Umbenennung der Alfred-Fißmer-Anlage in Siegen

Tagesordnungspunkt 4.3 des Haupt- und Finanzausschusses der Stadt Siegen, 30.5.2018

Die Anregung gemäß § 24 der Gemeindeordnung Nordrhein-Westfalen zur Umbenennung ist am 27. März 2018 eingegangen. Im Schreiben “beantragt der Petent, dass der Platz neben der Nikolaikirche in Zukunft nicht mehr nach dem früheren (Ober-)Bürgermeister Siegens, Alfred Fißmer, benannt werden soll. Zur Begründung führt der Petent an, dass sich die Sichtweise auf die Rolle aus dem heutigen Blickwinkel verändert habe, insbesondere vor dem Hintergrund seiner Tätigkeiten …. während des Nationalsozialismus.”
Der Verwaltung formuliert nun in ihrer Vorlage 1894/2018 folgenden Beschlussvorschlag: “Der Haupt- und Finanzausschuss des Rates der Universitätsstadt Siegen beschließt, eine endgültige Entscheidung über die Anregung, die Alfred-Fißmer-Anlage umzubenennen, soweit zurückzustellen, bis eine sach- und fachgerechte Beurteilung der Rolle des ehemaligen (Ober-)Bürgermeisters insbesondere in der Zeit von 1933 bis 1945 möglich ist.”
Dazu heißt es in der Vorlage: ” ….. Diese Gesamtbetrachtung könnte durch das Archiv der Stadt Siegen in Kooperation mit der Universität Siegen übernommen werden. Beide Partner planen zum Wintersemester 2018/2019 eine Ausstellung mit dem (Arbeits-)Titel „Die Verwaltung der Stadt Siegen in der Zeit des Nationalsozialismus“. In diesem Zusammenhang sind auch umfangreiche Recherchearbeiten zur Person Alfred Fißmer avisiert, auch anhand von neueren Akten, darunter auch seine Entnazifizierungsakte, die derzeit gesichtet und zumindest als Abschrift dem Stadtarchiv Siegen überlassen werden sollen.
Deshalb schlägt die Verwaltung vor, die Ergebnisse der Recherchearbeiten abzuwarten, um sich dann ein Gesamtbild über die Person Alfred Fißmers machen zu können. Danach ist vermutlich eine fundierte Aussage erzielbar, aus der möglicherweise weitere Schritte abgeleitet werden können. ….”

aus: Deutsche Verlustlisten Liste Pre[eußen] 662, Ausgabe 12 14 v. 18.10.1916, S. 15622 via http://wiki-de.genealogy.net/Verlustlisten_Erster_Weltkrieg/Projekt

Zur Umbenennung der Alfred-Fißmer-Str. 1947 s. Marcus Weidner, Datenbank der Strassenbenennungen in Westfalen-Lippe 1933 – 1945, Eintrag Stadt Siegen

siwiarchiv hat für eine erste Information über die Person Alfred Fissmer Links, Literatur und Zeitungsartikel zusammengestellt:

Links:
Regionales Personenlexikon des Nationalsozialismus für die Altkreise Siegen und Wittgenstein, Eintrag Alfred Fissmer, Aufruf: 24.5.2018 [Anm: Eintrag enthält weitere hier nicht mehr aufgeführte Literatur und Quellen]
Seite „Alfred Fissmer“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 14. April 2018, 20:42 UTC. URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Alfred_Fissmer&oldid=176506542 (Abgerufen: 24. Mai 2018, 05:35 UTC) [Anm: Eintrag enthält weitere hier nicht mehr aufgeführte Literatur und Quellen]
Internet-Portal “Westfälische Geschichte”, Eintrag Alfred Fißmer, Aufruf: 24.5.2018
Zeit.Raum Siegen (Wiki), Eintrag Alfred Fißmer, Aufruf: 24.5.2018
“Geehrte Täter – belastete Straßennamen im Siegerland und Wittgenstein´schen”, Eintrag Alfred Fißmer, Aufruf: 24.5.2018

Links zum Bunkerbau:
Zeit.Raum Siegen (Wiki), https://wiki.zeitraum-siegen.de/orte/hochbunker, Aufruf: 25.5.2018
Altkemper, Daniel: Die Stadt Siegen und ihre Bunker, Regioport Siegerland, Aufruf: 25.5.2018

Literatur:
Bäumer, Herbert: Von der Wehrmacht zur belgischen Garnison. Der Militärstandort Siegen in Wort und Bild. Dokumentation aus Anlass des Abrisses der Kasernengebäude, Siegen 2001, S. 13ff
Dröge, Martin (hg.): Die Tagebücher Karl Friedrich Kolbows (1899 – 1945). Nationalsozialist der ersten Stunde und Landeshauptmann der Provinz Westfalen, Paderborn 2009, S. 499, 578
Irle, Lother: Siegerländer Persönlichkeiten- und Geschlechter-Lexikon, Siegen 1974, S. 89
Mecking, Sabine: “Immer treu”. Kommunalbeamte zwischen Kaiserreich und Bundesrepublik, Essen 2003.
Opfermann, Ulrich Friedrich: Siegerland und Wittgenstein im Nationalsozialismus.Personen, Daten, Fakten. Ein Handbuch, Siegen 2001, S. 222 [Registereintrag mit den Fundstellen im Text]
Pfau, Dieter: Christenkreuz und Hakenkreuz. Siegen und das Siegerland am Vorabend des “Dritten Reiches”, Bielefeld 2000, S. 246 [Registereintrag mit den Fundstellen im Text]
Pfau, Dieter (Hg.): Oberbürgermeister Alfred Fißmer (1878-1966)in: Kriegsende 1945 in Siegen. Dokumentation der Ausstellung 2005, Bielefeld 2005, S. 138-139.
Schawacht, Jürgen H.: Sollten Flieger kommen, wir sind gewappnet!, in: Dietermann, Klaus/Schawacht, Jürgen H.: Die Zerstörung einer Stadt – Siegen 16. Dezember 2.1944, Siegen 1994, S. 15ff
“Siegens Stadtoberhäupter von 1815 bis 1945”, in Unser Heimatland 41 (1973), S. 96 – 98
Siegerländer Heimatkalender 1968, S. 152
Stahl, Joachim: Bunker und Stollen für den Luftschutz im Raum Siegen. Kreuztal 1980

Zeitungen:
Siegener Zeitung:
“Oberbürgermeister Alfred Fißmer. Zu seinem 60. Geburtstag”, Jg 116, Nr 39 v. 16.4.1938
“25 Jahre Oberbürgermeister Alfred Fißmer”, Jg 122, Nr 191 v. 16.8.1944.
“In Krieg und Frieden ein Vater der Stadt”, 16.4.1953
“Alfred Fißmer wurde Ehrenbürger”, 17.4.1953
“Stadtoberhaupt in schwerer Zeit. Zum 80. Geburtstag v. Alt-Oberbürgermeister Alfred Fißmer” Jg. 136, Nr 88 v. 16.4.1958
16.4.1963
“Oberbürgermeister i.R. Alfred Fißmer. Im alter von 88 Jahren starb Siegens “volkstümlichster Bürger”, 15.12.1966
“Siegen nahm Abschied von Alfred Fißmer”, 20.12.1966

Westfalenpost/Siegerländer Ztg.
7.2..1947, 17.4.1965
“Ein Weg vom Mäckes zum Ehrenbürger. Siegen trauert um Alfred Fißmer” Jg 21, Nr 291 v. 16.12.1966
21.12.1966

Westfälische Rundschau: 16.12.1966, 20.12.1966

Freiheit/Regionalteil: “Umbenennung der Straßen” [Siegen: Alfred-Fißmer Str. zu Walter-Krämer Str. oder zu Hubertusweg], 18.2.1947

Zur aktuellen Umbenennungsdiskussion in den Medien s.
Westfalenpost, 19.1.2018, 24.5.2018 [Hinweis: Auf der Facebook-Seite der Westfalenpost wird dieser Artikel diskutiert],
Siegener Zeitung, 24.5.2018 [Hinweis: Auf der Facebook-Seite der Siegener Zeitung wird dieser Artikel diskutiert], 25.5.2018 [nur Print: Leserbrief “Schäbiger Versuch”]

Zu Umbenennungen von Hindenburgstraßen in Siegen und Hilchenbach s. http://www.siwiarchiv.de/siegener-strasenbenennungen-in-der-ns-zeit/
Zur Benennung eines Weges nach Wilhelm Schmidt in Wilnsdorf s. http://www.siwiarchiv.de/strassenbenennung-nach-wilhelm-schmidt-in-wilnsdorf/

24 Gedanken zu „Umbenennung der Alfred-Fißmer-Anlage in Siegen

      • Das Geburtsjahr ist im o. g. Eintrag korrigiert.
        Im Zusammenhang mit dem Siegener Synagogenbrand bin ich auf ein Zitat aus dem Aufsatz Kurte Schildes „NS-Verbrechen „vor der Haustür“ – Novemberpogrome 1938 Vergleich der juristischen Aufarbeitung 1948 in Felsberg und Siegen“, in: Jahrbuch der Juristischen Zeitgeschichte (2011), Band 12, Seiten 91-116 aufmerksam geworden. Im Wikipedia-Artikel zu Fissmer – https://de.wikipedia.org/wiki/Alfred_Fissmer – heißt es: „…..Von der Siegener Staatsanwaltschaft wurde Fissmer 1948 zu dem Novemberpogrom 1938 befragt; gegen ihn selbst lagen dabei keine entsprechenden Beschuldigungen vor. Er sagte aus, dass er von der Aktion nicht in Kenntnis gesetzt worden sei und erst am Vormittag des 10. November von dem Brand der Synagoge Siegen erfahren habe. Danach habe er in seiner Funktion als „Polizeiverwalter der Stadt Siegen“ Polizei und Feuerwehr verständigt. Aus der Befragung ging nicht hervor, ob Fissmer selbst vor Ort war.“ Als Quelle wird S. 106 des Aufsatzes genannt.

        Die regionalhistorische Forschungen (Klaus Dietermann, Kurt Schilde [Siegener Beiträge 2003], Ulrich F. Opfermann) terminiert den Brand der Synagoge auf den späten Vormittag (ca. 12:00) und geht von einer Zerstörung der Synagoge bis auf die Grundmauern aus s. a. https://de.wikipedia.org/wiki/Synagoge_Siegen .

  1. Heute erschienen in der Print-Ausgabe der Siegener Zeitung zwei Leserbriefe, die sich gegen eine Umbenennung aussprechen: “Ideologisch motiviert” und “Vollkommen absurd”

    • Mit diesen Leserbriefen hat eine Diskussion begonnen, die in ihren ersten Beiträgen an lokalpatriotischer Kleinkariertheit nicht zu übertreffen ist. Hauptvorwurf gegen den offenbar in Netphen beheimateten Siegerländer Bürger, der den Wunsch nach einer Umbenennung äußert: Er komme ja doch aus Netphen. Wie könne er sich da erdreisten usw. Ein dorfgemeinschaftlicher Appell soll die ortsfremden Überlegungen fernhalten.
      Na, ohne hier groß auf Fissmer (so schrieb er selbst sich, mit doppeltem “s”. Wer die Quellen kennt, der weiß das) eingehen zu wollen. In Netphen war Andreas Vomfell ein Zeit- und Amtsgenosse von Alfred Fissmer. Vomfell war Mitglied des Zentrums und anders als Fissmer ein NS-Opponent und Verteidiger der Weimarer Verfassung. Bei ihm fanden 1933 Hausdurchsuchungen durch die SA inklusive Übergriff gegen die Tochter statt. Vomfell wurde von den Nazis aus seinem Amt vertrieben.
      Gerade von Netphen also lässt sich zur Zeitgeschichte etwas dazulernen: Es ging auch anders. Auch in den 1920er/30er Jahren musste man im Siegerland nicht zum Nazi werden.

      • Heute erschien in der Printausgabe der Siegener Zeitung ein Leserbrief – “Fass ohne Boden” – , der auf den o. g. Bezug nimmt und kritisch auf die Finanzierung des Projekt blickt, das die Namensdiskussion auslöste.

    • Liege ich sehr falsch mit der Annahme, es handele sich bei den Leserbriefen quasi um inoffizielle Stellungnahmen des Siegener Kriegervereins? (Ich weiß, der hat sich irgendwann mal umbenannt.) Dass die beiden Autoren (Ex-Pressereferent + Schützenkönig) sich fürsorglich vor ihren alten Vereinskameraden Fissmer stellen, ist menschlich nachvollziehbar und ein Ausdruck von Loyalität. Die abstrusen Inhalte zu kommentieren, wäre Energieverschwendung. Man muss Prioritäten setzen.

  2. In einem der Leserbriefe wird als postnationalsozialistischer Unterstützer und Leumundszeuge von Fissmer ein Wilhelm Langenbach genannt, der 1954 Fissmer lobte, weil dieser als Bunkerbauer „die Zeichen der Zeit rechtzeitig verstanden habe“, sprich, erkannt habe, dass Hitler Krieg bedeutete. So sagten es allerdings bereits vor 1933 die NS-Gegner. Sie warnten damit vor der völkischen Machtergreifung durch die NSDAP und Bundesgenossen. Während von Fissmer, der sich ihnen insofern hätte anschließen können, in dieser Richtung kein Wort überliefert ist, wohl aber, dass er mit der Kriegsvorbereitung nach 1933 umgehend anfing: Garnison, Kasernen, Wehrmachtsdepot, Bunker für die Volksgemeinschaft und manches mehr.
    Leumundszeuge Langenbach dürfte darin nichts Schlimmes gesehen haben. Zu den NS-Gegnern gehörte er ebenso wenig wie Fissmer. Der städtische Fürsorgesekretär war seit den 1920er Jahren Mitglied der Deutschvölkischen Freiheitspartei, einer engen Nachbarin der NSDAP, im Stahlhelm und in der Gesellschaft Deutsche Freiheit des Antisemiten Reinhold Wulle. Obwohl erst 1936 in die NSDAP aufgenommen – ein Ehrenzutritt während der allgemeinen Aufnahmesperre –, erhielt er den Titel „Alter Parteigenosse“, eine Auszeichnung.
    Fissmer als Dienstherrn störte das nun nicht. Langenbach war nicht der einzige Verfassungsfeind in städtischen Diensten. Unter Fissmers Augen recherchierte Langenbach nach „Asozialen“, das waren für ihn gern Kombinationen aus den Vorstellungswelten „Zigeuner“ und „Kommunist“. Die von Langenbach erarbeitete umfangreiche kommentierte Liste ging anschließend an die Rassenhygienische Forschungsstelle in Berlin. Die listete einschlägige rassische Risikoträger für ihre spätere Deportation auf. Die der als “Zigeuner” Verfolgten führte nach Auschwitz.
    Langenbach war ein Gegner der Beseitigung von „Asozialen“ und „Zigeunern“ auf dem Weg ihrer Sterilisierung. Er vertrat eine anderes Konzept. Er gab zu bedenken, „daß, selbst wenn die weitere Fruchtbarkeit solcher asozialer Schädlinge eingedämmt würde, sie selbst nach wie vor am Leben bleiben und noch auf Jahrzehnte hinaus der Gesamtheit zur Last fallen.“ (Volk und Rassse. Illustrierte Monatsschrift für deutsches Volkstum, H. 1, 1939)
    Spätestens 1949 leitete er übrigens das Wiedergutmachungsamt der Stadt Siegen und erhielt noch wieder später für seine Leistungen das Bundesverdienstkreuz.

  3. Leserbrief der VVN-BdA Siegerland-Wittgenstein, erschienen in der SZ und der WP am 30.5.2018

    Es ist sehr zu begrüßen, das sich der Haupt- und Finanzausschuss der Stadt Siegen mit der Namensgebung der öffentlichen Grünanlage in der Oberstadt befassen wird und sich mit der Person und der Vita von Alfred Fissmer auseinandersetzten muss. Leider geschieht dies nicht aus Eigeninitiative der gewählten Ratsmitglieder und ihrer Gremien, sondern wieder einmal bedurfte es des Anstoßes von „Außen“ um sich mit einem belasteten Namensgeber im öffentlichen Raum zu befassen.
    Es ist sinnvoll, sich vor Augen zu führen, was ein Straßenname, oder die Benennung einer öffentlichen Anlage eigentlich bedeutet. Straßennamen sind immer Teil der Erinnerungskultur einer Gesellschaft und somit identitätsstiftend, dies gilt auch für die regionale Erinnerungskultur. Straßennamen nach Personen sollten also nur in den Kanon der Erinnerung aufgenommen werden, wenn die Integrität der Person geeignet ist, als Vorbild für nachfolgende Generationen zu dienen. Die Ehrung einer Person im öffentlichen Raum, zum Beispiel durch einen Straßennamen, ist eine der höchsten, die eine Gesellschaft vergeben kann.
    Wie verhält es sich nun im Fall der Fissmer-Anlage?
    Der Namensgeber Alfred Fissmer war nach bisherigem Kenntnisstand immer deutschnational gesinnt, von dieser Gesinnung bis zur Mitgliedschaft in der NSDAP war es nicht weit, was sein Aufnahmeantrag von 1933 belegt, durch den Aufnahmestopp konnte er erst 1937 Parteimitglied werden. Er tritt aber 1933 als förderndes Mitglied der verbrecherischen SS bei.
    Es sind diese beiden Mitgliedschaften, die ihn für eine Ehrung im öffentliche Raum ausschließen, gleich aus welchem Grund sie erfolgten, gleich welche Verdienste er sich auf anderen Gebieten erworben haben mag.
    Es sollten keine Straßen oder Plätze nach Mitgliedern der NSDAP oder ihrer Untergliederungen benannt werden! Sie gehören nicht in den Kanon der
    öffentlichen Erinnerung unserer Stadt und Region.
    Keine Ehrung von Mitgliedern der NSDAP im öffentlichen Raum!
    Dieser Satz sollte eine allgemeingültige Handlungsmaxime sein.
    Der Vorschlag, eine umfassende Biographie Fissmers durch MitarbeiterInnen des Stadtarchivs und der Universität Siegen erarbeiten zu lassen, um so eine Entscheidungsgrundlage zu erhalten ist ebenfalls zu begrüßen und diese Verfahrensweise sollte in Zukunft zum Standard der Universitätsstadt Siegen gehören und bestehende, nach Personen benannte Straßennamen, sollten entsprechend überprüft und gegebenenfalls umgewidmet werden. Ebenso sollte eine öffentliche Diskussion mit BürgerInnen und Organisationen angeregt werden.

    VVN-BdA Siegerland-Wittgenstein

  4. Ton und Inhalt des Gesprächs scheinen sich zu versachlichen, daher an diesem Ort aus der historiografischen Perspektive einige Anmerkungen zum Fall Fissmer und zu den Jahren vor 1933.
    Der damalige OB hat in einem postnationalsozialistischen Narrativ, das seit den ausgehenden 1940er Jahren in der Erlebnisgeneration aufkam, eine Rolle als exemplarischer Vertreter einer lokalen „deutschnational” oder auch “national-konservativ eingestellten Elite“. Mit diesen Zuschreibungen veredelt kann er dann im Grunde seines Herzens nur ein Gegner der Nazis gewesen sein. Und seine Anhänger und Unterstützer mit ihm.
    Es ist gut zu verstehen, dass ein Bedürfnis nach einer solchen Ausdeutung auch dieses Akteurs der regionalen NS-Geschichte nach den Massenverbrechen und nach dem Weltkrieg aufkam, nur passt sie nicht auf das, was die Quellen und die Literatur mitteilen.

    Einen Beleg dafür, dass Fissmer je Mitglied der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) war, gibt es nicht. Die einzigen Parteien, für die eine Mitgliedschaft belegbar ist, sind NSDAP und CDU.
    „Deutschnational“ oder “national-konservativ” ließe sich auch ohne Mitgliedschaft im Sinne starker Affinitäten zu dieser Partei und ihrem Umfeld verstehen. Was hieße das dann?
    Es würde auf die Nähe zu einer politischen Formation hinauslaufen, die im heutigen Kreis Siegen-Wittgenstein in der Kaiserzeit aus der antisemitischen „christlich-sozialen Bewegung” des aufgrund seines radikalen Antisemitismus und seiner oft tumultuarischen Auftritte weithin berüchtigten protestantischen Predigers Adolf Stoecker (daher auch: „Stoecker-Bewegung) hervorging. 1918 schloss sie sich dem explizit antisemitischen Teil der neu gegründeten völkischen DNVP an.
    Das besondere Merkmal des christlich-sozialen Antisemitismus war seine antikapitalistische Tönung („Enteignung jüdischer Warenhäuser“, ehrbarer kerndeutscher Kaufmann vs. jüdischen Wucherer usw.), deren Demagogie der Sozialdemokratie die Wähler abspenstig machen sollte. Die christlich-soziale Mischung ethnisierte die soziale Frage und führte fort von ihr. So machte es später auch die NSDAP. Es ist also nachzuvollziehen, wenn der Siegener Chefredakteur des christlich-sozialen Parteiblatts, das keinen Tag ohne Beiträge gegen die jüdische Minderheit erschien, 1934 darauf bestand, dass die “Stoecker-Bewegung” ein „Vorläufer des Nationalsozialismus“ gewesen sei.
    Im Siegerland fanden sich die völkischen Vertreter rassistischer Ideologie, einer Revision der Kriegsergebnisse, der Verherrlichung des Militärs, einer Abkehr von der verhassten Weimarer Verfassung usw. im “vaterländischen Lager” zusammen. Dort waren dann DNVP, NSDAP, Kriegervereine, Antisemitischer Schutz- und Trutzbund (Selbstbezeichnung: „Siegerländer Hakenkreuzer“), SA, Stahlhelm, Kriegervereine, Bismarckjugend etc. pp. vereint am Werk, der demokratischen Republik den Garaus zu machen.
    Das führte naturgemäß zu Konflikten mit deren Verteidigern. Das waren im großen und ganzen die damaligen Vorläufer der heutigen Mitteparteien und, ja, die KPD.
    Drei Beispiele aus den Jahren vor der Machtübergabe:
    • 1924 lud Fissmer einige Monate nach dem Hitler-Ludendorff-Putsch am 9. November 1923 zu einem städtischen „Deutschen Tag“ des völkischen Lagers mit Ludendorff als führender Figur nach Siegen, die der preußische Innenminister als verfassungsfeindlich verbot. Bereits verboten war die NSDAP, die den völkischen Festtag wesentlich organisierte (und deren Siegener Abgeordneten die Ratsfraktion der DNVP als Hospitant aufgenommen hatte).
    • 1927 waren einerseits Fissmers Aktivitäten zum Reichstreffen der völkischen „Bismarckjugend“ und andererseits dessen Passivität im Vorfeld der jährlichen Verfassungsfeier ein öffentliches Thema. Die Stadträte von Zentrum, SPD, KPD und DDP werteten in einem gemeinsamen Antrag sein Verhalten als verfassungsfeindlich. Ohne große Auswirkungen, die Republikaner waren im Siegerland eine Minderheit.
    • Seit den 1920er Jahren waren unter Fissmer ausgemachte Verfassungsfeinde im öffentlichen Dienst der Stadt anzutreffen, Mitglieder von NS-Organisationen oder ihrer allernächsten Nachbarn. Als im November 1932 der Gewerkschafter und Stadtverordnete Willi Kollmann von der SPD zur KPD wechselte, musste der den städtischen Dienst verlassen. Das war der Fissmersche deutschnationale Toleranzbogen.

    Um an dieser Stelle zu schließen, Zuschreibungen wie “deutschnational”, “national-konservativ” oder auch die Verschönerung “Elite” sind nicht geeignet, aus dem Antidemokraten einen Demokraten zu machen. Der war Fissmer bei aller Leutseligkeit im Gespräch mit dem “Mann von der Straße”, die ihm ebenfalls nachgesagt wird, weder vor noch nach 1933.

  5. Über die Ausschusssitzung berichten die Medien:
    1) Siegener Zeitung, 1.6.2018 (Print): “Einstiger OB polarisiert. Wegen Bürgerantrag: Zu Alfred Fissmer bahnt sich Grandsatzdebatte an”. Zwei Zitate seien erlaubt:
    – ” …. Alle HFA-Mitglieder waren sich einig, erst einmal Leben und Werken des einstigen Oberbürgermeisters ….von den Profis vom Stadtarchiv und Universität Siegen wissenschaftlich aufarbeiten zu lassen. ….”
    -” ……Zu Alfred Fissmer bahnt sich eine Grundsatzdebatte an, die auch andere belastete” Namen von Straßen und Plätzen ausstrahlen könnte (Hindenburg, Bonatz, Stoecker usw.)”
    2) Westfalenpost Siegen, 1.6.2018, Hendrik Schulz “Siegener Politik diskutiert über die Person Alfred Fißmers”: Link: https://www.wp.de/staedte/siegerland/siegener-politik-diskutiert-ueber-die-person-alfred-fissmers-id214454337.html

  6. In der heutigen Siegener Zeitung (Print) findet sich ein weiterer Leserbrief einer ehemaligen Sekretärin der Siegener Stadtverwaltung, die den OB persönlich erlebt hat, zum Thema: “Integrer Mann”.

    • Heute erschien in der Siegener Zeitung (Print) der unmittlebar auf den Bericht der Zeitzeugin bezugnehmender Leserbrief “Beeindruckend”

  7. In der heutigen Siegener Zeitung (Print) erschien der Leserbrief “An Albert Speer gedacht”, der sich u. a. auch mit der Namensgebung der Fißmer-Anlage auseinanadersetzt.

  8. Zur Rolle des OB zwischen 1933 und 1945

    1.
    Mit Antritt der Regierung Hitler aus NSDAP, DNVP und Stahlhelm begannen 1933 in Siegen im “Braunen Haus”, der früheren Alten Försterei, die systematischen Folterungen von politischen Gegnern durch SA und SS. Die Opfer wurden im Anschluss vor die Türe gesetzt und schleppten sich durch die Stadt nach Hause. Es handelte sich um öffentlich wahrnehmbare und wahrgenommene Vorgänge. “Es reden”, wie der katholische Pfarrer Wilhelm Ochse von der Mariengemeinde in einer schriftlichen Stellungnahme an Alfred Fissmer feststellte, “schon die Kinder über diese Dinge.“
    Was waren „diese Dinge“? Dazu nur ein kurzer Auszug aus einer längeren Schilderung eines Zeitzeugen:
    Der Siegener Elektriker Erich Schutz wurde von einem SA-Kommando ins Braune Haus verschleppt und dort mit Gummiknüppeln und Gewehrkolben schwer misshandelt. Die Gallenblase riss, sie musste später entfernt werden. Es wurden ihm schwere Darmverletzungen zugefügt. Der Siegener Arzt Dr. Walter Nöll verweigerte ebenso die Behandlung von Erich Schutz wie der Siegener SS-Arzt Dr. Ferdinand Pahl, der ihm statt Behandlung etwas Morphium gegen die Schmerzen gab. Pfarrer Ochse sorgte dann dafür, dass Schutz im katholischen Marienhospital aufgenommen wurde. Von dort konnte er erst mehr als ein halbes Jahr später entlassen werden. Bis 1938 blieb er arbeitsunfähig.
    Die Polizei war zum Zeitpunkt der Ereignisse noch nicht zentralstaatlich, sondern kommunal, und in Siegen war Alfred Fissmer nicht nur Chef der Verwaltung, sondern auch der Polizei. In die Polizei eingegliedert waren seit Februar 1933 auch die SA und die SS als Teil der SA. Fissmer wusste von den Vorgängen im Braunen Haus. Er wusste, wen er förderte, als er 1933 Förderndes Mitglied der SS wurde.
    Das oben zitierte Schreiben von Ochse an Fissmer war an den Polizeichef gerichtet. Ochse forderte Fissmer dazu auf, die Folterungen abzustellen. Fissmer schwieg. Später warf er Ochse vor, die NS-Bewegung verächtlich zu machen. Das war ein Straftatbestand des “Heimtückegesetzes”. Weil er es wiederholt verletzt habe, wurde Ochse 1935 festgenommen und von einem Sondergericht zu acht Monaten Gefängnis verurteilt.

    2.
    1933 wurde der bei der städtischen Sparkasse tätige Stadtinspektor Friedrich Vetter auf Fissmers Initiative nach dem NS-Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums zwangspensioniert. Vetter hatte nachdrücklich finanzielle Unregelmäßigkeiten gegenüber höheren Instanzen beklagt. Davon ließ er auch nach seiner Entlassung nicht ab und verbreitete seine Angaben in der städtischen Bevölkerung. Es folgten Hausdurchsuchungen, eine Verurteilung zu neun Monaten Gefängnis und eine weitere zu fünf Monaten und anschließender Internierung als „geisteskrank“ in der Heilanstalt Eickelborn, wo er ein Jahr und vier Monate verbrachte. Als die beiden entscheidenden Triebkräfte seiner Verfolgung betrachtete er den OB und den Gauinspektor Walter Heringlake, dessen umfangreicher Arisierungserfolg viele Städter nicht überraschte und später ein Überprüfungsverfahren durch die Partei auslöste.

    3.
    Nach Aussage des jüdischen Siegeners Hugo Herrmann wurden bereits am Vormittag des 9. November 1938 zahlreiche begüterte Männer aus der jüdischen Gemeinde, so auch er, festgenommen. Sie wurden in Siegen im Polizeigefängnis festgehalten, bevor sie nach dem Pogrom – in Siegen am Mittag des 10. November – in das KZ Sachsenhausen deportiert wurden, um ihren Familien ihre Immobilien und Geschäfte abzupressen. Die reichszentralen Pogrom-Aufforderungen zu diesem Zweck gegen die jüdische Minderheit ergingen in der Nacht des 9. November, und der Befehl des Gestapochefs Heinrich Müller “etwa 20-30.000” jüdische Männer festzunehmen, folgte ihnen erst in dieser Nacht um 23.55 h.
    Mit anderen Worten, wenn die Angaben des Zeitzeugen stimmen, dann kann es sich bei der Siegener Aktion nur um einen vorzeitigen und für die Region untypischen lokalen Festnahmealleingang gehandelt haben. Das wäre insofern nichts grundsätzlich Ungewöhnliches, als untere NS-Behörden sich oft proaktiv und nach oben impulssetzend verhielten, so bei anderen Themen auch im heutigen Kreisgebiet. Auszugehen ist bei den Siegener Festnahmen, dass sie auf Fissmers persönliche Initiative oder doch jedenfalls nicht ohne Absprache der Siegener Polizei mit ihrem höchsten Vorgesetzten, auf keinen Fall aber an ihm vorbei erfolgten.
    Was Hugo Herrmann angeht, so konnte er sich nach der KZ-Entlassung und dem Verlust des größten Teils seines Vermögens 1939 durch Flucht nach Palästina retten. Dass Fissmer als Fluchthelfer aufgetreten wäre, ist nicht bekannt und würde wenig zu ihm gepasst haben. Den billigen Erwerb des Grundstücks der ausgebrannten Synagoge von der jüdischen Gemeinde bewertete er “als eine wertvolle Ergänzung unseres Besitzes”.
    Für die in der aktuellen Diskussion vorgetragene Aussage, Fissmer habe gelegentlich Menschen aus der jüdischen Minderheit unterstützt und sie geschützt, würde der Verifizierung, sprich konkreter Belege – Namen, Zeitpunkte, Anlässe –, bedürfen, um sie ernst nehmen zu können. Die gibt es bislang nicht. Fissmer selbst hat sich dazu nie geäußert, auch nicht in seinem Entnazifizierungsverfahren, als das “Untragbar” des ersten Durchgangs (Stadtausschuss) angesichts drohenden Pensionsverlusts solche Verweise dringlich gemacht hatte.

    4.
    Aussagen zu Hilfe für Verfolgte durch Nichtverfolgte finden sich immer wieder vor allem in den regionalen Entnazifizierungs- und Entschädigungsakten. Beide Quellenkategorien sind inzwischen in einem hohen Maß recherchiert und ausgewertet worden. Aussagen über angebliche oder nachgewiesene Unterstützungsleistungen durch Fissmer für aus politischen, rassischen, sozialen oder religiösen Motiven Verfolgte liegen dort bislang nicht vor, wohl aber Aussagen gegen ihn. Pauschale Behauptungen, wie sie in der politischen Diskussion seit dem Regimeende dennoch auftreten, führen nicht weiter.

    Verifizierende Belege und die Einordnung von Vorgängen in die jeweiligen zeitlichen Kontexte:
    Das sollte in allen Fragen gelten. Dass Fissmer ein “NS-Gegner” gewesen sei, der „die Nazis wie die Pest gehasst“ habe, wie man aus „vertraulichem“ Umgang mit ihm wisse, kann man behaupten, wie man alles behaupten kann. Allerdings ist es eine Behauptung ohne Basis, ohne Beweiskraft. Die würde sich an Handlungen festmachen lassen müssen und dazu wiederum genügen ein paar Sätze gegen einen obsolet gewordenen Nero-Befehl in der allerletzten Stunde vor dem großen Kollaps nicht, wie sie in einem Beitrag behauptet wurden.
    Was reale NS-Gegner (und NS-Verfolgte) als solche ausweist, lässt sich an den Fällen Hugo Herrmann, Wilhelm Ochse, Erich Schutz, Friedrich Vetter oder Andreas Vomfell erkennen. Es ist schon erforderlich, in einem Spektrum der Verhaltensweisen und Entscheidungsoptionen klärende Unterscheidungen zu treffen und Abgrenzungen vorzunehmen, wenn das Wort vom “NS-Gegner” nicht eine Hülse diffusen Inhalts und ohne eine nachvollziehbare Aussage sein soll.
    Ebenfalls nicht weiter, vielmehr zurück in die entlastenden Narrative der fünfziger Jahre führen völkisch inspirierte Vergemeinschaftungsversuche, die “den” Siegenern, Netphenern oder Siegerländern in pauschaler Vereinheitlichung kollektiv diese oder jene Sichtweise auf die regionalen NS-Akteure unterstellen und ihre Adressaten auf diesem Weg zu vereinnahmen suchen. Offenkundig gingen und gehen durch die Zeiten die Meinungen in der Siegener und Siegerländer Bevölkerung zur NS-Bewegung, zu deren Wegbereitern und zum etablierten NS-Regime sach-, interessen- und persönlichkeitsbezogen weit auseinander.
    (Quellenangaben auf kurzem Weg: siehe die Verweise in den entsprechenden Artikeln der Personenverzeichnisse der VVN-BdA)

  9. Pingback: Linktipp: ANNO – AustriaN Newspapers Online – | siwiarchiv.de

  10. Pingback: Andreas Vomfell, Amtmann und Bürgermeister in Netphen von 1921 bis 1933 | siwiarchiv.de

  11. Pingback: „Germania“-Denkmal soll an das Obere Schloss in Siegen versetzt werden | siwiarchiv.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.