Folge erfolgreich gegen Drohungen seitens der NSDAP zur Wehr
setzen.
Auch diese Formulierung ist hinterfragbar. Es wäre historisch höchst spannend,
wenn man genau wüsste, wer mit wem in NS‐Siegen zusammengluckte. Aber
auch hier gibt es einen deutlichen Mangel an Quellen. Diese „Drohungen“ und
erst recht der erfolgreiche Widerstand sind nicht belegt, sie würden aber
entweder für eine Position der Schwäche der NSDAP sprechen (denn sonst
wären sie ja umgesetzt worden) oder Fissmer hatte doch noch mächtige
Fürsprecher oder Verbündete in der NSDAP. Und: Es gab nicht „die
Nationalsozialisten“. Es gehörte zum im NS‐Staat üblichen Führerprinzip, dass
sich die verschiedenen Fraktionen in der NSDAP, also z.B. die Parteiorganisation
und die SA gegenseitig bekriegten und ihre Verbündeten überall suchten, wo es
gerade passte.
Die „Kaisergartenaffäre“ war offensichtlich ein Revanchefoul von Fissmers
Gegner Paul Giesler. Fissmer war jedoch in dieser Affäre kein Hauptangeklagter,
sondern eher „Beifang“. Er soll dem Hauptangeklagten versprochen haben, die
Schwarzmarktaktivitäten zu decken. Diese Anschuldigungen waren nach Ansicht
der Bezirksregierung falsch.
Fissmers Selbstmordversuch: Der Selbstmordversuch war im Dienstzimmer des
Polizisten Neuhard, nicht im Dienstzimmer des OBs.
Zur Fissmers Unterstützung des ehemaligen SPD‐Landtagsabgeordneten
Fritz Fries: Auch hier gibt es nur die mündlichen Aussagen Fries`, die nicht immer der
Realität entsprachen, aber immer dem Interesse Fries`. Die Zusammenarbeit
zwischen Fries und Fissmer war tatsächlich immer recht eng. Nach dem Krieg
begründete Fissmer die Beauftragung Fries` damit, er führe den einzigen
Klempnerbetrieb in Siegen, der seriös arbeite.
→ Fissmer sei untätig geblieben, als Ochse 1933 wegen der Gewalttaten im
Braunen Haus im Rathaus Hilfe gesucht hatte
Auch hier geht es notgedrungen ins Detail. Ob Ochse sich wirklich direkt an
Fissmer gewandt hat, ist meiner Meinung nach offen. In den Sechs Berichten an
die Geheime Staatspolizei heißt es lediglich, im Rathaus sei für Ochse niemand
zu erreichen gewesen. Es wäre allerdings bemerkenswert, wenn Fissmer über
die Intervention Ochses nicht informiert worden wäre. Ob es dann Kontakt
zwischen beiden gab, ist nicht belegt, aber möglich. Natürlich hätte Fissmer dazu
keine Akte oder Gesprächsvermerk angelegt, wenn er Ochse in irgendeiner
Weise unterstützt hätte. Insofern muss diese Frage und damit auch die Haltung
des Oberbürgermeisters offenbleiben.
Mit dem zunehmenden Einfluss von NS‐Funktionären und ‐
Organisationen auf die Stadtverwaltung erfuhr Fissmers
Handlungsspielraum allerdings auch Einschränkungen.
Ich vermute, dass das Gegenteil der Fall war: Dr. Baar war Baubürgermeister und
ab etwa 1941 selber an der Front. Er wurde 1939 auf Betreiben Fissmers
installiert, weil die Zunahme der Anforderungen an die Verwaltung die
Verwaltungsleitung überfordere. Entscheidender zur Beurteilung ist die
Vertretungsregelung, nach der der Stadtverordnetenvorsteher Fahrenberg
(NSDAP) als stellvertretender Ansprechpartner Sprechstunden im Rathaus
abhalten konnte. Fissmer hat diese Sprechstunden zeitlich limitiert (Fissmer,
Erinnerungen, StASi)
Frühzeitig, noch vor der Wiederherstellung der Wehrhoheit und der
Wiedereinführung der Wehrpflicht im Deutschen Reich, fasste er 1933
im Geheimen den Plan zu einem Kasernenbau in Siegen.
1934/35 fand der Bau der Kasernen auf dem Wellersberg und dem Heidenberg
statt – Orte, die zum Teil durch Fissmers Eingemeindungspolitik an Siegen
gelangt waren. Die Kaserne entstand auf dem sowieso zu Siegen gehörenden Teil
des Wellersberges, weitere benötigte Flächen auf Boschgotthardshüttener
Gebiet wurden später durch die Wehrmacht als notwendig reklamiert. In einem
Vermerk des Regierungspräsidenten aus dem Jahr 1935 heißt es: Hart an der Grenze zu Buschgotthardshütten, aber noch auf Siegener Gebiet ist ebenfalls ein
neuer Kasernenbau errichtet. Die Stadt begehrt jetzt den an diesen Kasernenbau
anschließenden Teil der Gemeinde einschließlich des Charlottentals …]. Einen Teil
des Waldes beabsichtigte die Stadt zur Anlage einer Villenkolonie zu nutzen,
wenn die (Hüttental‐ d.V.)Entlastungsstraße gebaut ist.
Dass Fissmer das Reich überzeugt hätte, Kasernen in Siegen zu bauen, ist
mangels Quellen reine Spekulation. Wie oben erwähnt ist es eher die zentrale
Lage der Stadt und der Eisenbahnknotenpunkt, der für Siegen als Solitär sprach.
Fissmer musste also mutmaßlich niemanden überzeugen.
‐> Als ein besonderes Verdienst Fissmers wird der Bau umfangreicher
Luftschutzanlagen angesehen. In zwei Bauphasen (1934‐1939, 1940‐1943)
entstanden 16 Hochbunker und mehrere Luftschutzstollen, kleinere
Erdbunker, Deckungsgräben und öffentliche Luftschutzräume, die 40.000
Menschen Platz boten.
S.o. – ob Fissmer der Erfinder des Programms war oder nur ein besonders
engagierter Umsetzer – das mag man heute nicht beurteilen können.
Für die Qualifikation als „Verdienst“ ist es jedenfalls nicht ausreichend
erforscht. S. Anmerkung zum Kurztext.
Auch die Villa der jüdischen Familie Herrmann am Giersberg erwarb Fissmer
für die Stadt, die er dadurch mit jüdischem Eigentum bereicherte.
Er bot die Villa dem für die Siegener Kasernen zuständigen General, besser dem
Wehrbereichskommando als standesgemäße Wohnung zum Kauf an, als Hugo
Hermann nach Palästina emigriert war. Die Rolle Fissmers bei den anderen
Arisierungen und bei der Akquise und Verwendung von Zwangsarbeitern (etwa
beim Bunkerbau) ist dringend zu erforschen.

Zusammenfassend:
Die Tafel‐Texte spiegeln die dünne Forschungslage wider, wenn auch mit der
Kernaussage, dass der volkstümlichen Überlieferung ein zu hohes Gewicht
beigemessen wird. Tatsächlich ist die gesicherte Überlieferung ausgesprochen dünn. Das tatsächliche Verhalten Fissmers im 3. Reich in den strittigen Fragen
NS‐Mitgliedschaft, seine Rolle in der Verfolgung von Minderheiten, die
Arisierung und die moralische Bewertung seiner Amtsführung ist aufgrund
dessen nicht komplett rekonstruierbar. Seine tatsächliche Bedeutung in
Bunkerbau und Akquise der Kasernen ist ein Forschungsdesiderat und aus
jetziger Sicht nicht beurteilbar. Die Leistung als Oberbürgermeister und
Stadtgestalter ist dagegen unbestritten und auch besser dokumentiert.
Insofern sind die Tafeln in ihrem Kern irreführend und nehmen von
interessierter Seite erwünschte Forschungsergebnisse als gegeben vorweg. Ob
es diese Forschungen dann tatsächlich geben wird, ist den Interessierten
dagegen ziemlich egal. Viele kleine Unrichtigkeiten und Fehler in den Texten
tragen dazu bei, den fatalen Eindruck zu verstärken, als wenn es Verwaltung,
CDU und SPD nur darum ginge, die notwendige Diskussion abzuwürgen.

Was aber im Sinne von Erinnerungskultur schon fast dramatisch ist, ist, dass
die Tafel‐Texte so frei von inhaltlicher Diskussion verabschiedet wurden. Das
ist ein weiteres Symptom dafür, dass es der politischen Mehrheit nur darum
ging, eine unbequeme Diskussion möglichst schmerzlos zu beenden. Dafür
spricht auch die Nonchalance, mit der die Verwaltung immer wieder
behauptet, der Bürgerantrag von 2018 sei abschlägig entschieden. Das
Gegenteil ist der Fall. Es gibt keine Entscheidung des Rates, sondern nur den
Beschluss, eine Tafel aufzustellen und den AK Straßennamen
wiederzubeleben. Das Wort Bürgerantrag taucht in dieser Ratssitzung
nirgendwo auf, geschweige denn, dass er abgelehnt worden wäre.

8 Gedanken zu „Raimund Hellwig: Zur Diskussion um die Tafel‐Texte an der Fissmer‐Anlage

  1. Das Herausgreifen und Deuten einzelner Aspekte finde ich wirklich gelungen. Auch das Hervorheben fehlender Belege, die die Einordnung von Fißmer somit schwer machen.
    Herr Hellwig hat sicherlich Recht, wenn er sagt, dass zu wenig diskutiert wurde, bevor man die Tafeltexte verfasst hat. Danke für den Gastbeitrag.

  2. Geradezu typisch für den Umgang mit einem lokalen Protagonisten des NS Regimes, da fehlt eigentlich nur noch die Behauptung, Fissmer habe im März 1945 Hitlers Nero-Befehl in Siegen verhindert. Sein damaliges Amtshandeln und die an Gesetze und Verordnungen gebundene Aufgabenerfüllung wird herangezogen, um ihn als Person zu erhöhen und sein Handeln zu rechtfertigen. Eine typische Vorgehensweise in der frühen Nachkriegsgesellschaft, die in ihren Reihen immer „Helden“ suchte, um Identifikationsfiguren für die Vorstellung zu finden: es war damals doch nicht alles so schlimm. Offensichtlich ist man in Siegen auf diesem Stand stehen geblieben.

  3. Ein Dankeschön an die treffende Bewertung durch den Kenner der Materie, den seit vielen Jahren zum Thema NS forschenden und publizierenden Hagener Zeitgeschichtler Ralf Blank, Mitglied der Historischen Kommission für Westfalen.
    Es genügt nun einmal nicht, in linearer Fortführung die Mythen der 1950er Jahre immer wieder neu aufzuwärmen, um zu einem angemessenen Urteil über diesen Fissmer kommen zu können.
    Um das noch wieder am Beispiel zu erläutern:
    Raimund Hellwig bezieht sich in seinem Beitrag weiter oben auf den von CDU-SPD-AfD konsentierten Satz aus dem bekannten Fissmer-Narrativ: „Auch betrieb er [Fissmer] ein umfangreiches Luftschutzprogramm zum Schutz der Zivilbevölkerung.“
    Es ist ein Kernsatz bei der Heraushebung als große Siegener Persönlichkeit, eine wesentliche Komponente der nun inzwischen über drei Generationen anhaltenden Verehrung. Die resultiert einzig aus der Überhöhung einiger Persönlichkeitsmerkmale dieses OB und kümmert sich um sonst nichts. Sie weiß ja alles schon von den primären, sekundären und inzwischen tertiären „Zeitzeugen“.
    Nicht einmal wurde dabei auf die einzige umfangreichere Schrift verwiesen, die dazu angeführt werden könnte, die Arbeit von Joachim Stahl, Bunker und Stollen für den Luftschutz im Raum Siegen, Kreuztal 1980. Auch sie sieht den OB nicht anders, aber sie wagt schon einmal einen Blick über die Ränder des Gebirgskessels: Zwar – in der Zustimmung ganz der Sichtweise der Weimarer Rechten nach dem WK I wie auch ihrer Nachfolger nach dem WK II folgend – sieht sie den Krieg als berechtigten Revisionsversuch von Versailles, damit aber das Bunkerbauprogramm als eine Konsequenz aus der Gewissheit eines künftigen Kriegs. Das war nun keineswegs ein genialer Einfall von Fissmer, sondern eine Überzeugung überall im Reich. Die politische Linke warnte „Hitler bedeutet Krieg“, und die politische Rechte hoffte „denen zeigen wir es noch.“ Die zutreffende Schlussfolgerung von Raimund Hellwig: „Tatsache ist, dass das Deutsche Reich bereits vor der Machtübergabe das Thema Luftschutz pflegte.“
    Das heißt:
    Am 10. Oktober 1940 erging ein „Führerbefehl“ zu einem reichsweiten Bunkerbauprogramm, das örtlich von den Oberbürgermeistern umzusetzen war, was dann ab 1941 geschah. Dem waren an vielen Orten bereits lokale und wohl meist private oder kommunale kleinere Initiativen vorausgegangen, Schutzräume zu schaffen, was im Siegerland durch die allenthalben vorhandenen und inzwischen nicht mehr genutzten Stollen leicht möglich war. Dergleichen war weder dort noch in anderen Regionen ein großes Verdienst der Bürgermeister, sondern eine Reaktion auf die von oben betriebene Kriegsvorbereitung und eine Reaktion von unten auf diese Bestrebungen, während das eigentliche Programm, das Großprogramm, der Kriegsführung, der Sicherung der Ruhe an der Heimatfront und dem künftigen Durchhalten galten. Ebenfalls definitiv keine Initiative der Bürgermeister. Wären hier Bauherren zu nennen, wären es Adolf Hitler, Hermann Göring und die Kriegsführungsexperten um sie herum.
    Das Großprogramm, in das die Bürgermeister einzusteigen hatten, stand vor zwei Schwierigkeiten: Es fehlten Arbeitskräfte, und es fehlten freie Grundstücke. Im Siegerland kamen die Arbeitskräfte für 12-Stunden-Schichten wie andernorts auch in hohen Anteilen aus den lokalen Ausländerlagern, und Grundstücke wurden ab 1941 vermehrt durch die Verfolgung und Vernichtung der jüdischen Minderheit frei, so auch in Siegen, wenn man mal an das Synagogengrundstück denkt.
    Lokal wurde das Thema natürlich propagandistisch als Volksschutzprogramm dargeboten. Es ermöglichte vor Ort den NS-Bürgermeistern eine positive Selbstdarstellung: „Dem Oberbürgermeister als Sprecher der Bevölkerung“ übermittelten im November 1943 die NSDAP-Ortsgruppenleiter ihre Dankbarkeit für „seinen“ Bunkerbau. Mit der Bevölkerung, von der so nach 1945 die Rede war, war zuvor allerdings immer das „Volk“ in der völkischen Version gemeint gewesen. Anders als in anderen Staaten, in denen ebenfalls Bunker gebaut wurden, wurden im NS-Reich die Zugangsberechtigungen nach rassistischen Kriterien vergeben, also auf „Biodeutsche“ begrenzt. Sie bildeten die „Zivilbevölkerung“, die der OB erfolgreich geschützt habe, wie es über den Rassismus hinweggehend dann in späteren Jahren hieß.
    Der Ort, an dem die oben zitierten Ortsgruppenleiter dem Oberbürgermeister ihren Dank aussprachen, der im Reich nach lokaler Einschätzung in unseren Jahren eine Spitzenposition beim Bunkerbau gehabt habe, weshalb es nur vergleichsweise wenige Luftkriegsopfer aus der „Zivilbevölkerung“ gegeben habe, war Mannheim (Jörg Schadt/Michael Caroli, Mannheim im Zweiten Weltkrieg, Mannheim 1993, S. 33f.), und der OB ein Carl/Karl Renninger (Fred L. Sepaintner, Badische Biographien, Stuttgart 2011, S. 326). Siegen und Mannheim werden nicht die einzigen Orte in Westdeutschland gewesen sein, deren Oberbürgermeister in dieser Weise und überall gleich unzutreffend gerühmt wurden.
    Es liegt hier kein Anlass, Fissmer in irgendeiner Weise eine Medaille anzuheften und damit die Volksschutzpropaganda der Nazis weiter hochzuhalten.

  4. @alle: Vielen Dank für die bisherigen Diskussionsbeiträge!
    2 Anmerkungen:
    1) Ein Kardinalproblem der Tafeltexte ist das Fehlen eines Quellen- und Literaturverzeichnisses. Nur damit kann eine steitge Auseinandersetzung mit Fissmer gewährleistet werden – wenn man dies durch die Beibehaltung des Namens so will.
    2) Auch hier ein ceterum censeo: Mir wäre etwas mehr Geduld bei der Erforschung von Fissmers Biographie sehr lieb gewesen. Eine Recherche im Archivportal NRW lässt u. a. folgenden Fund zu: Im Stadtarchiv Siegen befindet sich folgender Aktenband Säuberung der Museen von „entarteter Kunst“ (Signatur Best. D / Stadtverwaltung Siegen, 1919-1945, Nr. Nr. 1253,
    Laufzeit: 1937 – 1939) er enthält u. a. ein „Schreiben von OB Fissmer an Kruse betr. „entartete Kunst“ (!)“. In Anbetracht der auch noch nicht endgültig erforschten Rolle Fissmers bei der Evakuierung rheinischer Kunstschätze in den Hainer Stollen – hierauf wurde hier an anderer Stelle bereits verwiesen – zeigt dieser Hinweis, dass es sehr lohnenswert gewesen wäre, sich intensiver mit F. auseinander zu setzen, bevor man eine Tafel „durchpeitscht“..Übrigens: ein Quellenverzeichnis hätte diesen Punkt des Kommentars eventuell überflüssig gemacht.

  5. Ein kurzer Nachtrag vielleicht noch zu den Feststellungen Raimund Hellwigs zu dem Übergang des Wohneigentums der jüdischen Familie Eduard Herrmann in „arische“ deutsche Hände nach der Vertreibung der Herrmanns:
    Die Villa ging an den Standortkommandanten, den Berufsoffizier Karl Adolf Hollidt.

    Zu Hollidt wäre zu sagen, dass er als vormaliger antidemokratischer Freikorpsoffizier, der in die Weimarer Reichswehr wechseln konnte, um anschließend in die NS-Wehrmacht einzutreten, für ein rechtes, ein völkisches Milieu steht, das im Siegerland den Ton angab und dessen Seilschaften Gesellschaft und Politik beherrschten. So nimmt es auch nicht Wunder, dass Hollidt 1948 im OKW-Prozess in Nürnberg wegen Kriegs- und Menschheitsverbrechen (konkret: wegen verbotwidriger Verwendung von Kriegsgefangenen und Verschleppung und Versklavung von Angehörigen der sowjetischen Zivilbevölkerung) verurteilt wurde.

    Im Siegerland machte das nach Hollidts baldiger Amnestierung (im Zuge der Vorbereitung der westdeutschen Remilitarisierung) nicht viel. Bald war er Vorsitzender des Verbands der Heimkehrer, ein Presbyter seiner Glaubensgemeinschaft und hochgeachteter Gesellschaftsvertreter. Wie Fissmer. Das alte Milieu hatte sich vom Schock erholt, vitalisierte und rekonstruierte sich. Wiederaufbau. In diesen Kontext ordnet sich auch die bis heute lebendig gebliebene Mythenbildung zum vormaligen OB ein.

  6. Am 9.3. gab es in der Siegener Zeitung (Print) einen Leserbrief „Respektlos und arrogant“, der einerseits die deutliche Kritik an dem Tafeltext zu Fissmer zurückwies und andererseits auf die Vorgehensweise „Aufklären statt Umbenennen“ abhob. Sowohl dieser Leserbbrief als auch der oben erwähnte „Flüchtigkeitsfehler“ mit dem falschen Bürgermeistervornamen haben mir keine Ruhe gelassen, so dass ich das Biogramm Fissmers, dass die Verwaltung zur Sitzung des Rates am 24.6.2020 und die Langfassung zum Kulturausschuss am 23.2.2021 einmal verglichen habe. War ich doch davon ausgegangen, dass diese beiden Texte identisch sind. Bei der Synopse (PDF) wurden die Textpassagen der Langfassung, denen des Biogramm zugeordnet. Beide finden sich zum Nachkontrollieren im Ratsinformationsystem der Stadt Siegen – sehen Sie also selbst: PDF: Fissmer Synopse Biogramm vom 24.6.2020 (links), Langfassung vom 17.2.2021 (rechts).
    Ob die Kritik an der Langfassung im Ausschuss nun besserwesserisch war, und, ob Sie mit dem Stadtarchivleiter den Richtigen traf, mögen Sie entscheiden. Denn interessant sind m. E. folgende Fragen:
    Warum musste das Biogramm des Stadtarchivs eigentlich umgeschrieben werden?
    Wer ist für die Redaktionierung der Langfassung verantwortlich?
    Wie wertschätzend für die Arbeits des Stadtarchivs ist es, wenn ein ausführlicheres Biogramm nicht weiter gekürzt werden muss?

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