Netphen: Stadtarchiv – „Luxus“ versus Kernaufgabe

Aus der Haushaltsdebatte. Ein Beitrag zur Blogparade #Archivpolitik

Der SPD Fraktionsvorsitzende Manfred Heinz brachte in seiner Haushaltsrede folgenden Antrag ein: “ …. Zugleich spricht der Bürgermeister beim Vorschlag, die Stadtarchivarbeit zu verbessern, im FB-Stil verächtlich von einer „Spielwiese“. Und dies, obwohl nach einem ausführlichen Gutachten des RPA und einer stundenlangen Sitzung im RP-Ausschuss deutlich geworden ist, dass eine Überziehung im sechsstelligen Euro-Bereich bei einer Maßnahme möglicherweise auch dadurch mit verursacht worden ist, dass eine wichtige Bauakte nicht mehr auffindbar gewesen sei.
Wir beantragen

  1. dass die Verwaltung eine interkommunale Zusammenarbeit mit Nachbar-gemeinden, z.B. Wilnsdorf und Hilchenbach, vereinbart mit dem Ziel einer gemeinsamen fachlich einwandfreien Archivarbeit. Keine Zukunft ohne Herkunft! Keine Recherche ohne Archivierung. Keine Globalisierung ohne Heimat. Wir wissen zugleich, dass wir uns in der Kulturarbeit und beim Museum zukunftsfähiger aufstellen müssen! …..“

Bürgermeister Paul Wagener reagierte in seiner Haushaltsrede, S. 17 – 18, auch darauf:

“ ….Archivierung von Daten
Diese Aufgabe hat uns in einem anderen Zusammenhang in der DezemberSitzung des Rates beschäftigt. Deshalb einige Anmerkungen: Die Stadt Netphen unterhält gem. § 1 Ziffer 2 des Archivgesetzes Nordrhein-Westfalen (ArchivGNRW) ein öffentliches Archiv. Archivgut sind alle,gegebenenfalls nach Ablauf der Verwahrungs- bzw. Aufbewahrungsfristen in das Archiv übernommenen archivwürdigen Unterlagen, an deren Archivierung ein öffentliches Interesse besteht. Archivwürdig sind nach § 2 Abs. 6 ArchivG NRW Unterlagen, denen ein bleibender Wert für Wissenschaft und Forschung, historisch-politische Bildung, Gesetzgebung,
Rechtsprechung, Institutionen oder Dritte zukommt. Über die Archivwürdigkeit entscheidet das zuständige Archiv unter Zugrundlegung fachlicher Kriterien.
Das Archiv der Stadt Netphen wird nach diesen Kriterien geführt; die Zuständigkeit liegt beim Fachbereich I/3 – Ordnung und Bürgerservice – und ist verortet in der Stelle I/3-16. Diese Zuordnung steht im Kontext mit dem Gutachten der Kommunalen Gemeinschaftsstelle für Verwaltungsvereinfachung – heute kommunale Gemeinschaftsstelle für Verwaltungsmanagement -, wonach „wegen der kulturellen
Archivfunktionen eine organisatorische Verbindung mit dem Kulturamt vorgeschlagen wird.“
Nach diesem Gutachten ist der Personalbedarf örtlich zu ermitteln, wobei die „Ermittlung des örtlichen Personalbedarfs durch pauschale überörtliche Richtwerte oder Personalkostenvergleiche nicht empfohlen wird, weil Personalbestand und Kosten sich aus einer Vielzahl von Elementen zusammensetzen die örtlich verschieden sind.“
Archivaufgaben gehören zum unerlässlichen Aufgabenbestand jeder Kommune. Mit welcher Intensität die Archivaufgaben im Einzelnen am Ort wahrgenommen werden, ist eine Frage des historischen Selbstverständnisses der Kommune und hängt von der historischen Bedeutung des Archivs für die Gemeinde und die Wissenschaft, der
Einbindung ehrenamtlicher Geschichts- und Heimatvereine, letztlich den Finanzmitteln, die für die Wahrnehmung der Archivaufgaben zur Verfügung stehen und der Größe der Geschichte der Gemeinde ab.
Die Archivaufgaben lassen sich unterscheiden in Kernaufgaben und ergänzende Aufgaben. Die Gemeinde/ Stadt Netphen hat sich vor vielen Jahrzehnten auf die archivarischen Kernaufgaben beschränkt. (Übernahme, Verwaltung, Pflege und Erschließung archivwürdiger Aufgaben; Auskunftsdienst; Sammlung von Dokumenten zur Gemeindegeschichte; Mitwirkung in Angelegenheiten der Aktenordnung einschließlich Aktenverwaltung).
Die Gesamtjahreskosten für einen neu zu schaffenden Vollzeit-Arbeitsplatz eines Archivars würden sich auf rd. 86.000 € belaufen. (Berechnung auf der Grundlage des KGSt-Berichtes 9/2018 unter Zugrundlegung einer Eingruppierung nach EG 9 b (abgeschlossene Hochschulausbildung)). Wir warnen vor finanzwirksamen Anträgen, die eine Stellenmehrung zur Folge haben, zudem die Ehrenamtler in diesem Tätigkeitsbereich düpieren könnten; ein umfassendes Archiv wäre ein teurer
Luxus. Ob dies Netphen wirklich voranbringt, sei mit Fragezeichen versehen. …..“
Die Westfälische Rundschau berichtete in ihre Print-Ausgabe vom 26.1.2019 wie folgt über diesen Punkt der Debatte: “ ….. Darum ging es in der Haushaltsdebatte auch:: … Für eine „fachlich einwandfreie Archivarbeit“ soll Netphen mit Wilnsdorf und Neunkirchen zusammenarbeiten. Auch das wurde einstimmig beschlossen. Allein das nicht Wiederauffinden einer Bauakte habe Schaden in sechsstelliger Höhe verursacht, sagte Manfred Heinz (SPD). „Ein umfassendes Archiv wäre ein teuerer Luxus“, sagte dagegen Bürgermeister Wagener. Netphen beschränke sich auf die „archivarischen Kernaufgaben.“

Quellen: Stadt Netphen, 25.1.2019, SPD Netphen, 27.1.2019, Westfälische Rundschau, 26.1.2019 (print)

29 Gedanken zu „Netphen: Stadtarchiv – „Luxus“ versus Kernaufgabe

  1. Pingback: Zehn Fragen zur Archivierung in Netphen – und | siwiarchiv.de

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  3. Ist die Aussage „Ein umfassendes Archiv wäre ein teuerer Luxus“ denn grundsätzlich falsch? Wenn ja, bitte ich um Erläuterung. Ich frage, weil der Obdachlose, der dieser Tage, als ich frühmorgens in der Volksbankfiliale Geld abgehoben habe, dort in der Ecke lag, das sicher genauso sehen würde. Und mit ihm vermutlich alle anderen im Elend lebenden Erdenbürger. Nichts gegen Luxus, aber es sollte doch jeder/jedem klar sein, dass man ihn nur haben kann, wenn man anderen etwas wegnimmt. 86.000 Euro pro Jahr für einen studierten Archivar? Pflegeheime, Krankenhäuser, die Freiwillige Feuerwehr usw. hätten zweifellos auch Verwendung für das Geld, und das würde zu recht niemand für Luxus halten.

    • Versuchen Sie es lieber mit einem Kommentar, der nicht versucht, obdachlose Menschen gegen die qualifizierte Arbeit in einer Institution auszuspielen, die Pflichtaufgabe und elementarer Bestandteil einer demokratischen Gesellschaft ist. Die beiden Themen haben nämlich nichts miteinander zu tun, auch wenn man sich um beide sorgen muss.

    • Offenbar haben Sie den Artikel nicht vollständig zur Kenntnis genommen: das Nicht-Auffinden einer Bauakte, die in einem ordnungsgemäß geführten Archiv noch hätte aufgefunden werden können, hat alleine einen Schaden in sechsstelliger Höhe verursacht. Davon alleine hätte man das Archiv vermutlich schon ein paar Jahre finanzieren können, zukünftige, ähnlich teure Fälle könnten zudem vermieden werden.
      Ein vernünftig geführtes Archiv ist eben kein unnötiger Luxus, sondern nicht umsonst eine rechtssichernde Pflichtaufgabe, die Kommunen zu erfüllen und zu finanzieren haben – davon profitieren dann irgendwann auch Feuerwehr und Pflegekräfte. Und inwiefern der Obdachlose jetzt darunter leidet, dass eine Kommune eine Pflichtaufgabe auch ausreichend finanziert, müssten Sie mir noch mal erklären, wenn es nicht nur reiner Whataboutism sein sollte.
      Ein/e ausgebildete/r Archivar/in ist u.a. ein Spezialist für Verwaltungsschriftgut, der viele gesetzliche Regeln im Kopf haben muss, wenn es um die Aufbewahrung und Archivierung von amtlichem Schriftgut geht. Er/Sie muss in der Lage sein, zu entscheiden, welche Akten so aussagekräftig sind, dass man sie in die 5-10% der Akten aufnimmt, die dauerhaft, also für immer, aufbewahrt werden – mehr dürfen es auf keinen Fall sein, schließlich wollen Sie nicht jedes Jahr ein neues, fachgerechtes und teures Magazin bauen, damit die Räume nicht von neuem überquellen (das Magazin müssen Sie selbstverständlich aus fachlicher Sicht mitplanen, ansonsten hat in Ihrer Verwaltung ja niemand Ahnung von den notwendigen räumlichen und klimatischen Voraussetzungen). Trotzdem muss diese Entscheidung getroffen werden, für die man u.a. wissen muss, welche Unterlagen von wem geführt werden – ist der eine Ordner mit wichtigen Niederschriften jetzt das „Original“ oder sind es nur Kopien? War die Abteilung, aus der diese Akten kommen, federführend für den Vorgang oder nicht? Sind die Unterlagen bei der eigentlich federführenden Stelle noch vorhanden oder hat sie dort jemand vorzeitig entsorgt? Werden die Ordner mit Unterlagen zu Baumaßnahmen an der Kreisstraße jetzt noch gebraucht oder blockiere ich mir damit nur wertvollen Platz im Magazin? Wenn ich jetzt entscheide, dass die Akten nicht dauerhaft ins Archiv sollen, dürfen die dann jetzt schon entsorgt werden, damit der drängelnde Hauptabteilungsleiter mehr Platz in seinem Aktenkeller hat, oder gibt es gesetzliche Regelungen, nach denen die Akten noch 20 Jahre aufbewahrt werden müssen? Gleichzeitig müssen Sie diesen Hauptabteilungsleiter daran hindern, Akten einfach so zu schreddern und damit unersetzbare Unterlagen mit historischem Wert zu vernichten. Der/die Archivar/in muss wissen, warum Akten zwischen 1850 und 1950 vom Zerfall bedroht sind und was man dagegen tun kann, warum Papierfischchen, Metall und Plastik ein Problem sind, was die Vermerke auf preußischen Akten bedeuten, er/sie muss diese Akten (und noch viel ältere Schriftstücke aus zig Jahrhunderten) lesen und beurteilen können, er/sie muss in der Lage sein, diese Unterlagenin einer Spezialsoftware aussagekräftig zu inventarisieren („Verzeichnen“ und zu einem „Findbuch“ zusammenstellen), damit Sie, wenn Sie irgendwann mal etwas im Archiv suchen, auch etwas finden. Er/sie muss entscheiden, welche Unterlagen so wichtig sind, dass es sich lohnt, sie zu digitalisieren (denn alles kann man nicht digitalisieren), anschließend muss er/sie zumindest über soviel technischen Sachverstand verfügen, dass er/sie die Digitalisate auch ins Internet bekommt, bequem verknüpft mit den beschreibenden Informationen aus dem Findbuch und so aufbereitet, dass Sie die 200 Seiten eines Personenstandsregisters von 1820 (in dem Sie gerade ihre Vorfahren suchen) zuhause im Internetbrowser schön durchblättern können und nicht jedes Digitalisat einzeln ohne Zusammenhang anschauen müssen. Dabei muss er/sie natürlich u.a. das Urheberrechtsgesetz und die Datenschutzgesetze im Kopf haben, denn niemand möchte, dass seine Geburtsurkunde vor Ablauf der gesetzlichen Schutzfristen im Internet verfügbar ist. Wenn er/sie damit fertig ist, muss er/sie dem Bürgermeister Details zu einem Jubiläum heraussuchen (die nur zu finden sind, wenn frühere Generationen im Archiv vernünftig verzeichnet haben), u.U. den Geschichtsverein bespaßen (der sich auch vor allem dann freut, wenn er die historischen Bestände des Archivs auch nutzen kann und die nicht irgendwo im Heizungskeller in 40 Jahre alten Kartons gestapelt sind), seinen/ihren Job als Stadtchronist/in erfüllen (das gesellschaftliche Leben der Stadt soll ja auch dokumentiert werden), vielleicht noch schnell den Nachlass eines bedeutenden Bürgers sichern, den die Erben gerade verscheuern wollen und verschiedene Arten von Recherchen beantworten. Zu guter Letzt muss er/sie inzwischen auch ein tieferes Verständnis u.a. von elektronischer Aktenführung, Dokumentenmanagementsystem, eGovernment, Dateiformaten und deren Archivierbarkeit, der Haltbarkeit von Datenträgern (haben Sie schon mal versucht, mit Ihren 15 Jahre alten, selbstgebrannten CD-ROMs oder Ihren 20 Jahre alten Disketten zu arbeiten?), Datenaustauschschnittstellen zwischen verschiedenen aktenführenden Systemen und der elektronischen Langzeitarchivierung im Allgemeinen. Möglicherweise muss er/sie sogar maßgeblich an der Einführung eines Dokumentenmanagementsystems mitarbeiten (weil sonst niemand mehr Ahnung von vernünftiger Aktenführung hat), AGs zur Verbesserung der Schriftgutverwaltung in der Verwaltung leiten (damit beim nächsten Mal die Bauakte nicht verschwindet), und so weiter, und so weiter. Von der historischen Bildungsarbeit mit Schulen, Vorträgen, Ausstellungen etc. fange ich gar nicht erst an. Wie Sie jetzt vielleicht sehen, benötigen Sie hier eine/n Spezialistin/en, der/die gut ausgebildet ist und der weiß, was er/sie tut und der genug Zeit für seine zahllosen Aufgaben hat. Ein modernes, fachgerechtes Archiv kann unmöglich mit einer Verwaltungskraft, die mit ein paar Stunden die Woche ins Archiv abgeordnet wird, geführt werden. Egal, wie sehr sich diese Kraft bemüht, sie wird die umfangreichen Anforderungen nicht erfüllen können und aufgrund von fachlicher Überforderung und Zeitmangel im Zweifel alles nur noch schlimmer machen. Spezialisten haben ihre Berechtigung und dürfen dafür auch entsprechend bezahlt werden (die 86.000 € sind übrigens nicht das Bruttogehalt, sondern die Arbeitgebergesamtkosten; das Bruttogehalt beträgt etwa die Hälfte). Sie gehen ja schließlich, wenn Sie Zahnprobleme haben, auch nicht zu Ihrem Nachbarn mit der Bohrmaschine, weil der billiger ist als der Zahnarzt.

      • … Und neben den vielen anspruchsvollen Tätigkeiten muss die Archivarin dann in ihrer Dienstzeit auch noch Deppen wie mich belehren. Wahrlich, ein hartes Schicksal.
        Der Netphener Bürgermeister (den ich nicht kenne und dem ich nichts schulde) hat, wenn ich das richtig verstehe, sinngemäß gesagt:
        1. Die Erledigung der archivischen Kernaufgaben ist in seiner Kommune gewährleistet. 2. Darüber hinausgehenden „teuren Luxus“ (nämlich eine wissenschaftliche [!] Leitung des kleinen Archivs) kann oder will man sich nicht leisten. Was daran verwerflich sein soll, sehe ich nicht. Sollten die in Netphen für das kommunale Archiv Zuständigen mangelnde Kompetenz an den Tag legen, müßte eben eine Lösung gefunden werden (was aber kein Thema des derzeitigen Kommunalwahlkampfes sein sollte). Sie durch einen Hochschulabsolventen zu ersetzen, wäre nicht die einzige und auch nicht zwangsläufig die beste Option. Allen nicht-akademischen Archivmitarbeitern (ob bezahlt oder ehrenamtlich) pauschal fehlende Professionalität zu unterstellen, ist dünkelhaft und beleidigend. Diese Personen leisten oft hervorragende und anerkannte Arbeit. Ob Hochschulabgänger (in dieser Sparte wohl meist Historiker, möglichst noch promoviert) diese in jedem Fall so viel besser machen würden, wage ich zu bezweifeln.
        Übrigens: Da Sie mit dieser obskuren Bauakte argumentieren, verfügen Sie hoffentlich über Hintergrundinformationen , die mir und den meisten anderen Lesern fehlen. Ohne Kenntnis der näheren Umstände sollte man es nämlich lieber unterlassen, öffentlich zu suggerieren, das Verschwinden dieser Akte sei im Archiv von einem unfähigen bzw. schlampigen Mitarbeiter verschuldet worden.
        Zum Thema „Luxus“ könnte man lange philosophieren, wenn es einen Sinn hätte. Jeder mitdenkende und nicht übermäßig selbstbezogene Mensch weiß aber auch so, was gemeint war. Wenn Sie noch ein anderes Beispiel haben wollen: Ich als historisch Interessierter finde Archive toll; noch toller hätte ich es aber gefunden, wenn meine schwer demente Mutter ihre letzten drei Lebensjahre nicht in einer Pflegeeinrichtung hätte verbringen müssen, die ihr wegen ungenügender Personalausstattung nur menschenunwürdiges Dahinvegetieren bieten konnte. Ich bin mir sicher, dass sich viele Archivbenutzer zugunsten einer sozial gerechteren Verteilung der beschränkten Ressourcen damit arrangieren könnten, dass sich Archive und andere kulturelle Einrichtungen beim Geldverschenken bescheiden hinten anstellen, solange sie ihre „Kernaufgaben“ jederzeit voll erfüllen können. Dass es aber auch genug verwöhnte Zeitgenossen gibt, die das niemals für sich akzeptieren würden, steht außer Zweifel.

        • Bitte lesen Sie auch den Kommentar von Frau Wolf und verkneifen Sie sich, die nächste Einrichtung der sozialen Daseinsfürsorge an Land zu ziehen, um zwei vollkommen unterschiedliche Bereiche gegeneinander auszuspielen.
          Keine Pflegeeinrichtung wird personell besser ausgestattet, nur weil ein Archiv eine wissenschaftliche Kraft weniger beschäftigt. Wie Herr Schröter-Karin aufgezeigt hat, helfen Archive sogar dabei, Ressourcen einzusparen (die dann wiederum Geld sparen). Ihr Unmut ist hier fehl am Platz.

          • „Zwei vollkommen unterschiedliche Bereiche“, die, wie Sie oben schrieben, „nichts miteinander zu tun haben“ – klar, so kann man das sehen. Muss man aber nicht. Vielleicht fallen Ihre Scheuklappen mit fortschreitender Lebenserfahrung von selbst ab, und Sie erkennen irgendwann, dass es nur diese eine Gesellschaft mit eng verflochtenen Verantwortlichkeiten gibt. Und nein, mein Unmut über verwöhnte (wenn auch „politisch korrekte“) Wohlstandsbürger, die ihre jeweiligen Standesinteressen für den Nabel der Welt halten, ist keineswegs fehl am Platz.

        • Sehr geehrter Herr Kunzmann,
          es ging mir nicht darum, Sie zu belehren, sondern deutlich zu machen, dass der Archivarsberuf heutzutage deutlich mehr ist als nur Akten zu stapeln. Das das offenbar falsch rübergekommen ist, tut mir sehr leid.
          Es geht hier außerdem nicht darum, Verwaltungsbeschäftigten Schlamperei zu unterstellen. Vor Schlamperei würde auch eine Fachausbildung nicht schützen. Es geht darum, dass Verwaltungsbeschäftigte mit zu wenig Ressourcen eine Aufgabe erfüllen sollen, denen sie schlicht und ergreifend nicht gewachsen sind, u.a., weil sie nicht dafür ausgebildet sind. Wenn ich als ausgebildeter Archivar ins Ordnungsamt abgestellt würde und dort meinen Job dann mit der Hälfte der benötigten Stundenanzahl erledigen sollte, würde garantiert auch nichts Gutes dabei herauskommmen.
          Das der Bürgermeister behauptet, es wäre alles in Butter, wundert mich nicht, aus meiner eigenen Erfahrung (ich bin als Archivar für sechs Kommunen zuständig) kann ich Ihnen aber versichern, dass das bei der Ausstattung des Archivs gar nicht stimmen kann.
          Zudem handelt es sich bei einem/r ausgebildeten Archivar/in, der nach Tarifstufe 9b eingestellt wird, nicht um jemanden, der im Keller rumsitzt und sich in wissenschaftlichen Wolkenkuckucksheimen rumtreibt. Es handelt sich um Beschäftigte mit einem FH-Bachelor bzw. einer dreijährigen verwaltungsinternen Ausbildung zum Diplom-Archivar. Ich missachte im übrigen auch niemanden, der keine akademische Ausbildung hat, das archivische Berufsfeld erstreckt sich schließlich auch auf Fachangestellte für Medien- und Informationsdienste, Fachrichtung Archiv, die ebenfalls eine Ausbildung absolviert haben. FaMIs leisten hervorragende und unersetzbare Grundlagenarbeit, auch wenn sie halt nicht dafür ausgebildet werden, handschriftliche Texte aus dem 17. Jh. zu lesen. Ich bin im sogar der Meinung, dass man lieber einen Diplom-Archivar einstellen sollte, als einen promovierten Historiker ohne Archivausbildung. Ein guter Historiker ist schließlich noch lange kein guter Archivar. In Netphen ist aber eben gar keine ausgebildete Archivfachkraft am Werk, und das ist m.E. ein großes Problem, da die Aufgaben und Anforderungen im Archivarsberuf in den letzten 20 Jahren größer und nicht kleiner geworden sind.

          Im Übrigen tut es mir leid, was Ihrer Mutter widerfahren ist, ich hoffe, das meinen Eltern so etwas erspart bleibt. Da das Personal in Pflegeeinrichtungen allerdings i.d.R. nicht durch Steuergelder finanziert wird, sehe ich nicht, was das mit einer Personalstelle der Stadt Netphen zu tun hat. Wenn Sie mir die Ergänzung gestatten, würde ich allerdings behaupten behaupten, dass Ihnen ein besser bezahlter Facharchivar hier mehr geholfen hätte, da durch dessen höheres Gehalt höhere Beiträge zur Pflegeversicherung geleistet werden könnten. Die Pflegeversicherung wiederum zahlt indirekt das Gehalt der Pflegerinnen und Pfleger in der Altenpflege.

        • Ach Herr Kunzmann, über unsere Arbeit erzählen wir gern, haben wir es doch oft mit Vorurteilen zu tun. Dafür können die meisten nicht mal was, da liegt eben noch viel Arbeit vor uns. Das ist kein hartes Schicksal, sondern Teil unserer Aufgaben. Ohne in die konkreten Verhältnisse vor Ort genauer eingeweiht zu sein, glauben Sie uns, haben wir eine zu unserem Leidwesen vermutlich ziemlich treffende Vorstellung davon, wie die Kernaufgaben, die der Bürgermeister hier erfüllt sieht, tatsächlich abgedeckt sind. Wie hier schon kommentiert wurde, geht das nicht gegen diejenigen, die tapfer versuchen, das Beste aus der Situation zu machen. Warum wir uns das vorstellen können? Weil wir das Ergebnis unterausgestatteter Archive mehr als einmal gesehen haben. Wir sind Kummer gewöhnt. Wenn Sie sich für die Arbeit der Archive tatsächlich interessieren, was schön wäre, wüssten Sie, dass wir alles andere als Geld verschenken. Und bei allem Verständnis für Ihre persönlichen Erfahrungen: Aufrechnen hat noch nie jemandem mehr gebracht. Das weiß jeder mitdenkende Mensch. Oh, und damit keine Missverständnisse aufkommen: „Ob Hochschulabgänger (in dieser Sparte wohl meist Historiker, möglichst noch promoviert) diese in jedem Fall so viel besser machen würden, wage ich zu bezweifeln.“ Mal abgesehen davon, dass wir tatsächlich wissen, was wir tun, geht es hier nicht um promovierte Historiker. Die angesprochenen Aufgaben und die Eingruppierung in E9 zielen auf ein Diplom oder BA in Archivwissenschaft ab. Wenn Sie sich wirklich für Archive interessieren, finden Sie z. B. hier: https://www.archivschule.de/ mehr Informationen.

    • Den Kommentaren von Frau Friedrich und Herrn Schröter-Karin ist kaum noch was hinzuzufügen. Sie sehen, Herr Kunzmann, es ist nicht das erste Mal, dass wir mit dem Vorwurf konfrontiert werden, Archive seien ein verzichtbarer Luxus. Einzelne Pflichtaufgaben einer Gemeinde – Kindergärten und Schwimmbäder werden da auch immer gern herangezogen, die Feuerwehr tatsächlich seltener – gegeneinander ausspielen zu wollen ist wenig hilfreich. Genauso wenig wie ein Bürgermeister, der meint, die archivischen Pflichtaufgaben könne man auch Ehrenamtlichen überlassen. Über die angemessene Verteilung der verfügbaren Mittel wird in jeder Kommune jedes Jahr in den Haushaltsanträgen verhandelt. Und ja, Archive sind, ohne pathetisch zu sein, unverzichtbar für eine Demokratie. Nachvollziehbarkeit des Verwaltungshandelns ist da ein Stichwort. Das gilt auch für die „kleinen“.

  4. Sehr geehrter Herr Kunzmann,

    als Abschluss, da ich mich dann aus der Diskussion zurückziehen werde: ich muss keine Besitzwahrung betreiben, ich habe inzwischen einen gut bezahlten Job.
    Diesen Job habe ich im übrigen, weil ich erst ein Universitätsstudium absolviert und mich dann auf eigene Kosten (mittlerer 4-stelliger Betrag) in einem berufsbegleitenden Studium zum Archivar weitergebildet habe. Währenddessen habe ich zehn Jahre auf befristeten Stellen gesessen. Ja, es hat sich gelohnt, dafür habe ich aber auch hart genug gearbeitet.
    Ich habe keine Ahnung, wie Sie einen Wohlstandsbürger definieren, offenbar gehören wir ja dazu, da Sie mit einiger Verachtung von Fachpersonal sprechen. Bitte denken Sie aber weiterhin daran: Sie möchten von ausgebildeten Polizisten geschützt werden, nicht von irgendwelchen Hilfssherrifs; Sie möchten, dass ein ausgebildeter Handwerker Ihr Haus baut und repariert und nicht der Kumpel vom Schwager vom Nachbarn, damit es nicht beim ersten Sturm auseinanderfällt; Sie möchten, dass ein ausgebildeter Zahnarzt Ihre Zähne bearbeitet und nicht irgendein Metzger mit einem Bohrer in der Hand, nur weil der billiger ist. Wenn Sie Geld und/oder Zeit in etwas investieren, erwarten auch Sie, dass da hinterher etwas bei rausspringt. Und wenn Ihre Kommune einen Beschluss zu Ihren Gunsten trifft, erwarten auch Sie, dass dieser Beschluss Bestand hat und nicht zehn Jahre später jemand behauptet, den Beschluss habe es nie gegeben und es nicht mehr nachweisbar ist, weil die Akten weg sind.
    Auch, wenn Sie das gerade nicht sehen wollen, leisten Archive eine wichtige Arbeit (wenn man sie lässt), die keine Spielerei für irgendwelche Spinner ist, sondern eine gesetzlich festgelegte Pflichtaufgabe einer Kommune. Von dieser Arbeit, die aufgrund ihrer Anforderungen zwangsläufig von Fachpersonal erledigt werden muss, profitieren auch Sie.
    Das Sie offenbar der Meinung sind, dass dieses Fachpersonal nicht entsprechend seiner Ausbildung bezahlt werden muss, finde ich überaus traurig.

    Mit freundlichen Grüßen
    Tobias Schröter-Karin

  5. @alle
    1) siwiarchiv steht eigentlich für einen wertschätzenden Umgang. Unbegründete persönliche Angriffe werden hier zukünftig nicht mehr zugelassen.
    2) Die Diskussion kann m. E. entlang folgender Fragen weitergeführt werden: Sind Archive gleich wichtig wie soziale Leistungen? Wenn ja, warum?

  6. Sehr geehrter Herr Schröter-Karin,
    Sie haben sehr viele Eulen nach Athen getragen und offene Türen eingerannt. Da meine Biographie hier nicht von Belang ist, lasse ich es dabei bewenden.
    Wo ich angeblich „Verachtung für Fachpersonal“ geäußert haben soll, können Sie ja fairerweise noch nachtragen; ich sehe es nicht. Behauptet habe ich lediglich, dass ein kommunales Archiv wie das in Netphen („Stadt“ erst seit den Gebietsreformen der 1960er Jahre, eigentlich ein Konglomerat kleiner bis kleinster Landgemeinden) nicht unbedingt einen wissenschaftlichen Archivar benötigt, wenn in andern vergleichbaren oder größeren oder älteren Kommunen das Archiv von abgeordneten Sachbearbeitern oder umgeschulten Gymnasiallehrern oder FH-Absolventen über viele Jahre sehr professionell geleitet wird. Da könnte ich Hilchenbach, Freudenberg, bis vor ein paar Monaten Siegen und sicher noch etliche andere nennen. Anscheinend wurde in Netphen (genau weiss ich es nicht) von der SPD-Ratsfraktion die Maximalforderung erhoben, die dann vom parteilosen Bürgermeister als „Luxus“ in Frage gestellt wurde. Ich hoffe wie vermutlich auch Sie, dass am Ende ein sinnvoller Kompromiss zustande kommt, also: Ein bißchen kleinere, aber dennoch solide Brötchen backen.
    Das derzeitige Wahlkampfgetön mit der Anspielung auf eine „nicht auffindbare Akte“ zu motivieren, halte ich für unseriös, wenn hier nicht eindeutige Indizien gegen den ehrenamtlichen Archivbetreuer vorgebracht werden können. Wenn es die von mir vermutete Person ist, handelt es sich nicht um irgendeinen heimatforschenden Kaninchenzüchter, sondern um einen pensionierten höheren Verwaltungsbeamten eben dieser Stadt Netphen, der wegen seiner früheren Dienstaufgaben sicherlich eine wichtige Bauakte erkannt und nicht weggeworfen hätte. Soviel abschließend dazu.
    Ja, ich halte Sie und mich und alle anderen Einwohner dieses Landes, die mehr als ihre elementaren Lebensbedürfnisse befriedigen können, für Wohlstandsbürger. Und bevor Sie fragen: Ich habe dem Obdachlosen neulich keinen der eben aus dem Automaten gezogenen Scheine zugesteckt. Darum geht es auch überhaupt nicht. Mir gehen nur Hybris, Scheinheiligkeit und Selbstgerechtigkeit auf die Nerven. Davon sehe ich in den Verlautbarungen mancher Archivare (w/m) eine ganze Menge. Archivare können ebensowenig wie die Vertreter aller anderen Berufe diese kranke Menschheit mit einem Geheimrezept beglücken. Sie sind Rädchen im großen Getriebe, nicht unvergleichbar wichtiger als die übrigen Rädchen. Ein bißchen mehr Demut angesichts der existentiellen Probleme dieser Welt wäre angemessen.

    • 1) Ich würde mich sehr über die Beantwortung meiner Fragen freuen.
      2) Leider sind die Protokolle des Rechnungsprüfungsausschuss noch nicht öffentlich, so dass kein Beleg für die gemachten Aussagen zur „Aktenaffäre“ eingereicht werden kann.

      • Lieber Herr Wolf, inzwischen ist es ein wenig unübersichtlich geworden, aber Ihre Fragen waren ja wohl an mich gerichtet.
        1.) Nein, Sie haben das nicht richtig verstanden. Ich habe nicht gefordert, dass die Stadt Netphen archivische Personalkosten in andere Bereiche investieren solle. Ich habe (mit zwei lediglich der Illustration dienenden Beispielen) daran erinnert, dass die den Archiven für ihre Arbeit zur Verfügung gestellten und nicht von ihnen selbst produzierten materiellen Werte auch anders verteilt werden könnten, wenn die Gesellschaft andere Prioritäten setzen würde. Archivare können keinen gesellschaftlichen Paradigmenwechsel anstoßen, aber ihnen sollte bei ihrem relativ hohen Bildungsstand bewußt sein, auf wessen Kosten sie (und viele andere, ich auch) letztendlich leben.
        2.) Das ist mir nicht entgangen, und gerade das war der Aufhänger für meine eingangs gestellte Frage: Wenn der SPD-Stadtrat den Eindruck zu erwecken versucht, der Bürgermeister wolle das Netphener Archivwesen plattmachen, ist mir das suspekt. Wenn es zutrifft, dass das Bestehende vorerst sicher ist und sogar noch ausgebaut werden soll, wären unrealisierbare zusätzliche Forderungen durch den Stadtrat eher kontraproduktiv. „Alles oder nichts“ kann kein Grundsatz vernünftiger Realpolitik sein.
        Sofern ich das richtig verstanden habe, unterscheidet die Stadt Netphen in ihren Erwägungen zwischen einem ausbaufähigen Archiv, das seinen Kernaufgaben voll gerecht wird, und einem (Zitat:) „umfassenden“ Archiv, in dem wohl zusätzlich noch wissenschaftliche Forschung betrieben wird. Letzteres wäre wegen der Personalausstattung deutlich teurer und unter den gegebenen Umständen – ich bleibe dabei – ein „Luxus“. So etwas ähnliches gab es in den 1950 Jahren in Siegen mit der vom Stadtarchivar geleiteten „Forschungsstelle Siegerland“, und sogar dort hatte ein so ambitioniertes Projekt nur kurzen Bestand. Die ganze ausufernde Diskussion beruht auf der Unterstellung, ich habe den Sinn eines gut ausgebauten Kommunalarchivs (erste Variante) geleugnet. Vielleicht erst mal sorgfältig lesen, was wirklich dasteht, bevor der „Shitstorm“ losgelassen wird?

        • Vielen Dank für die Antwort! Gestatten Sie mir noch Nachfragen?
          – Wo genau findet sich der Beleg, dass an Stelle des wissenschaftlichen, höheren Archivdienstes gedacht ist? M.E. ist unter Berücksichtigung des Hinweises von Schröter-Karim eine Stelle des gehobenen Archivdienstes angedacht. Dies entspräche auch der Linie der landschaftlichen Archivpflege.
          – Sie unterstellen einer Äußerung, die sich auf einen Bericht im Rechnungsprüfungsausschuss bezieht, aus dem Januar 2019 „Wahlkampfgetöse“. Welcher Wahlkampf war denn das?

    • Bitte mit Quellen belegen, da sind wir berufsbedingt penibel, wenn Sie „Hybris, Scheinheiligkeit und Selbstgerechtigkeit“ mancher (?) ArchivarInnen ins Feld führen. Wie schon gesagt: Archive sind wichtiger Bestandteil einer Demokratie und das sage ich nicht, weil ich mich oder unsere Arbeit wichtig tun möchte. Es geht um Nachweisbarkeit, Nachvollziehbarkeit, die Möglichkeit, Rechenschaft einzufordern. Es geht um Verantwortung. Und das über das Heute hinaus. Keine Gemeinschaft ist zu klein oder zu unbedeutend, um eine Geschichte zu haben. Von Maximalforderung habe ich übrigens im Bericht nichts entdecken können (was der Bürgermeister unter einem umfassenden Archiv versteht, entzieht sich meinem Verständnis). Im Gegenteil, die vorgeschlagene interkommunale Zusammenarbeit ist ein vernünftiger Weg gerade für solche Kommunen.
      P. S.: Niemand wirft dem ehrenamtlichen Betreuer vor, die oder eine andere wichtige Akte vernichtet zu haben. Wenn ich da aus meiner Erfahrung sprechen darf: Die Aktenführung und -ordnung in den Verwaltungen werden oft mehr oder weniger stiefkindlich behandelt. Akten, die länger nicht mehr gebraucht werden oder geschlossen in der sogenannten Altregistratur liegen, haben es da besonders schwer. Sie verschwinden häufig, ohne dass es jemandes Absicht oder Versagen wäre. Die Strukturen müssen stimmen. Eine ehrenamtliche Betreuung kann beim besten Willen keine fachlich qualifizierte Aufgabenerfüllung ersetzen, gerade was Beratung und Übernahme angeht und gerade, wenn nicht nur im Archiv, sondern auch in der Registratur gespart wird.

  7. Also ich finde, man sollte diese Lebensbereiche nicht gegeneinander ausspielen. Ich als Bürger finde, es gibt Berufsgruppen, an denen sollte nicht gespart werden. Dazu gehören Feuerwehr, Polizei und Gesundheitswesen. Und natürlich kann man auch hier und da auf der anderen Seite bei Archiven und Museen sparen, warum auch nicht? Es muss ja wirklich kein kostspieliges Luxusarchiv sein. Bedenklich wird es nur da, wo Kernaufgaben nicht mehr erfüllt werden können, weil zwar die Aufgaben immer mehr geworden sind (Personenstandsunterlagen, digitale Archivierung), aber die Ausstattung nicht parallel mitgewachsen ist. Ein Archiv sollte man halt auch nicht kaputtsparen.

  8. Ob Archivarbeit tatsächlich Luxus ist? Nun solange es sich nur historische Ergebnisse archivischer Arbeit betrachtet werden, mag man dieser Einschätzung folgen – denn wer braucht schon Geschichte, wenn es darum geht, sich um einen Obdachlosen zu kümmern.
    Allerdings leist(et)en Archive auch immer Arbeit, die mehr oder weniger vielen Bürger*innen nutz(t)en. Archive als rechtwahrende Institutionen wurden hier zwar aufgeführt – allerdings bislang noch ohne Beispiele.
    Die Sicherung und Nutzung der Stasiunterlagen erlaubt in den neuen Bundesländern nicht nur die historische Dokumentation einer staatlichen Unrechtsbehörde, sondern auch vielen einzelnen Bürger*innen konkrete Hilfe bei der „Bewältigung“ der eigenen Lebensgeschichte.
    Ebenfalls in den neuen Bundesländern ist die Rolle der Archive bei der Klärung der Eigentumsverhältnisse m. E. nie angemessen gewürdigt worden.
    Gleiches gilt für die Rolle der Archive bei der Entschädigung der Zwangsarbeiter*innen. Soll ich noch die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle in Kinderheimen erwähnen?
    Beinahe Tagesgeschäft von Kommunalarchiven ist die Mitarbeit an der Erstellung von Altlastenkataster, die Ermittlung von Arbeitszeiten bei Rentenfragen, die Vorlage von Adoptionsakten, die Mitarbeit bei der Erbenermittlung bis hin zur Ermittlung von Schulabgangszeugnissen, weil diese irgendwann einmal verlorengingen. Die Liste mag gerne ergänzt werden.
    Alle genannten Arbeiten könnhen von Ehrenamtlern angefangen ausgeübt werden; dies gilt aber auch für die genannten sozialen, gesundheitlichen oder pflegerischen Bereiche.

  9. Dann erkläre ich es eben noch einmal. Es gibt eine ganz spezielle Frage von lokalem oder bestenfalls regionalem Interesse innerhalb des Kreises Siegen-Wittgenstein. Diese bewegt die Gemüter in der Gebietskörperschaft Netphen und wurde vom Moderator hier thematisiert: Benötigt Netphen ein funktionsfähiges Kommunalarchiv, wie es viele andere Kommunen dieser Größe und dieses Charakters, auch im Siegerland, haben? (Natürlich „ja“.) Oder benötigt Netphen, was anscheinend dem SPD-Stadtrat vorschwebt, ein Archiv mit darüber noch deutlich hinausgehenden Aufgaben, ein wissenschaftliches Archiv, womöglich mit Forschungsorientierung? Der Bürgermeister meint „nein“ und hält ein solches umfassenderes Archiv in Netphen für eine Nummer zu groß („Luxus“); ich habe gewagt, der gleichen Meinung zu sein.
    Über diese Netphener Kontroverse hätte man daraufhin auf Siwiarchiv Gedanken austauschen können. Das ist nicht geschehen. Auch gut. Statt dessen brach von weit her, teils aus Hessen und Schwaben kommend, eine gewaltige Sturmflut allgemeiner archivpolitischer Traktate herein, die an der speziellen Frage „Gutes bezahlbares Archiv oder luxuriöses zu teures Archiv in Netphen?“ total verbeigehen und mich mit Zurechtweisungen über die elementaren Grundlagen des Archivwesens volltexten. Danke, brauche ich nicht, Thema verfehlt. Und Ende.

    • Sorry, ich hatte übersehen, dass Sie dieser Tage auf einen schon bald zwei Jahre alten Beitrag verlinkt hatten, den ich daraufhin fälschlich für eine aktuelle Stellungnahme aus Netphen hielt. Seitdem dürfte viel Wasser die Sieg heruntergeflossen sein. (Für Ortsfremde: Die Sieg-Quelle befindet sich im Netphener Archivsprengel.) Das offensichtliche Mißverständnis hätte sich auch sofort mit 1-2 Sätzen korrigieren lassen. Nun ja. C’est la vie.

  10. Pingback: Debatte: Sind Archive Luxus? | Archivalia

  11. „Luxusarchive“ mag es im Lande Utopia geben. Ich halte das aber eher für einen aussichtsreichen Kandidaten für das Unwort des Jahres!

    • Ich denke, dass auch nicht an „Luxusarchive“ gedacht wurde. Vielmehr ging es bei der Diskussion um die Erledigung der Kernaufgaben eines kleinen Stadtarchivs. Einerseits wurde der Eindruck suggeriert, dass dies nur durch eine wissenschaftliche Kraft erfolgen können, demgegenüber stand die Position, dass das Führen eines kleinen Stadtarchivs durchaus auch mit „Bordmitteln“ (z. B. fortgebildete Verwaltungskräfte) machbar ist – vor dem Hintergrund, dass die Aufgabe „Archiv“ bereits ein Luxus ist. Gerade dieser letzte Punkt sollte m. E. tatsächlich intensiv diskutiert werden. Denn der Stellenwert von Archiven in den Gefügen ihrer Träger ist ja i. d. R. nicht eben hoch, wenn finanzielle Verteilkämpfe oder gar wachsende finanzielle Probleme des Trägers hinzukommen, ist dann ein Archiv eine quantité négligeable?

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