Personenstandsarchiv Westfalen-Lippe übernimmt große Datenbank zur Wittgensteiner Familiengeschichte von Jochen Karl Mehldau

von Volker Hirsch und Johannes Burkardt

Jochen Karl Mehldau Quelle: Ralf Kötter

In Familienforscherkreisen nicht nur Südwestfalens ist der Name Jochen Karl Mehldau bestens bekannt. Mit ihm fest verbunden ist eine familiengeschichtliche Datenbank, die ihresgleichen sucht. Die Datenbank umfasst räumlich den kompletten Altkreis Wittgenstein und zeitlich den Zeitraum von Beginn der schriftlichen Aufzeichnungen bis zum Jahr 1875. In einer Zahl ausgedrückt sind das die Datensätze von rund 150.000 Personen. Damit ist für das Wittgensteiner Land eine Quelle von besonderem Wert entstanden.
Nachdem Herr Mehldau seine Arbeiten altersbedingt einstellen musste, hat das Landesarchiv NRW nun diese Datenbank übernommen und möchte sie über das Internet zur Verfügung stellen. In welcher Form dies geschehen kann, wird in der IT-Abteilung derzeit geprüft. Bis es soweit ist, kann die Datenbank im Lesesaal des Landesarchivs kostenfrei benutzt werden. Gerne bearbeitet die Abteilung Ostwestfalen-Lippe auch Anfragen. Damit ist nicht nur die langfristige Erhaltung des Mehldau‘schen Lebenswerkes sichergestellt, sondern auch die Bereitstellung für die Familienforschung. Die Nutzbarmachung der vielen Abfragemöglichkeiten der Datenbank stellt die IT des Landesarchivs noch vor Herausforderungen. Das Ziel ist aber, sämtliche Funktionalitäten zu erhalten und, soweit möglich, jedermann via Internet zugänglich zu machen.

Mehldau, geboren 1934 in Kassel-Wilhelmshöhe und nach zahlreichen kriegsbedingten Umzügen 1944 bis 1951 in Erndtebrück aufgewachsen, wurde von seinem Vater an die Familienforschung herangeführt. Das war Anfang der 1950er-Jahre. Im Zuge seiner Forschungsarbeit, die mehrere Jahrzehnte in Anspruch nahm, durchforstete Mehldau zunächst sämtliche Kirchenbücher der 15 Kirchengemeinden des Altkreises Wittgenstein. Später kamen nach und nach weitere Quellen, aus staatlichen, kommunalen und kirchlichen Archiven hinzu, sodass die Mehldau’sche Erfassung weitgehende Vollständigkeit beanspruchen kann. Die Ergebnisse notierte er anfangs auf Karteikarten – unter Anwendung einer ausgeklügelten Systematik, die auch anderen Forschenden das Finden ihrer Vorfahren ermöglicht. Von Beruf Vermessungsingenieur, war Mehldau über viele Jahre bei der Stadt Karlsruhe tätig, wo er in den 1970er-Jahren die Umstellung des Vermessungswesens auf Computer maßgeblich vorantrieb. Dabei entstand die Idee, auch das Ergebnis seiner Ahnenforschung, das aus mittlerweile Tausenden von Karteikarten bestand, zu digitalisieren, um den Datenbestand besser handhabbar zu machen. Weitgehend autodidaktisch arbeitete er sich in die Materie ein und entwickelte im Laufe mehrerer Jahre eine Datenbank auf der Basis von Microsoft Access.
Wie immens das Arbeitspensum Mehldaus gewesen ist, mag der Fall des Kirchspiels Feudingen illustrieren. Feudingens Kirchenbücher setzen im Jahr 1525 ein, sie sind somit die ältesten Kirchenbücher Westfalens. Für den Zeitraum 1525 bis 1875 galt es nun, 38.000 Eintragungen zu erfassen: 19.214 Geburten, 4.197 Hochzeiten und 13.543 Beerdigungen. Im September 2006 konnte Jochen Karl Mehldau die Ergebnisse seiner ehrenamtlichen Arbeit der Öffentlichkeit präsentieren. Dabei offenbarte er auch, was ihn an dieser Arbeit so faszinierte: „Das Interessante daran ist der Weg zum Ziel. Das Suchen verläuft oft ähnlich wie ein Krimi.“ Und tatsächlich fesselten ihn nicht nur die nackten Daten, sondern auch Schicksale und Phänomene hinter den Zahlenkolonnen in den Registern: zum Beispiel die zahlreichen Varianten von Namen, welche für die Identifikation einer Person nicht selten eine kriminalistische Kombinationsgabe erfordern. Oder – auch das gab es in alter Zeit schon – die Hypothek schlampiger Buchführung. Beispielsweise tat sich der Feudinger Pfarrer Konrad Reichard dadurch hervor, dass er Taufen nicht ins Register eintrug. Sage und schreibe 120 nicht eingetragene Kindstaufen konnte Mehldau für dessen Amtszeit nachweisen! Die Aufwände, die zahlreichen Urlaube, die er in seine Erfassungen investierte, dürften nicht wirklich nachvollziehbar sein. Allein für Feudingen schätzte er sie auf ca. 3800 Stunden.
Bei all dem bemühte sich Jochen Karl Mehldau immer darum, andere von seinen Arbeiten profitieren zu lassen. Alle Kirchengemeinden erhielten die Ergebnisse seiner Recherchen in Karteiform – im Falle Feudingen waren es sieben Kästen! Und auch direkten Suchanfragen verschloss er sich nicht und gab immer bereitwillig und kompetent Auskunft und Hilfestellung. So verwundert es nicht, dass der Name „Mehldau“ zum Inbegriff der Wittgensteiner Familienforschung schlechthin wurde. Die Gemeinden wussten und wissen sein Engagement zu schätzen. Als 2001 die Erfassung der Elsoffer Kirchenbücher abgeschlossen war, hielt Mehldau einen beeindruckenden Vortrag vor der Kirchengemeinde, die sich mit einem Festgottesdienst revanchierte, in dem Pfarrer Kötter anhand von Markus 2,27 den Wert historischer Forschung und der Wiederentdeckung vergessener Einsichten und Tatsachen aus theologischer Perspektive reflektierte.
Auch in mehreren Publikationen ließ Mehldau das Publikum an seiner Arbeit teilhaben. Zahlreiche Aufsätze erschienen in der Zeitschrift „Wittgenstein. Blätter des Wittgensteiner Heimatvereins“. Bereits 1962 erschien ein Aufsatz über „Fehler im Kirchenbuch“, es folgten Beiträge über einzelne Familien, über „Verwandtenehen“, Auswanderer, Falschmünzer und die Dichterin Elise Sommer aus Laasphe. Mehrere Orte, z.B. Aue, Alertshausen, Erndtebrück, Girkhausen und die Dörfer des Banfetals versah er mit Hauschroniken. Das sind nur willkürlich herausgegriffene Beispiele. Besonders beeindruckend ist sein 2013 erschienenes 404 Seiten starkes Buch über „Alte Laaspher Familien und ihre Häuser. Haus-Chroniken ~1600-1875“. Eine vollständige Übersicht der Schriften Jochen Karl Mehldaus findet sich online in der tagesaktuellen „Bibliografie Wittgenstein“.
Das Landesarchiv NRW wird sich bemühen, das eindrucksvolle Œuvre des verdienten Forschers Jochen Karl Mehldau nicht nur zu bewahren, sondern es als wertvolle Material- und Quellensammlung für alle am Leben zu erhalten!

Anfragen nimmt das Landesarchiv gerne schriftlich oder per Mail entgegen. Kontakt:

Landesarchiv NRW Abteilung Ostwestfalen-Lippe
Willi-Hofmann-Str. 2
32756 Detmold
owl@lav.nrw.de

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